Nazi-Gräueltaten  Historiker identifiziert Kriegsverbrecher aus Tichelwarf

Tatjana Gettkowski
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Von Tatjana Gettkowski
| 02.10.2025 14:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Der SS-Mann, der im Begriff ist, einen Juden vor einem Massengrab hinzurichten, konnte jetzt von einem Geschichtswissenschaftler mit Hilfe von KI identifiziert werden. Der Kriegsverbrecher Jakobus Onnen stammt aus Tichelwarf. Foto: Photo12/Ann Ronan Picture Library
Der SS-Mann, der im Begriff ist, einen Juden vor einem Massengrab hinzurichten, konnte jetzt von einem Geschichtswissenschaftler mit Hilfe von KI identifiziert werden. