Flensburg  In Dänemark wurden ihr drei Kinder weggenommen: Jetzt lebt Heidi Trawel in Norddeutschland

Sebastian Iwersen
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Von Sebastian Iwersen
| 13.10.2025 18:29 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Heidi Trawel fühlt sich nach einer langen Odyssee mit ihren Söhnen Tobias (links) und Christian (rechts) in Flensburg sicher. Foto: Sebastian Iwersen
Heidi Trawel fühlt sich nach einer langen Odyssee mit ihren Söhnen Tobias (links) und Christian (rechts) in Flensburg sicher. Foto: Sebastian Iwersen
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Hinter Heidi Trawel und ihrem Mann Bo liegt in Dänemark ein Martyrium. Wegen einer nicht nachweisbaren Behauptung nahm ihr das Jugendamt drei Kinder weg. Einer ihrer Söhne starb 2022 in einem Hospiz in Dänemark.

Es sind Jahre, die von Schicksalsschlägen geprägt waren, die sich Heidi Trawel und ihr Mann Bo selbst in den schlimmsten Träumen nicht hätten ausmalen können. Denn nachdem ihnen dänische Behörden insgesamt drei Kinder weggenommen hatten und Heidi erneut schwanger war, mussten sie nach Deutschland flüchten. Mittlerweile leben sie in Flensburg.

Die gemeinsame Geschichte von Heidi und Bo Trawel beginnt vor neun Jahren in der Nähe von Odense. Nach der Trennung von ihrem Ehemann lernen die beiden sich kennen. Aus der ersten Ehe bringt Heidi ihre beiden Söhne Lukas (damals 8) und André (damals 3) mit. „Meinem Ex-Mann gefiel die Beziehung zu Bo nicht und er wollte verhindern, dass ich die Kinder bei mir habe“, sagt Heidi Trawel. Sie behauptet, der Vater habe Lukas angestiftet, in der Schule von Schlägen durch seine Mutter zu erzählen. Aufgrund dieser Behauptung nahmen die Behörden ihre Arbeit auf und wählten rigorose Maßnahmen, gegen deren Folgen die heute 39-Jährige immer noch kämpft.

Das war im Jahr 2017. Doch während das Ermittlungsverfahren der Polizei gegen sie eingestellt wurde, zog das Jugendamt alle Register. Sie behaupteten, Trawel sei eine Gefahr für die Kinder. Daraufhin wurde Lukas in einer Pflegefamilie untergebracht und Heidi Trawel und ihr Sohn André mussten in eine videoüberwachte Mutter-Kind-Einrichtung umziehen.

Nach Darstellung der Mutter kam es dort dazu, dass André mit einem lauten „Platsch“ in die Badewanne sprang. Anhand der aufgezeichneten Geräusche unterstellte die Einrichtung, die Mutter habe ihren Sohn geschlagen. Es folgte die Wegnahme des zweiten Kindes. „Das war hart für mich, ein richtiger Tiefschlag“, beschreibt die Frau ihre Gefühlslage. Doch das Schicksal sollte es später noch Schlimmer mit den Trawels meinen.

Zwei Jahre später wurde Heidi von ihrem nun neuen Ehemann Bo schwanger. Das Paar freute sich auf das erste gemeinsame Kind. Aufgrund der vorherigen Ermittlungen kontaktierte die Kommune das Ehepaar bei Bekanntwerden der Schwangerschaft. „Der Sachbearbeiter fragte mich, warum ich eigentlich schwanger sein wolle“, erinnert sich Heidi Trawel. Die Behörde ordnete erneut die Unterbringung der Schwangeren in einer Mutter-Kind-Einrichtung an.

Schon bei der Geburt ihres Sohnes Marco im August 2020 bemerkte Heidi, das mit dem Kind etwas nicht stimmte. „Er wog nur 2740 Gramm“, erinnert sie sich. Zudem trank er nicht richtig und seine Entwicklung war verzögert. Im Alter von drei Monaten wurde Marco in einer Pflegefamilie untergebracht. Mit sechs Monaten wurde dann festgestellt, dass er mit dem „Leigh-Syndrom“ an einer unheilbaren Erkrankung des Gehirns litt. Marco kam in ein Hospiz und starb im Februar 2022 mit nur eineinhalb Jahren.

