Landwirtschaft Wird Rindfleisch in Ostfriesland zum Luxusgut?
Die Preise für Rindfleisch steigen – viel stärker als die Inflation. Unsere Redaktion hat bei Ostfrieslands Landwirten nachgefragt, was da los ist. Nicht ganz unschuldig sind wohl die Niederländer.
Ostfriesland/Oldenburg - Wer sich ab und zu mal ein gut abgehangenes Rindersteak gönnen möchte, kennt das: Die Rindfleischpreise in Deutschland klettern von Rekordhoch zu Rekordhoch. Die Schlachtpreise für Jungbullenfleisch haben mittlerweile die Schwelle von 7 Euro je Kilogramm überschritten, nachzulesen etwa bei der Vereinigung der Erzeugergemeinschaften für Vieh und Fleisch (VEZG) in Oldenburg. Im Vergleich zum Sommer 2023 ist das ein Preisanstieg von gut 50 Prozent, weit über der allgemeinen Inflationsrate. Die Verbraucherpreise beim Metzger und im Supermarkt sind noch um ein Vielfaches höher. Kilopreise von 40 bis über 50 Euro für Rindersteak von guter Qualität sind keine Ausnahme mehr.
„Das ist eine Sache von Angebot und Nachfrage“, sagte Manfred Tannen im Gespräch mit unserer Redaktion. Der Präsident des ostfriesischen Landvolks bestätigte, dass auch Ostfrieslands Tierhalter für Bullenfleisch ab Hof einen Erzeugerpreis von über 7 Euro pro Kilogramm erhalten. Das ist angesichts der vielen Rinder, die in Ostfrieslands Ställen und auf den Weiden stehen, auf den ersten Blick eine Menge Geld.
Grund Nummer 1: Die Zahl der Schlachttiere
Nach Angaben des Landwirtschaftlichen Hauptverbands für Ostfriesland gibt es in unserer Region derzeit (Stand Mai 2025) inklusive der Milchkühe etwa 297.000 Rinder. Das klingt viel. Landwirt Tannen gibt aber zu bedenken, dass es vor fünf Jahren zum Stichtag noch 319.000 Tiere gewesen seien. „Wir bekommen hier den Strukturwandel in der Landwirtschaft voll zu spüren“, so Tannen. „Deutlich weniger Betriebe produzieren weniger Fleisch.“ Das treibt nun einmal auch die Preise.
Zum Vergleich: Im Mai 2015 hielten die Bauern in ganz Deutschland nach Daten des Statistischen Bundesamts noch 12,6 Millionen Rinder, im Mai dieses Jahres waren es nur noch 10,3 Millionen. Zwangsläufig werden daher auch weniger Rinder zur Schlachtbank geführt.
Grund Nummer 2: Die Blauzungenkrankheit
Laut Tannen hat die Zahl der Rinder allein wegen der Blauzungenkrankheit von Anfang 2024 bis Anfang 2025 niedersachsenweit zur Reduzierung von 20.000 Tieren geführt. Die für Menschen ungefährliche Tierseuche nimmt seit Herbst 2023 ihren Weg durch die Ställe. Mittlerweile gelten die Tierbestände aber als durchseucht. Eine hohe Impfquote sorgt ebenfalls für deutlich weniger infizierte Tiere.
Übertragen wird die Blauzungenkrankheit von Gnitzen, einer weltweit verbreiteten Familie sehr kleiner Mücken. Diese sind üblicherweise im September und Oktober besonders aktiv. Bis Ende Oktober sei noch mit einigen neuen Fällen zu rechnen, aber die Fallzahlen würden bei weitem nicht das Niveau vom letzten Jahr erreichen, heißt es von Experten.
Grund Nummer 3: Die gefrusteten Bauern
Wenn die Preise für Rindfleisch derart steigen, müssten sich die Landwirte doch eigentlich freuen – so eine landläufige These. Doch der ostfriesische LHV-Präsident widerspricht. „Die Nutztierhaltung ist ein 24/7-Job“, sagte Tannen. „Viele junge Landwirte wollen sich die Verantwortung nicht mehr antun.“ Die Rindfleischpreise seien zwar hoch. Aber schon jetzt zeichne sich ab, dass die Milchpreise bald wieder sinken könnten. Der Grund: Erst vor Kurzem hatte der Discounter Lidl eine Preisoffensive mit 1,49 Euro für 250 Gramm Butter gestartet. Gerade in Ostfriesland hatte das so manchen Bauern auf die Palme gebracht.
Hinzu kommen politische Rahmenbedingungen. „Das geplante Mercosur-Abkommen sorgt für große Unsicherheit in unseren Reihen“, so Tannen. „Wir haben die Sorge, dass Fleischimporte aus Südamerika auf unsere Märkte drängen – mit deutlich geringeren Standards und ohne klare Transparenz für die Verbraucher.“ Das bedeute einen erheblichen Wettbewerbsnachteil für ostfriesische Betriebe. Mit Dumpingpreisen Richtung Verbraucher laufe man Gefahr, die Motivation für eine Produktion in höheren Haltungsformstufen abzuwürgen. Auch beim Bürokratieabbau zeigte sich der LHV-Präsident unzufrieden: „Hier stockt vieles. Wir brauchen endlich konkrete Schritte.“ Dabei müssten nicht nur die Landwirte liefern, sondern auch die landwirtschaftlichen Institutionen und insbesondere auch die öffentliche Verwaltung. Digitalisierung könne ein Baustein zur Lösung sein, doch ohne eine leistungsfähige Infrastruktur kämen die Landwirte nicht weiter.
Grund Nummer 4: Die Holländer
Eine Rolle bei der Preisentwicklung für Rindfleisch spielt auch der internationale Markt. „Die niederländischen Landwirte bekommen Geld vom Staat, wenn sie ihre Ställe abreißen“, sagte Tannen. „Das führt dann auch dazu, dass die Niederländer über die Grenze kommen, um hier Schlachttiere aufzukaufen.“ Hintergrund: Um die Stickstoffemissionen zu reduzieren, stellen die Niederlande ihren Bauern insgesamt bis zu 1,5 Milliarden Euro zur Verfügung, wenn sie sich freiwillig von der Tierhaltung verabschieden.
Auch das beeinflusst naturgemäß das Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Hinzu kommt laut Tannen aber eben auch, dass die Verbraucher offenbar weiterhin bereit sind, die im Vergleich zum Schweinefleisch hohen Preise für Rindfleisch zu bezahlen. Tannen rechnet daher nicht damit, dass sich die Rindfleischpreise kurzfristig wieder nach unten bewegen.
Mit Material von dpa