Kinderbetreuung  Warum Ostfrieslands Kitas die Fachkräfte fehlen

Petra Herterich
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Von Petra Herterich
| 08.10.2025 09:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Spielzeug liegt in einer Kindertagesstätte auf dem Boden. Foto: Monika Skolimowska/dpa
Spielzeug liegt in einer Kindertagesstätte auf dem Boden. Foto: Monika Skolimowska/dpa
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Erzieher und Erzieherinnen sind Mangelware. Das hat mitunter dramatische Folgen – für Kinder, Eltern und das Kita-Personal.

Leer - Immer weniger Kitas haben genug pädagogische Fachkräfte. Erzieher und Erzieherinnen sind Mangelware. Das erlebt Melanie Krause auch selbst jeden Tag – seit Jahren leitet sie eine Kita in Leer. „Es gibt in Ostfriesland keinen Landkreis, der nicht vom Fachkräftemangel in den Kitas betroffen ist. Es sind auch bundesweit die gleichen Probleme, Ostfriesland ist da keine Ausnahme“, weiß Krause, die auch 1. Vorsitzende des Kita-Fachkräfteverbands Niedersachsen-Bremen ist.

Alle Landkreise in Ostfriesland sind betroffen

Für sie ist der Rückgang der Fachkraftquote „nicht nur ein statistisches Phänomen – er führt zu einem Substanzverlust unseres Kitasystems“, sagt Melanie Krause. „Wenn wir nicht sofort handeln, bezahlen die Kinder, Familien und Fachkräfte den Preis.“ Bei der Fachkraftquote – ein wesentlicher Faktor für die Qualität von Kitas – liegt Niedersachsen bundesweit noch im Mittelfeld.

Laut einer Bertelsmann-Studie lag die durchschnittliche Fachkraftquote pro Kita im Frühjahr 2024 bundesweit bei 72 Prozent. 2017 waren es noch knapp 76 Prozent. In Niedersachsens Kitas liegt die Fachkraftquote mit 71,3 Prozent leicht unter dem Bundesdurchschnitt (2017: 76 Prozent).

Und Ostfriesland? „Im Landkreis Leer haben wir 108 Kitas – etwa 47 Prozent von ihnen haben eine Fachkraftquote von unter 70 Prozent, rund 31 Prozent der Kitas haben zwischen 70 und 82 Prozent und nur in rund 21 Prozent der Kitas liegt die Quote der Erzieher bei über 82 Prozent“, weiß Melanie Krause. Bedeutet: „Der Anteil an pädagogisch voll ausgebildeten Fachkräften in den Teams bricht ein, in allen Landkreisen.“

Kostendruck der Kommunen spielt eine große Rolle

Viele sozialpädagogische Assistenten oder Assistentinnen müssten in den Kitas mittlerweile die Aufgabe eines Erziehers oder einer Erzieherin übernehmen, kritisiert Krause. „Dafür sind sie aber gar nicht ausgebildet und dafür bekommen sie auch gar nicht die entsprechende Vergütung.“ So spart der jeweilige Kostenträger der Kita auch an den Gehältern. Laut Bertelsmann-Studie ist der anhaltende Kostendruck der Kommunen ein wesentlicher Grund für die sinkende Zahl der Fachkräfte.

Melanie Krause leitet eine Kita in Leer und ist 1. Vorsitzende des Kita-Fachkräfteverbands Niedersachsen-Bremen. Foto: JAPPS! UG/ Jan Penning
Melanie Krause leitet eine Kita in Leer und ist 1. Vorsitzende des Kita-Fachkräfteverbands Niedersachsen-Bremen. Foto: JAPPS! UG/ Jan Penning

Auch Studien des Kita-Fachkräfteverbands belegen, dass sich viele Fachkräfte überlastet fühlen oder bereits mit dem Gedanken spielen, ihren Beruf aufzugeben. „Wenn wir im Kita-Fachverband Kündigungen haben, dann zu 95 Prozent von Kollegen, die das Berufsfeld ganz verlassen. Dann fehlen natürlich noch mehr Erzieher. Das ist eine Spirale“, sagt Krause. Zudem seien laut den Krankenkassen die Krankenstände unter den Kita-Fachkräften von durchschnittlich 32 bis 34 Tagen im Jahr sehr hoch.

Eltern stehen regelmäßig vor geschlossenen Kita-Türen

„Die derzeit tätigen Fach- und auch Assistenzkräfte sind den aktuellen Herausforderungen heute schon nicht mehr gewachsen“, so Krause. Bei Krankheit oder Ausfällen von Erziehern fehlen bereits Ersatzfachkräfte. „Im schlimmsten Fall drohen dann Notbetreuungen, Einschränkungen bei Öffnungszeiten oder die Eltern stehen mit ihren Kindern komplett vor verschlossenen Türen“, sagt Krause. Bei vielen Kitas käme das im Schnitt mindestens einmal pro Woche vor.

Es sei „schwierig“, kontinuierlich eine gute Betreuung der Kinder zu gewährleisten. „Die Krankheitswelle im Herbst/Winter steht uns ja noch bevor“, weiß die Kita-Leiterin aus eigener Erfahrung. „Wir haben es am Ende des letzten Kita-Jahres und auch Mitte des Jahres gesehen: Uns haben teilweise so viele Fachkräfte gefehlt, dass wir auch Vorschulprogramme einstampfen mussten. Wir haben nur noch die absolute Brandbekämpfung geleistet – wir bewegten uns im Rahmen der Aufbewahrung. Von Betreuung und Bildung konnte keine Rede mehr sein“, berichtet Krause.

Kurzfristig ist keine Lösung in Sicht

„Wenn Teams zunehmend auf Assistenzkräfte setzen, wächst die Lücke zwischen Anspruch und tatsächlicher Umsetzung pädagogischer Prozesse.“ Fachkräfte mit formaler Ausbildung bringen laut Kita-Fachverband didaktisches Wissen, fundierte Kenntnisse in Entwicklungspsychologie, Sprachbildung, Eingewöhnungsprozessen, Inklusion, Beobachtung und Dokumentation mit. Die meisten Eltern legten bei der Wahl der Kita ihren Fokus auf die Betreuung. „Wenn die aber immer wieder ausfällt, haben die Eltern große Probleme, vor allem mit ihren Arbeitgebern. Die Arbeitgeber sind inzwischen auch nicht mehr so tolerant, da stehen teilweise Kündigungen im Raum“, weiß Krause. „Alle stehen enorm unter Druck: Die Erzieher, weil sie die Betreuung gewährleisten und die Kinder und Eltern nicht enttäuschen wollen, die Eltern, weil sie arbeiten gehen müssen. Das ist ein großes Dilemma“, sagt Krause.

Sie hofft, „dass der demografische Wandel und der Rückgang der Geburtenraten uns jetzt in die Karten spielen – und die Politik so steuert, dass in den Kitas die Relation zwischen Fachkraft und Kind besser angepasst wird.“ Kurzfristig sei aber keine Lösung in Sicht. „Unterm Strich fehlt auch immer wieder die Finanzierung“, sagt Krause.

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