Berlin  Böhmermann trifft Weimer: Zwangsgebühr, Gendern und ein vergurkter Witz

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 09.10.2025 13:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Comedian Jan Böhmermann und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer debattieren auf dem Podium des Berliner Hauses der Kulturen der Welt. Foto: Lenny Rothenberg
Comedian Jan Böhmermann und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer debattieren auf dem Podium des Berliner Hauses der Kulturen der Welt. Foto: Lenny Rothenberg
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Nach der Ausladung des Rappers Chefket trifft Satiriker Jan Böhmermann auf Kulturstaatsminister Wolfram Weimer. So ging das Rede-Duell aus.

Ruhe nach dem Sturm: Kaum zu glauben, wie zäh die Begegnung von zwei so mustergültigen Reizfiguren verlaufen kann! Am Mittwochabend haben Jan Böhmermann und Wolfram Weimer ein Podium betreten, das zur Box-Arena hätte werden müssen. Schließlich war der Konflikt zwischen dem Satiriker und dem Kulturstaatsminister schon vorab öffentlich geworden.

Zu seiner Veranstaltungsreihe im Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW) hatte Böhmermann vorher schließlich nicht nur Weimer eingeladen, sondern auch den Rapper Chefket. Und weil der in den sozialen Netzwerken mit einem womöglich antisemitischen T-Shirt gesichtet worden war, hatte Weimer presseöffentlich beim HKW-Intendanten interveniert. Chefkets Konzert wurde abgesagt, und aus Protest schmissen auch alle übrigen geladenen Musiker hin. Lauter kann es in der Kultur kaum krachen.

Am Abend der Aussprache verpufft die Aufregung dann allerdings schon, bevor die Kontrahenten im Ring sind. Die Diskussion beginnt mehr als 20 Minuten verspätet. Und als Böhmermann und Weimer endlich erscheinen, wollen sie zwar erklärtermaßen „boxen“ und „tackeln“ – das allerdings nicht gegeneinander, sondern gemeinsam gegen den Antisemitismus. Modisch betonen die Männer noch die Unterschiede: hier das Kapuzen-Shirt, dort die lachsfarbene Krawatte. Auf der Sachebene besteht dafür mehr oder weniger Einigkeit.

Böhmermann erklärt gleich am Anfang, dass das Konzert „mit leichtem Herzen“ geplant war, im Nachhinein aber „unvernünftig“. Und zwar weil er – allen Ernstes – übersehen habe, welche Wirkung ein Konzert am zweiten Jahrestag des Hamas-Massakers hat. „Jede Backpfeife, die kommt, fange ich mir zurecht ein“, sagt er zähneknirschend. Für Weimers Hinweis darauf, wie das Chefket-Konzert auf Juden wirken könnte, scheint er fast dankbar zu sein. Immer noch ärgert ihn aber die Form des Widerspruchs.

Es ist nämlich so, dass das HKW dem Kulturstaatsminister untersteht. Und statt aus der Führungsrolle heraus „autoritär reinzuregieren“, meint der Satiriker, hätte der ihn besser direkt angesprochen – ohne die Aufmerksamkeit, unter der jetzt vor allem Chefket leidet. „Rufen Sie doch einfach an“, sagt Böhmermann zu Weimer.

Bei der Debatte geht es also eher um Stilfragen. Und natürlich auch darum, ob es Weimer gelingt, einen Lacher bei Zuschauern zu landen, die erkennbar für Böhmermann hier sind.

Der Satiriker improvisiert aus Gewohnheit immer neue Pointen. Als es gegen Jens Spahn geht, lacht sogar Weimer. Der Staatsminister selbst versteht vom Humor der Kulturszene dann leider gar nichts. Bildungseifrig sieht er Böhmermann als neuen Brecht, und sich selbst dann als Thomas Mann. Böhmermann: „Ihre Eier möchte ich haben.“

Für den vergurktesten Witz des Abends verzettelt Weimer sich in Namenkunde: Vornamen, das habe Peter Sloterdijk ihm mal erklärt, treiben Menschen „vektoriell“ auf ihren Lebensweg. Er selbst, Wolfram (!) Weimer, sei deshalb nach Wolfram (!) von Eschenbach ein suchender Parzival. Jan Böhmermann dagegen – nicht einschlafen, bitte! – leite sich von Johannes dem Täufer her. Was den Spaßmacher zu einer Art Bußprediger macht. Angstvoll blickt das Publikum zu Moderatorin Eva Schulz. Hoffentlich sagt der alte Mann jetzt nicht auch noch was über die biblische Sünderin.

Es ist nicht immer falsch, wenn Weimer dem Satiriker vorwirft, „billige Punkte“ machen zu wollen. Man spürt aber auch, dass Böhmermann mit dem Herzen bei der Sache ist. Wenn er erzählt, dass er sich für die autoritäre Wende schon nach einem Exil umsieht, dann ist das wahrscheinlich nur ein bisschen übertrieben: „Wir Komiker*innen spüren es als erste“, sagt Böhmermann und ein Blick auf die abgesetzten US-Talker zeigt, wie sehr das stimmt. Und während der Satiriker erkennbar mit seinen Fehlern ringt, ist – wie später jemand im Publikumsgespräch feststellt – bei Weimer von Selbstzweifeln nichts zu spüren.

Eigentlich sollte es in der schon vor dem Eklat geplanten Debatte sowieso um etwas ganz anderes gehen: um die Digitalisierung. Auch hier sind die Gesprächspartner nah beieinander – ob es nun um den KI-Raubbau an der Kultur geht oder um die Meinungsmacht von Big Tech und den Einfluss der Algorithmen. Der Dissens beschränkt sich darauf, ob das Motto des Abends – „Technik killt Kultur?“ – noch mit einem Fragezeichen oder schon mit einem Ausrufezeichen zu schreiben ist.

Gestritten wird stattdessen – über das Gendern. Und darüber, ob „Zwangsgebühr“ nun ein ganz normales Wort ist oder ein Kampfbegriff, der den öffentlich-rechtlichen Rundfunk delegitimiert. Was sich dabei ausdrückt, ist vor allem gegenseitiges Misstrauen. Weimer hat sein Amt schon mit dem Verdacht übernommen, als Entlastung für Konservative zu dienen. Und tatsächlich dauerte es nicht lange bis zu seiner ersten Gender-Debatte.

Von einem Gender-Verbot will er auf dem Podium nichts mehr wissen. Auch den Vorwurf, dass er bewusst „kulturkämpferische Säue durchs Dorf jage“, weist er zurück. Weimer spricht sogar das zentrale Bekenntnis aus, das man ihm nach seinem Brief an den HKW-Intendanten gerade nicht mehr zugetraut hätte: „Der Staat sollte sich raushalten aus der Kultur.“ Darauf könnte man sich doch einigen.

Trotzdem endet der Abend mit einem gemischten Eindruck: Hier saßen zwei Menschen aus ziemlich weit entfernten Ecken des demokratischen Spektrums zusammen. Beide halten die Situation für ernst. Beide äußern die Sorge vor einer Autokratie. Beide sprechen sich gegen einen Kulturkampf aus, der von den wichtigen Dingen nur ablenkt. Und trotzdem können selbst diese beiden nicht aufhören, die immergleichen Reizwörter zu umkreisen.

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