Berlin Daniel Donskoy verrät: „Hat meine Wohnung gebrannt, damit ich ein Buch schreiben kann?“
Schauspieler Daniel Donskoy kann man auf Netflix oder auf New Yorks Bühnen begegnen. Für die WDR-Produktion „Freitagnacht Jews“ hat er einst den Grimme-Preis bekommen. Jetzt hat er, der unter anderem in Berlin aufgewachsen ist, seinen ersten Roman geschrieben. Wir treffen ihn zum Gespräch.
Daniel Donskoy kommt im braunen Anzug zum verabredeten Ort für das Interview, das legendäre Café und Restaurant Einstein an Berlins Prachtboulevard „Unter den Linden“. Während links und rechts von uns Anzugträger aus dem Berliner Regierungsviertel miteinander sprechen, geht es in diesem Interview um eine brennende Wohnung, das Schreiben als Kampf und Befreiung – und das Diskutieren jüdischer Themen in der Öffentlichkeit.
Daniel Donskoy ist zugewandt und freundlich, aber auch abgeklärt. Später am Abend gibt es noch eine Party zur Premiere seines Debütromans „Brennen”. Das Buch ist autobiografisch gefärbt, es erzählt von einer atemlosen Reise eines jungen Mannes um die halbe Welt zu sich selbst. Nach unserem Gespräch fährt Donskoy mit einem Transporter durch Berlin, um die Tontechnik für die Buchpremiere am gleichen Abend selbst zu besorgen.
Frage: Herr Donskoy, als Ort für unser Treffen haben Sie das Einstein Café unter den Linden ausgesucht. Warum?
Antwort: Dieses Café hat für mich was vom alten Berliner Flair. Ich war schon als Kind oft hier, und es erinnert mich an das Berlin von früher – und daran, dass das hier mal mein Kiez war. Ich habe ja gleich um die Ecke gewohnt, bis meine Wohnung abgebrannt ist.
Frage: Feuer im Haus: Haben Sie etwa künstlermäßig im Bett geraucht?
Antwort: Zum Glück hatte ich wirklich nichts damit zu tun. Vielleicht ist die Wohnung ja einfach nur abgebrannt, damit ich ein Buch namens „Brennen“ schreiben kann. Aber Spaß beiseite: Diese Wohnung hat mich über Jahre begleitet, dort ist alles passiert – von Verzweiflung über Liebe bis hin zu einem achtfachen Rippenbruch. Das Verrückteste aber war: Am Abend, bevor sie abgebrannt ist, bekam ich die Zusage, in New York die Hauptrolle in „Der Pianist“ zu spielen. Und am nächsten Morgen stand meine Wohnung in Berlin in Flammen – direkt neben der Neuen Synagoge. Ich glaube eigentlich nicht an Zeichen, aber in dem Moment habe ich mich schon gefragt, ob das Leben einem nicht manchmal Hinweise gibt. Das war jedenfalls mein Abschied aus Berlin.
Frage: Eine Zeitlang haben Sie in Berlin und London gelebt. Zwei Wohnorte, das liest man ja in so mancher Künstlerbiografie. Wie geht das eigentlich, steht dann jede Wohnung ein halbes Jahr lang leer?
Antwort: In Berlin hatte ich einen alten, spottbilligen Mietvertrag. Und in London zum Glück viele Möglichkeiten unterzukommen. Immer in Bewegung zu sein, gehört zu meinem Leben dazu und inspiriert mich.
Frage: Bei Ihrer Sendung „Freitagnacht Jews”, für die Sie den Grimme-Preis bekommen haben, geht es viel um Essen. Entsprechend war ich neugierig, was Sie hier bestellen würden. Aber es ist nur ein Cappuccino – das enttäuscht mich etwas.
Antwort: Ich hatte schon gefrühstückt, bevor wir uns trafen, das Croissant hat mich auch angelacht, aber leider habe ich gerade einen ziemlich strikten Trainings- und Ernährungsplan wegen meines aktuellen Drehs in London.
Frage: Als Schauspieler kommen Sie ganz schön herum: New York, London – selbst bei „The Crown“ haben Sie mitgespielt. Wie unterscheidet sich das von den Anfängen mit deutschen Krimis?
Antwort: Als Anfänger ist es überall aufregend, weil es am Set ohnehin anders läuft als in der Schauspielschule und ich im deutschen Fernsehen richtig viel lernen konnte. Wenn man seine Figuren ernst nimmt, ist das Format eigentlich zweitrangig. Mit Enthusiasmus und Liebe zum Beruf, kann jede Rolle spannend sein, egal ob großer Blockbuster oder kleiner Krimi.
Frage: Sie sind Mehrfach-Künstler: Schauspieler, Musiker, neuerdings Buchautor. Aber Sie sind öffentlich immer auch Jude. Wie sehr nervt das?
