Wohnungsmarkt in Ostfriesland So kann der Traum vom Eigenheim doch noch wahr werden
Neuer Wohnraum wird in Ostfriesland dringend benötigt. Doch sowohl Investoren als auch junge Bauwillige halten sich zurück, berichten Finanzexperten der Sparkasse Leer/Wittmund. Woran liegt das?
Leer/Wittmund - Der Wunsch nach einem eigenen Häuschen ist mit 82 Prozent bei jungen Leuten nach wie vor groß. Besonders in Ostfriesland. Das Problem: Selbst für viele Paare, bei denen beide Partner voll berufstätig sind, bleibt das Eigenheim ein Traum. Der Grund: Ohne Eigenkapital können viele junge Familien die Baufinanzierung für ein 400.000-Euro-Haus angesichts gestiegener Baukosten und des hohen Zinsniveaus nicht stemmen. Welche Impulse sind nötig, um die Lage auf dem Wohnungsmarkt zu entspannen? Antworten auf diese und andere Fragen gaben Vertreter der Sparkasse Leer/Wittmund und der LBS NordWest in einem Pressegespräch.
Wie ist die aktuelle Situation auf dem Wohnungsmarkt?
Die Zahl der Baugenehmigungen im Landkreis Leer ist nach den Zahlen der Sparkasse Leer/Wittmund rückläufig. 2022 wurden noch 841 Bauvorhaben genehmigt, im darauffolgenden Jahr waren es 452 und 2024 waren es 385. Im Landkreis Wittmund liegen die Zahlen noch niedriger. 2022 wurden 403 Bauvorhaben bewilligt, 2023 waren es 249 und im vergangenen Jahr lag die Zahl bei 225. Die Wohneigentumsquote ist auf 42 Prozent gesunken. Das sind zwei Prozent weniger als noch vor zehn Jahren.
Also abwarten und Tee trinken?
Nach Einschätzung der Experten ist Warten nicht die richtige Strategie. „Mit einem Sinken der Baupreise ist nicht zu rechnen und auch die Bauzinsen werden stabil bleiben“, so die Prognose von Stephan Janssen, Leiter Vertriebssteuerung der Sparkasse Leer/Wittmund. Mit einer Trendwende im Neubau sei nicht zu rechnen. Sein Tipp: Junge Bauwillige sollten, beispielsweise mit einem Bausparvertrag, frühzeitig Kapital für ein Bauvorhaben anzusparen. Laut Ingo Fortkamp, stellvertretender Vorsitzender der Sparkasse Leer/Wittmund, müsse man heute bei der Finanzierung einen Eigenkapital-Anteil von 20 Prozent einkalkulieren.
Wie hat sich das Preisniveau entwickelt?
Voll erschlossene Grundstücke im Landkreis Leer kosten 122 Euro pro Quadratmeter. In der Stadt liegt der Quadratmeterpreis mit 261 Euro deutlich höher. Im Landkreis Wittmund liegt er bei 228 Euro pro Quadratmeter.
„Insbesondere, was den regionalen Wohnungsbau anbelangt, sind wir weit unter dem, was wir haben müssten“, machte Ingo Fortkamp deutlich. Nach Zahlen des Instituts der Deutschen Wirtschaft werden bundesweit 370.000 Wohnungen benötigt, das Bauministerium geht von 320.000 Wohnungen aus. Viele Altbauten aus den 1950er und 1960er Jahren seien sanierungsbedürftig. „Doch die so dringend benötigten neuen Wohnungen werden nicht gebaut.“
Aus welchen Gründen halten sich Investoren sich zurück?
„Neubauten sind derzeit nicht rentabel zu erstellen“, bringt Fortkamp das Hauptproblem auf den Punkt. Die Neubaukosten liegen nach Berechnungen der Bauexperten bei 4.500 Euro pro Quadratmeter. Bei einem Zinssatz von 3,5 Prozent und einem Prozent Tilgung müssten Investoren 17 Euro Miete pro Quadratmeter berechnen. „Ortsüblich in Leer sind neu bis elf Euro, in Wittmund sind es zehn Euro“, macht Fortkamp deutlich. Aber auch ein Mangel an Baugrundstücken, hohe Auflagen für Neubauten und lange Planungsprozesse seien nach seinen Worten weitere Gründe für die Zurückhaltung bei den Bauträgern. Die Folgen spüren alle, die aktuell eine neue Wohnung suchen. „Knapper Wohnraum führt zu deutlich steigenden Mieten.“
Welche Maßnahmen sind erforderlich?
„Die Politik muss die Rahmenbedingungen verbessern“, sagt Maik Jekabsons, stellvertretender Vorsitzender der LBS NordWest. Ansatzpunkte seien die Standardisierung der Gebäudetypen und die Herabsetzung der Bauvorschriften. Die Fachleute halten außerdem eine verlässliche Förderpolitik, höhere Abschreibungsmöglichkeiten sowie die Entlastung bei der Grunderwerbsteuer für unabdingbar.
Wie ist die Lage bei den Gebrauchtimmobilien?
„Die Immobilienpreise sind stabil mit leicht steigender Tendenz“, sagte Claudia Amelingmeyer von der LBS Immobilien NordWest. Ein freistehendes Einfamilienhaus im Landkreis Leer kostet knapp 280.000 Euro, in der Stadt Leer etwa 300.000 Euro. Das Niveau im Landkreis Wittmund ist mit 298.000 Euro vergleichsweise hoch. „Das liegt an der Nähe zu den Inseln und an den Küstenorten, die besonders beliebt sind.“
Wie sieht es auf den Inseln aus?
Apropos Inseln: Auf den Inseln wird seit jeher eher in den Bau neuer Ferienwohnungen als in Mietwohnungen für all diejenigen, die auf der Insel leben und arbeiten, investiert. Die Bereitschaft, in den Kauf von Gebrauchtimmobilien zu investieren ist nach Auskunft von Claudia Amelingmeyer von der LBS Immobilien NordWest ungebrochen hoch. „Das gilt insbesondere für Leute aus Nordrhein-Westfalen“, sagte sie. Nicht nur auf den Inseln, sondern an der Küstenlinie seien Immobilien gefragt. „Wir können froh sein, über jeden der kommt“, machte Ingo Fortkamp deutlich. Externes Geld sei gut. „Das ermöglicht den Kindern der Hausverkäufer, selbst ein Haus zu finanzieren.“
Generell sieht die Immobilien-Expertin Amelingmeyer in Gebrauchtimmobilien für junge Familien durchaus eine Chance, sich den Traum von den eigenen vier Wänden doch noch zu erfüllen. Viele Immobilien seien zwar nicht energetisch saniert. „Der Erwerb einer Gebrauchtimmobilie ist unter UmIn gebrauchten Einfamilienhäusernständen aber leichter zu finanzieren als ein Neubau“, so Amelingmeyer. Energetische Sanierungen können über mehrere Jahre verteilt oder auch in Eigenleistung realisiert werden. Allerdings sehen die Finanzexperten auch hier Handlungsbedarf bei der neuen Bundesregierung. „Es ist schwierig, sich im Dschungel der Förderprogramme zurechtzufinden“, sagte Maik Jekabsons. Ingo Fortkamp hält einen Großteil der Förderprogramme sogar für finanziell uneffektiv für die Hauseigentümer. Die energetische Modernisierung müsse einfacher und transparenter werden.