Was wird aus der Fernwärme?  Biomassekraftwerk in Wiesmoor meldet Insolvenz an

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 16.10.2025 09:55 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Noch sind die Brennstoff-Lagerflächen des Wiesmoorer Biomassekraftwerks im Gewerbegebiet Ilexstraße gefüllt und die Motoren brummen. Foto: Nicole Böning
Noch sind die Brennstoff-Lagerflächen des Wiesmoorer Biomassekraftwerks im Gewerbegebiet Ilexstraße gefüllt und die Motoren brummen. Foto: Nicole Böning
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Das Biomassekraftwerk im Süden von Wiesmoor steht vor einer ungewissen Zukunft: Nach der Insolvenz der WBE – Wiesmoorer Bioenergie GmbH ist die Versorgung mit Fernwärme in Gefahr. Wie geht es weiter?

Wiesmoor - Noch laufen die Motoren des Biomassekraftwerks im Wiesmoorer Süden – und hüllen die Umgebung in ein konstantes Brummen. Doch es gibt schlechte Nachrichten: Die WBE – Wiesmoorer Bioenergie GmbH hat Insolvenz angemeldet. Damit ist die Zukunft des Kraftwerks und der lokalen Wärmeversorgung in Wiesmoor ungewiss.

Wärmetauscher hinter dem Biomassekraftwerk der WBE – Wiesmoorer Bioenergie GmbH an der Ilexstraße. Foto: Nicole Böning
Wärmetauscher hinter dem Biomassekraftwerk der WBE – Wiesmoorer Bioenergie GmbH an der Ilexstraße. Foto: Nicole Böning

Am 30. September 2025 hat das Amtsgericht Aurich das vorläufige Insolvenzverfahren über das Vermögen der WBE angeordnet. Seitdem steht das Unternehmen unter der Aufsicht des vorläufigen Insolvenzverwalters, Rechtsanwalt Dr. Christian Kaufmann von der PLUTA Rechtsanwalts GmbH. Zwar läuft der Betrieb des Kraftwerks derzeit uneingeschränkt weiter, doch wie es langfristig weitergeht, ist noch offen.

Wie geriet das Unternehmen in Schieflage?

Wie konnte es so weit kommen? Nach Angaben des vorläufigen Insolvenzverwalters in einer Pressemitteilung geriet das Unternehmen in den vergangenen Monaten zunehmend unter wirtschaftlichen Druck. Die Gründe sind laut Pressemitteilung folgende: Zum einen gingen die Umsätze zurück. Zum anderen stiegen die Kosten für den Brennstoff.

Die erzeugte Abwärme versorgt bisher hauptsächlich die umliegenden Gartenbaubetriebe. Doch immer mehr angeschlossene Gärtnereien schließen, darunter auch die Gärtnerei Dehne. Über eine bestehende Fernwärmeleitung werden zwar zusätzlich einige Haushalte in der Umgebung beliefert. Ein Großteil der produzierten Wärme konnte bislang jedoch nicht genutzt werden, weil es zu wenige Abnehmer gibt. Die Hoffnung, durch den Ausbau des Wärmenetzes neue Einnahmequellen zu erschließen, konnte bislang nicht erfüllt werden.

Große Pläne für ein grünes Wärmenetz scheitern an den Kosten

Diese Entwicklung führte laut Pressemitteilung zu Liquiditätsschwierigkeiten, die schließlich in die Insolvenzanmeldung mündeten. Dabei hatte die Stadt Wiesmoor für das Kraftwerk große Pläne. Viele Jahre hatte die Stadtverwaltung vor, das Wärmenetz auszubauen. Sie wollte nicht nur die Gartenbaubetriebe, sondern auch das neue Gewerbegebiet D 11, das Rathaus, Schulen und das Hallenbad mit Fernwärme aus dem Biomassekraftwerk versorgen.

Eine Machbarkeitsstudie der Stadtwerke Bremen zeigte: Der Ausbau wäre technisch und grundsätzlich auch wirtschaftlich möglich gewesen. Der Weg schien also frei, das neue Gewerbegebiet als „Grünen Gewerbecampus“ zu vermarkten und es für Unternehmen durch nachhaltige Energie attraktiv zu machen. Doch als die Stadt die Bauarbeiten europaweit ausschreiben ließ, wurde klar: Die Angebote waren viel zu teuer. Das Projekt wurde gestoppt. Die Hoffnung, mit mehr Wärmeabnehmern das Kraftwerk zu retten, erfüllte sich nicht.