Antwort: Ich habe mir natürlich ausgesucht, meinen Background in der Öffentlichkeit in großen Anführungszeichen „preiszugeben“. Auf der anderen Seite kann ich ohnehin nichts gegen die Zuschreibungen von außen tun. Jeder versteht etwas anderes unter verschiedenen Begriffen. Damit muss man leben.
Antwort: Wenn etwas nervt, dann ist es, als Jude ständig die israelische Politik kommentieren zu müssen. Aber man muss es ja nicht. Ja, ich bin jüdischer Schauspieler – aber ich bin noch viel, viel mehr. Zum Glück kann ich selbst entscheiden, wozu ich mich äußere und wozu nicht, und welchen Teil meines Innersten ich preisgebe.
Frage: Und gleichwohl werden Sie es wie viele andere Juden kennen, für das Handeln des Staats Israel verantwortlich gemacht zu werden.
Antwort: Große Freunde und eine große Fanbase macht man sich derzeit, wenn man als Jude extrem israelkritische Positionen bezieht. Das bringt viel Applaus. Aber ich lasse mich ungern benutzen. Ich bin ungern ein „nützlicher Idiot“ – lieber ein unnützer. Dazu passt ein guter Witz: Treffen sich ein antizionistischer Jude und ein zionistischer Jude an der Bar. Und was steht an der Bar? „Kein Eintritt für Juden.“
Frage: Nervt es, solche Fragen beantworten zu müssen?
Antwort: Schon. Aber ich muss nicht. Ich tue es, wenn ich es möchte.
Frage: Sie scheinen viel mentale Kontrolle über Situationen herstellen zu können.
Antwort: Ich erlebe Momente gerne bewusst, wofür wäre ich sonst in die Kunst gegangen? Kunst heißt ja zunächst, die Umwelt zu beobachten, die Sprache des Gegenübers. Wie soll man einen Roman schreiben, wenn man nicht die Komplexität verschiedener Perspektiven zulassen und erkennen kann? Das gesprochene Wort ist ja das letzte Glied in einer langen Kette eines Gedankenprozesses. Und ich nehme mir die Freiheit, das, was Sie sagen oder fragen, wirken zu lassen und mir zu überlegen, was ich damit anfange. Wer Herr seiner Gedanken ist, ist auch Herr der eigenen Gefühle.
Frage: Sie haben in Berlin, in Tel Aviv, in London und an anderen Orten gelebt. Wo fühlen Sie sich gerade am wohlsten – auch als Jude?
Antwort: Am wohlsten fühle ich mich in meinen eigenen vier Wänden in London. Als Jude ist es allerdings überall kompliziert: In Europa muss ich mich immer wieder für Dinge rechtfertigen, die ich selbst ablehne. In Israel lebt man mit der ständigen Bedrohung durch Terror; man verbringt nicht selten Zeit im Luftschutzbunker. In Europa werde ich manchmal gefragt, ob ich als Zionist denn allen palästinensischen Kindern den Tod wünschen würde — eine absurde Zuschreibung, die zeigt, wie vereinfacht und verletzend solche Debatten geführt werden.
Antwort: In Israel hingegen bin ich von viel Tod und Trauma umgeben und sehe eine Politik, die spaltet. Europa ist mein Zuhause, hier schaffe und kreiere ich. Israel ist das Haus meiner Eltern. Es ist keine leichte Zeit, aber eine, die mich immens antreibt. Vielleicht auch eine, in der ich die beste Version meines Buches schreiben konnte.
Frage: „Brennen” ist Ihr erstes Buch. Warum schreiben Sie auf Deutsch, wenn Sie auch Russisch, Englisch, Hebräisch und Französisch sprechen?
Antwort: Es war für mich ein faszinierender Prozess, auf Deutsch zu schreiben. Dabei habe ich die Sprache neu lieben gelernt – und gleichzeitig konnte ich meine ganzen multikulturellen Einflüsse mit einfließen lassen, auch die sprachlichen. Da der Roman an verschiedenen Orten spielt – Tel Aviv, London, New York, Berlin und Italien – konnte ich mein jeweiliges Gefühl für die Sprache, die ich mit einem Ort verbinde, ins Deutsche übersetzen.
Antwort: So ist das Deutsch meines Romans immer auch gefärbt von den kulturellen und linguistischen Einflüssen des jeweiligen Schauplatzes. Und ganz praktisch: Deutschland war in den letzten Jahren der Ort, an dem ich am meisten gearbeitet habe. Deshalb war es auch der perfekte Ort, um meinen ersten Roman zu veröffentlichen.
Frage: Und wie entstand die Idee zu diesem speziellen Roman?
