Osnabrück Julia Ruhs im Talk: Mancher Medienmacher wähnt sich auf einer „Rettungsmission“
Die Causa Julia Ruhs beim NDR befeuert die Debatte um Meinungsvielfalt bei den Öffentlich-Rechtlichen. Nun war die TV-Journalistin beim Expertentalk unserer Redaktion – und sagte etwas Bemerkenswertes.
Die Absetzung von Julia Ruhs als Moderatorin beim NDR hat eine Welle der Empörung ausgelöst und die Diskussion um Meinungsvielfalt neu entfacht. Es geht um Cancel Culture, politische Einseitigkeit und die mangelnde Streitkultur im öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ÖRR). Werden kritische oder konservative Stimmen heute tatsächlich stärker ausgegrenzt als noch vor wenigen Jahren? Gibt es in Deutschland eine „links-grüne Meinungsmacht“, wie Kritiker behaupten?
Zumindest verstehe sich heutzutage so mancher Journalist als Aktivist, der vermeintlich gute Anliegen vorantreibe, sagte der Medienwissenschaftler Norbert Bolz im Expertentalk mit unserem Moderator Michael Clasen. Dieser Trend sei eines der zentralen Probleme in der öffentlichen Kommunikation. Was der emeritierte Professor für Medienwissenschaft an der TU Berlin und die Ex-NDR-Moderatorin Julia Ruhs im Expertentalk noch sagten, lesen Sie hier:
Bolz erinnerte in dem Gespräch an ein, dem einstigen Tagesthemen-Moderator Joachim Friedrichs zugeschriebenes Zitat: „Ein Journalist sollte sich niemals mit einer Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten“. Heute aber handelten Journalisten oft nach dem Motto: „Es ist zu spät, wir müssen handeln, wir haben nicht genug Zeit zum Diskutieren“. Dies führe zu Agitation anstatt zu Information – und untergrabe so die Debattenkultur.
Ähnlich sieht das die Journalistin und Autorin Julia Ruhs. Nicht selten seien Kollegen mit einem „Rettungsauftrag“ unterwegs – Demokratie wahren, AfD klein halten, Klima retten, Menschen erziehen. Bei thematischen Großlagen wie der Flüchtlingskrise oder der Corona-Pandemie würden kritische Haltungen dann als „rechts“ oder „gefährdend“ gebrandmarkt. Dabei solle man nicht jedem mit kritischer Haltung gleich etwas Böses unterstellen.
Ruhs war Moderatorin des Reportageformats „Klar“, das vom NDR und BR gemeinsam produziert wird. Nach Kontroversen um die inhaltliche Ausrichtung des Formats und öffentlicher Kritik, insbesondere an vermeintlich konservativen Schwerpunkten, entschied der NDR, dass Ruhs die vom Sender verantworteten Folgen künftig nicht mehr moderiert – zu konservativ für den NDR?
Die 31-Jährige ärgert sich über die automatische Unterstellung, man sei AfD-nah, sobald man eine vom „Mainstream“ abweichende Meinung vertrete. Dabei gebe es nicht nur Schwarz oder Weiß, die Grautöne seien entscheidend. Wenn dafür kein Platz mehr sei, wendeten sich Menschen extremen Lagern zu.
Die öffentlich-rechtlichen Sender müssten „abbilden, was die Menschen auf der Straße und im Alltag erleben“, betonte Medienwissenschaftler Bolz, ansonsten verlören sie an Glaubwürdigkeit – und in der Folge Zuschauer. Bolz erinnerte daran, dass die veröffentlichte Meinung nicht automatisch identisch mit der gesellschaftlichen Mehrheitsmeinung sei.
Vielmehr gebe es „meinungsstarke Minderheiten“ – im vorliegenden Fall eine links-grüne –, die den „Schweigespirale-Effekt“ nach Elisabeth Noelle-Neumann erzeugten: Weil die Mehrheit glaubt, mit ihrer Meinung in der Minderheit zu sein, schweige sie. So entstehe ein völlig falsches gesellschaftliches Stimmungsbild. Schließlich würden heute schon Positionen, die früher von Sozialdemokraten wie Helmut Schmidt und Willy Brandt vertreten worden seien, als rechtsextrem abgestempelt.
Die Praxis, kritische Meinungen sofort in die Nähe von Rechtsextremen zu rücken, verfange aber zunehmend nur noch bei Intellektuellen. Normale Menschen hätten kapiert, dass dies „reines Geschwätz“ sei, so Balz.
Und was ist mit dem Vorwurf, bei den öffentlich-rechtlichen Sendern tummelten sich vor allem Mitarbeiter mit weniger konservativem Weltbild? Ruhs erinnerte an eine Befragung von 150 Journalisten-Azubis, wonach mehr als 90 Prozent der ARD-Volontäre des Ausbildungsjahrgangs 2020 bei der Wahl SPD, Grüne oder die Linke präferiert hätten. Doch lässt sich das verallgemeinern?
Ein mögliches Problem sieht Ruhs in den oft ähnlichen Ausbildungswegen und der Akademisierung, die zum Journalismus führen; in den Sozial-, Politik- und Medienwissenschaften seien die meisten Studenten eher links eingestellt oder würden so geprägt. Die konservativeren Studentinnen und Studenten hingegen kämen eher aus „Berufsstudiengängen“ wie Betriebswirtschaft, Jura oder Medizin.
Auch Medienbeobachter Bolz sieht die Hauptursache für eine eher „linke“ Prägung im typischen Werdegang dieser Personen: Sie gehen zum Gymnasium, von dort an die Universität und dann direkt in die Medien, NGOs oder politische Parteien. Das Resultat: Diese Leute seien „hochgebildet, rhetorisch brillant, meistens auch wirklich intelligent“ – hätten aber niemals wirklich Kontakt mit der Realität gehabt.
Grundsätzlich verteidigte Ruhs das ursprüngliche Modell des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, das von der Idee her darauf ausgelegt sei, die gesamte Breite der Gesellschaft einzufangen und ein Programm zu bieten, bei dem sich alle angesprochen fühlen. Die Frage ist, wie das konkret aussehe?
Man müsse überlegen, wie das System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu gestalten sei, um „auf Dauer bestehen zu bleiben“, sagte Ruhs. Sicher geben es auch Einsparpotenzial beim Rundfunkbeitrag. Den Begriff „Zwangsgebühren“ lehnt Ruhs – anders als der Medienwissenschaftler – ab; er greife so viele Menschen an, dass ein sachgerechter Diskurs darüber gar nicht mehr möglich sei.
Bolz indes beschreibt das System als skandalös, da sich viele Menschen nicht länger täglich propagandistisch bearbeiten lassen wollten und dafür auch noch Geld zahlen müssten. Auf die Zusicherungen von ÖRR-Vertretern, man werde künftig noch pluralistischer sein, gebe er „kein einziges Wort“. Solche Versprechen seien allein rhetorischer Natur.
Ob die öffentlich-rechtlichen Radiosender und Fernsehanstalten solche Skeptiker eines Besseren belehren können?