Betrieb läuft weiter – Zukunft der Arbeitsplätze ungewiss

Das Unternehmen beschäftigt am Standort Wiesmoor derzeit vier Mitarbeiter. Ihre Gehälter sind für die kommenden drei Monate durch das Insolvenzgeld abgesichert. Wie es für sie danach weitergeht, ist offen. Ziel der Insolvenzverwaltung ist es, möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten. Der Betrieb des Kraftwerks läuft vorerst weiter, auch die Wärmeversorgung der Kunden ist also erst einmal gesichert. Der vorläufige Insolvenzverwalter prüft jetzt gemeinsam mit der Geschäftsführung, ob das Unternehmen saniert oder verkauft werden kann.

„Wir sichern im ersten Schritt die Fortführung des Betriebs und prüfen die Optionen für eine Sanierung. Ziel ist es, eine tragfähige Nachfolgelösung für den Betrieb zu finden“, erklärt Dr. Christian Kaufmann. Bereits vor dem Insolvenzantrag sei die WBE-Geschäftsführung im Gespräch mit verschiedenen potenziellen Investoren gewesen, hieß es außerdem. Ziel war, in Wiesmoor das Wärmenetz auszubauen, um einen wirtschaftlichen Betrieb zu ermöglichen.

Hoffnung auf Fortbestand und nachhaltige Energieversorgung

Der Wiesmoorer Bürgermeister Sven Lübbers (parteilos) bedauert die aktuellen Entwicklungen: „Wir hoffen sehr, dass es mit dem Kraftwerk weitergeht und eine nachhaltige Lösung gefunden wird“, sagt er am Telefon – vor allem in Hinblick auf die aktuellen Wärmekunden. Auch die Pläne zum Ausbau der Fernwärmeleitung seien noch nicht vom Tisch, so Lübbers. „Vorausgesetzt, die Wärmepreise stimmen.“

Das Biomassekraftwerk in Wiesmoor ist seit 2012 in Betrieb. Es erzeugt nach Angaben des Unternehmens jährlich rund 17.500 Megawattstunden Strom und zwischen 18.000 und 24.000 Megawattstunden Heizungswärme. Als Brennstoff dienen vor allem Hackschnitzel, Holzreste und Schreddermaterial aus der Landschaftspflege. Die Biomasse wird verbrannt, die entstehende Hitze erhitzt Wasser zu Dampf.

Hinter dem Kraftwerk steckt ein Konzern – Zukunft bleibt offen

Dieser Dampf treibt eine Turbine an, die über einen Generator Strom produziert. Die entstehende Restwärme wird über Wärmetauscher in ein Fernwärmenetz eingespeist. So können Betriebe und Haushalte in der Umgebung mit umweltfreundlicher Heizenergie versorgt werden. Dieses Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung sorgt für eine effiziente Nutzung der eingesetzten Energie. In Deutschland wird die Erzeugung von Strom aus Biomasse durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gefördert.

Die Anlage der WBE in Wiesmoor zählt im deutschlandweiten Vergleich zu den eher kleineren Biomassekraftwerken. Mit 17.500 Megawattstunden Strom pro Jahr kann das Kraftwerk rechnerisch etwa 5000 bis 6000 durchschnittliche Haushalte versorgen (bei einem Jahresverbrauch von etwa 3000 Kilowattstunden pro Haushalt). Die erzeugte Heizungswärme reicht aus, um – je nach Gebäudetyp und Dämmstandard – mehrere Hundert bis über 1000 Haushalte oder größere Gewerbebetriebe zu beheizen.

Die WBE ist eine Tochtergesellschaft der Koehler Renewable Energy, die wiederum zur Koehler-Gruppe mit Sitz in Oberkirch (Baden-Württemberg) gehört. Die Koehler-Gruppe ist ein international tätiges Unternehmen mit Schwerpunkt auf Papierherstellung und erneuerbaren Energien. Das Familienunternehmen beschäftigt weltweit rund 2500 Mitarbeiter und ist in mehr als 20 Ländern aktiv. Mit ihren Tochterfirmen betreibt die Gruppe mehrere Anlagen zur nachhaltigen Energieerzeugung in Europa. Wie es mit dem Kraftwerk und der Wärmeversorgung in Wiesmoor weitergeht, entscheidet sich in den kommenden Monaten – für viele Betriebe und Haushalte steht dabei einiges auf dem Spiel.

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