Antwort: Kurz vor Kriegsbeginn, im Winter 2021/22, drehte ich in Russland – zum ersten Mal seit meiner Geburt war ich wieder dort. Zunächst hatte ich in Moskau ein fast romantisiertes Gefühl, geprägt von den Geschichten meiner Eltern. Doch wenig später, in der Smolensk-Region, sahen wir russische Panzer in Richtung Ukraine rollen. Als der Produzent der Serie dann sagte: „Mach dir keine Sorgen, du bist ja auf der russischen Seite“, wusste ich plötzlich nicht mehr, wo ich da eigentlich war.
Antwort: Das war der erste Impuls. Mir wurde klar, dass das Leben einem so viel Material bietet, um Perspektiven zu teilen, die man sonst nur aus nüchternen Nachrichten kennt. Ich hatte nie die Intention, unbedingt ein Buch zu schreiben. Aber oft öffnen sich Türen im Leben – und man sollte durch sie hindurchgehen.
Antwort: Man bat mich, über meine Erlebnisse in Russland einen Artikel zu schreiben. Doch ich merkte sehr schnell, das bekomme ich nicht auf zwei Seiten. Ich schrieb und schrieb – und daraus ist nun, 2025, mein erster Roman geworden. Und darüber bin ich sehr froh.
Frage: Ist Schreiben für Sie Genuss, Befreiung oder Krampf?
Antwort: Es ist alles drei. Einerseits befreit man sich, wenn Gedanken und Gefühle endlich aufs Papier gleiten. Andererseits habe ich den Prozess auch sehr genossen, weil ich mir damit eine ganz neue Ausdrucksform erschlossen habe.
Antwort: Leicht war es trotzdem nicht, ich bin ein hibbeliger Mensch, voller Energie, und stundenlang am Schreibtisch zu sitzen, war eine echte Herausforderung. Also habe ich meinen Tisch einfach immer wieder woanders hingestellt – mal in den Wald, mal auf einen Berg, mal an die Küste. Dieses Glück, an so unterschiedlichen Orten schreiben zu können, hat auch den Roman geprägt.
Antwort: Gleichzeitig war ich mitten in einen großen Dreh eingebunden, was den Fokus nicht immer leicht machte. Aber am Ende war es eben genau das: ein Genuss, eine Befreiung – und ein ziemlicher Kampf.
Frage: Wie autobiografisch ist „Brennen”?
Antwort: Da steckt zwar einiges von mir drin, aber den Protagonisten quält das Leben mehr als mich. Zum Glück.
Frage: Der Protagonist Ihres Romans entscheidet sich, anders als sein bester Freund, nicht ins israelische Militär zu gehen. Sind sie froh, kein israelischer Staatsbürger zu sein und damit nicht als Reservist einberufen werden zu können?
Antwort: Als wir damals in Israel lebten, hatte ich einen deutschen Pass und musste nicht ins Militär. Natürlich war ich froh darüber – aber gleichzeitig entsteht ein anderes Gefühl, fast so etwas wie Schuld. Denn Freunde und Familie hatten diese Wahl nicht. Sie mussten gehen. Und ich habe diese Last nicht mitgetragen. Auf der einen Seite bin ich dankbar, nie ein Gewehr in der Hand gehabt zu haben. Auf der anderen Seite weiß ich, was es bedeutet, wenn andere dieses Schicksal nicht umgehen können.
Antwort: Genau deshalb habe ich das Thema in meinem Roman verarbeitet. Was heißt es eigentlich, Patriotismus zu empfinden? Was bedeutet ein Nationalgefühl, wenn es automatisch damit verbunden ist, dein Land mit der Waffe verteidigen zu müssen? Ich bin froh, in Europa aufgewachsen zu sein – an einem Ort, wo man nicht mit der ständigen Angst lebt, getötet zu werden, oder Grenzen mit Panzern sichern zu müssen.
Antwort: Für meinen Protagonisten ist das ein zentraler Konflikt: Er verlässt einen Ort, an dem er gerade Wurzeln schlägt, um fliegen zu können. Doch irgendwann fliegt er allein – und verliert das Gefühl, irgendwo dazuzugehören. Das ist nicht nur seine Geschichte. Ich glaube, wir erleben das gerade gesamtgesellschaftlich: Viele Menschen lösen sich von dem, was ihnen Sicherheit gegeben hat. Und genau das führt zu einer großen politischen Unstabilität.
Frage: Sind Sie eigentlich „links”?
Antwort: Die politische Unterscheidung zwischen links und rechts finde ich heute total fehlerhaft.
Frage: Warum?
Antwort: Wir leben in einer Zeit, in der Politik oft eher Unterhaltung ist. Es geht weniger um Inhalte, als darum, wer am lautesten schreit. Ich wünschte, die Menschen würden mehr Bücher lesen, statt in den Kommentarspalten von TikTok und Instagram darum zu kämpfen, wer recht hat. Ich glaube an die Demokratie – aber vor allem glaube ich an die Kunst. Punkt.