Krankmeldung  Debatte um spätere Krankschreibung

Petra Herterich
|
Von Petra Herterich
| 14.10.2025 13:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Ab wann ist eine Krankmeldung nötig? Arbeitgeber und Ärzte sind unterschiedlicher Meinung. Foto: Bernd Weißbrod/dpa
Ab wann ist eine Krankmeldung nötig? Arbeitgeber und Ärzte sind unterschiedlicher Meinung. Foto: Bernd Weißbrod/dpa
Artikel teilen:

Beim Arbeitgeberverband Ostfriesland hat man „Bauchschmerzen“ wegen der Forderung, nach einer Krankschreibung erst ab Tag 4. Doch Ostfrieslands Praxen sind „extrem belastet“ und würden profitieren.

Leer - Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. Andreas Gassen, schlägt vor, dass man generell erst nach dem vierten oder fünften Krankheitstag eine Bescheinigung vorlegen muss. „Mit so einer Forderung habe ich arge Bauchschmerzen“, entgegnet Jörg Thoma, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Ostfriesland. „Dem Arbeitgeber muss es schon erlaubt sein, in bestimmten Fällen auch frühzeitig einen Nachweis für die Arbeitsunfähigkeit des Arbeitnehmers zu verlangen.“

Welche Fälle das sind? „Insbesondere die Fälle, wo auffällig häufig Arbeitnehmer sich immer am Wochenbeginn oder auch zum Wochenende hin, krankmelden“, sagt Thoma. Diese Fälle habe man als Betrieb besonders im Blick.

Auch von Seiten der Handwerkskammer Ostfriesland wird erklärt: „Die Handhabung von Krankmeldungen und das Vertrauen zwischen Arbeitgebern und Mitarbeitenden sind sehr individuelle Themen, die von Betrieb zu Betrieb unterschiedlich gehandhabt werden“, teilt Pressesprecherin Wiebke Feldmann mit.

Wie ist die derzeitige Regelung?

Vorgeschrieben ist derzeit zwar ohnehin eine Krankschreibung erst, wenn Beschäftigte länger als drei Kalendertage arbeitsunfähig sind, also am vierten Tag. Aber es gilt auch: „Der Arbeitgeber ist berechtigt, die Vorlage der ärztlichen Bescheinigung früher zu verlangen.“ Diese Regelung nutzen Betriebe in Ostfriesland auch. Laut Gassen produziert das aber „Abertausende Arztbesuche, die aus unserer Sicht nicht zwingend notwendig wären“, sagte der Kassenärztechef dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Laut Gassen dauerten gut ein Drittel der jährlich 116 Millionen Krankschreibungen maximal drei Tage. Fielen sie weg, könnte das Gesundheitswesen demnach um 1,4 Millionen Arbeitsstunden oder 100 Millionen Euro Kosten entlastet werden.

„Viele Krankschreibungen belasten die Praxen“

Hausärztin Mareike Grebe aus Hesel betont: „Wie lange die Krankschreibung dauert, wird immer wieder individuell besprochen. Wir schreiben auch für einen oder zwei Tage krank, da es Arbeitgeber gibt, die das verlangen.“ Grebe ist auch Vorsitzende der Bezirksstelle Aurich der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN). Der dortige Geschäftsführer Dieter Krott geht davon aus, dass Gassens Forderung „auch den Praxen in Ostfriesland helfen würde“. „Das ist ein guter Vorschlag. Die Praxen sind gerade durch diese Krankschreibungen extrem belastet, vor allem im Herbst, wenn die Infekte wieder losgehen.“

Thoma betont hingegen, dass die Arbeitgeber „mit Augenmaß“ von der Möglichkeit der frühen Krankschreibung Gebrauch machten. „Ich halte das auch für richtig, dass diese Möglichkeit bestehen bleibt.“ Man könne das in den Betrieben durchaus von einzelnen Arbeitnehmern verlangen. „Die Krankenstände sind deutlich zu hoch, auch in Ostfriesland. Seitdem es die Möglichkeit zur telefonischen Krankschreibung gibt, sind die Zahlen gestiegen, auch in den Betrieben. Die Krankenquote ist deutlich zu hoch“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Ostfriesland.

Auch Ausfälle wegen psychischer Erkrankungen nehmen zu

Dass die offiziellen Zahlen gestiegen sind ist laut Krott aber auch eine Folge der besseren Statistik: „Jetzt wird jede Krankmeldung auch statistisch bei den Krankenkassen erfasst. Früher hat der Arbeitnehmer, wenn er nur zwei Tage krank war, die Krankschreibung oftmals nicht an die Kasse weitergeleitet. Das ist mit der elektronischen Krankmeldung anders geworden.“

Auch die Zahl der psychischen Erkrankungen nehme zu, sagt Thoma. Immer mehr Arbeitnehmer fielen deshalb aus. „Das steht gar nicht immer im Zusammenhang mit der Arbeitstätigkeit, sondern oft liegen die Ursachen auch im privaten Bereich“, ist Thoma überzeugt. „Die Menschen fühlen sich, glaube ich, einfach überfordert. Auch die ständige Präsenz von Social Media führt zu einer Überlastung. Selbst während der Arbeitszeit werden die sozialen Medien ja ständig im Blick behalten.“

Ähnliche Artikel