Osnabrück Wirtschaft schlägt Alarm: Lufthansa droht mit Streichung der München-Flüge am FMO
Lufthansa stellt die München-Verbindung vom Flughafen Münster/Osnabrück infrage. Aktuell geht jeder fünfte Flug am FMO nach München. Die Wirtschaft ist in Aufruhr: Unternehmer warnen vor einem herben Schlag für unsere Region.
Der Flughafen Münster/Osnabrück (FMO) steht vor einem möglichen herben Einschnitt: Lufthansa droht, die Verbindung nach München zu streichen. Nach dem Aus der Frankfurt-Flüge im Oktober 2024 wäre dies der nächste Rückschritt für den Airport, der sich bislang als „Tor zur Welt“ für die Region Münsterland und Osnabrück versteht.
Voraussichtlich rund 230.000 Passagiere nutzen diese Verbindung nach FMO-Angaben in diesem Jahr – das entspricht etwa jedem fünften Flug vom Grevener Airport. Lufthansa-Airlines-Chef Jens Ritter stellte klar: „Wenn Verbindungen unrentabel werden, sind wir gezwungen, Strecken zu reduzieren und die Flugzeuge woanders einzusetzen“, sagte er den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. „Die Liste der Flughäfen, die wir aus betriebswirtschaftlicher Sicht in den Blick nehmen müssen, ist lang: Bremen, Dresden, Köln, Leipzig, Münster, Nürnberg, Stuttgart – um nur einige zu nennen.“
Die Drohung hat die regionale Wirtschaft aufgeschreckt. Mit einem offenen Brandbrief wandte sich der Großhändler für Pharmazeutische Industrie, Pharma Greven, an Politik und Lufthansa. Geschäftsführerin Marie-Theres Nadler erklärte, die Strecke FMO–München sei nicht nur für die Grevener Firma, sondern für zahlreiche Unternehmen in der Region „ein unverzichtbares Bindeglied zur Welt“. Schon die Streichung der Frankfurt-Flüge sei ein herber Rückschlag gewesen, der Verlust der München-Verbindung „wäre für viele Unternehmen existenzbedrohend“, betonte Nadler.
Gerade international tätige Firmen im Großraum Münster/Osnabrück seien auf die letzte verbliebene Drehscheibe für weltweite Anschlüsse angewiesen. „Wir brauchen diese Strecke für Geschäftsreisen, internationale Meetings und den Zugang zu globalen Märkten“, schreibt sie in ihrem Brief. „Ihre Streichung würde die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Greven und Umgebung erheblich mindern und die Wettbewerbsfähigkeit unserer Region gefährden.“ Für Fachkräfte und Investoren sei eine schnelle Anbindung an internationale Drehkreuze entscheidend. Ohne München würde die Region einen wichtigen Standortvorteil verlieren.
Die Hintergründe sind komplex – im Kern geht es um hohe Abgaben in Deutschland. Lufthansa-Chef Ritter kritisiert seit Monaten, dass die Bundesregierung die im Koalitionsvertrag angekündigten Entlastungen bislang nicht umgesetzt hat. Stattdessen stiegen die Gebühren weiter: Allein seit Jahresbeginn verteuerten sich laut Lufthansa die An- und Abfluggebühren um 40 Prozent, die Flugsicherungsgebühr um 25 Prozent.
Statistiken des Bundesverbands der Deutschen Fluggesellschaften (BDF) belegen, dass die staatlichen Standortkosten pro Abflug von einem Airport hierzulande seit 2019 um bis zu 128 Prozent gestiegen sind. In Stuttgart liegen die staatlichen Abgaben für eine mit 150 Passagieren besetzte Maschine, die ein Ziel innerhalb der EU ansteuert, laut BDF aktuell bei über 5100 Euro. In Frankfurt sind es knapp 4850 Euro, in Berlin-Brandenburg über 4200 Euro.
Zum Vergleich: In Istanbul zahlen Airlines nach BDF-Angaben nur rund 520 Euro, in Madrid 687 Euro, in Brüssel 1892 Euro. „Das deutsche Niveau ist international nicht wettbewerbsfähig“, warnte Ritter vor den dramatischen Folgen dieser Entwicklung. Ganze Wirtschaftszentren seien dadurch nicht mehr ausreichend an internationale Märkte angebunden.
Am FMO bestätigt man diese Analyse. „Diese Hoheitskosten haben sich seit der Pandemie mehr als verdoppelt. Deutschland hat inzwischen die höchste Luftverkehrssteuer in Europa“, sagt Flughafensprecher Andrés Heinemann, der ab 2026 neuer Flughafenchef in Greven ist. Die staatlichen Auflagen für Flugsicherung und Luftsicherheit würden zu einer Last, die Airlines kaum noch tragen könnten.
„Wenn Airlines wie Lufthansa sagen, dass sie sich bestimmte Flüge nicht mehr leisten können, ist das für uns eine echte Gefahr“, unterstreicht Heinemann. Lufthansa fülle ihre Langstreckenmaschinen dort, wo der größte Ertrag winke – egal ob von Frankfurt, München oder Brüssel. „Da hat der FMO kaum eine Handhabe. Aber es wäre mehr als bedauerlich, wenn wir uns wegen der exorbitant hohen Rahmenbedingungen abkoppeln.“ Heinemann verweist auf die politischen Versprechen: Im Koalitionsvertrag sei festgehalten worden, die Luftverkehrssteuer wieder zu senken. „Doch passiert ist nichts. Selbst der Bundeskanzler hatte angekündigt, dass der Luftverkehr entlastet wird – bislang Fehlanzeige.“ Den Bund würde es rund 300 Millionen Euro kosten, die Luftverkehrssteuer-Erhöhung aus dem vergangenen Jahr wieder zurückzunehmen.
Für den FMO hätte ein Aus der München-Flüge dramatische Konsequenzen. Seit dem Verlust der Frankfurt-Verbindung ist München das einzige verbliebene internationale Drehkreuz. Rund die Hälfte der Passagiere steigt dort direkt auf internationale Flüge um, die andere Hälfte hat München selbst als Ziel. 2024 verzeichnete der FMO insgesamt 1,25 Millionen Fluggäste – eine Steigerung von 30 Prozent zum Vorjahr. Das Wachstum kam vor allem aus dem touristischen Bereich. Doch die Lufthansa-Verbindung nach München bleibt für Heinemann „das Herzstück der Geschäftsreisen und internationalen Anbindungen“. Wie real die Gefahr ist, zeigt der Blick nach Ostwestfalen: In Paderborn strich Lufthansa die München-Strecke bereits im Mai 2025. „Das war ein ernstzunehmender Warnschuss“, so Heinemann. „Auch für uns gilt: Diese Verkehre stehen auf dem Prüfstand.“
Unternehmerin Nadler warnte, dass unsere Region durch eine solche Entwicklung wirtschaftlich abgehängt werde. Sie forderte dringend eine „eine Petition, eine gemeinsame Stellungnahme oder eine branchenübergreifende Aktion“, um den Druck auf Berlin und die Lufthansa zu erhöhen. Über verschiedene Kanäle, so Heinemann, habe der FMO das Thema nach Berlin getragen – über Bundestagsabgeordnete, über Branchenverbände und direkte Gespräche. Er warnte: „Wir sägen an dem Ast, auf dem wir sitzen. Es geht nicht nur um unseren Flughafen, sondern um die internationale Anbindung einer ganzen Region.“ Fest steht: Ohne München verliert der FMO seine Rolle als „Tor zur Welt“.