Selbst in dieser schweren Zeit mussten die Eltern darum kämpfen, ihren Sohn begleiten zu dürfen. Nach zähem Ringen durften sie drei Mal wöchentlich für jeweils eineinhalb Stunden ihren Sohn sehen.

Kurz vor Marcos Tod erfuhr Heidi Trawel, dass sie wieder schwanger ist. Mittlerweile wohnte das Paar in der Kommune Tondern, womit die bisherigen Behörden in Odense und Faaborg-Midtfyn nicht mehr zuständig waren. Proaktiv kontaktierten die Trawels das dortige Jugendamt und konsultierten einen Anwalt. Dieser beruhigte die Eltern zunächst. „Aber ich hatte ein schlechtes Bauchgefühl“, sagt Heidi Trawel.

Sie nahm Kontakt mit Bekannten auf, die in Flensburg wohnen und ihr etwas von der Arbeitsweise deutscher Jugendämter berichten konnten. „Wenn du in Dänemark beim Jugendamt um Hilfe fragst oder deine Wohnung nicht klinisch rein und passend eingerichtet ist, nimmt man dir die Kinder weg“, beschreibt die Mutter ihren Eindruck der Behörden im Königreich.

Noch bevor die Kommune Tondern in der Sache um das ungeborene Kind entschieden hatte, packten die Trawels ihre Leben in Umzugskisten und zogen mit Hilfe von Bos Chef, einem dänischen Spediteur, am 1. Oktober 2022 nach Nordfriesland. Knapp zwei Wochen später kam Sohn Tobias in der Flensburger Diako zur Welt. Das Jugendamt in Nordfriesland, sagt Heidi Trawel, habe ihr eine Hebamme an die Seite gestellt und die Eltern mit dem Neugeborenen auch selbst besucht. „Sowohl das Jugendamt selbst als auch die Hebamme konnten bestätigen, dass ich mich gut um das Kind kümmere und alles im Griff habe“, schildert die Mutter. Nach ihren Worten wurden die Ermittlungen nach dem Hinweis der dänischen Behörden südlich der Grenze noch am selben Tag abgeschlossen.

Die Kommune Tondern hat eine Anfrage unserer zum Sachverhalt aus Datenschutzgründen nicht beantwortet, da es sich um Handlungen „aus dem persönlichen Lebensbereich einer Einzelperson“ handelt.

Einige Zeit habe sie noch Angst gehabt, dass das Jugendamt wiederkomme und doch anders entscheide, sagt Trawel. Sie wundert sich darüber, wie unterschiedlich die Behörden in beiden Ländern arbeiten und entscheiden.

Mittlerweile hat die Familie in Flensburg eine Wohnung gefunden und lebt seit eineinhalb Jahren auf der Westlichen Höhe. Tobias, mittlerweile fast drei Jahre alt, besucht den dänischen Kindergarten und ist großer Bruder geworden. Im November 2023 bekam die Familie noch einmal Zuwachs in Form von Sohn Christian. Mutter Heidi spricht inzwischen fließend deutsch und meistert in der Woche den turbulenten Alltag mit den beiden Wirbelwinden, während Vater Bo als Fernfahrer arbeitet. „Wir fühlen uns hier in Sicherheit“, sagt Heidi Trawel. In Kürze möchte die Familie in Flensburg ein Haus kaufen. „Wir bleiben hier, bis die Kinder groß sind“, kündigt sie an. Zu groß sei die Angst, dass die dänischen Behörden ihr erneut ihre Kinder wegnehmen würden.

Und offenbar stehen die Trawels mit ihrem Problem der rigorosen Entscheidungen der dänischen Jugendbehörden nicht allein da. „Mittlerweile kenne ich sechs weitere Familien, die aus dem gleichen Grund in Flensburg und Umgebung wohnen“, sagt Heidi Trawel. Im kommenden Jahr soll sie im Kinder- und Jugendausschuss der Kommune Faaborg-Midtfyn aussagen. Ziel ist es, dass zumindest ihr jetzt elf Jahre alter Sohn André zu der Familie nach Flensburg ziehen darf. „Aber das wird ein langer Kampf durch mehrere Instanzen“, befürchtet Heidi Trawel.

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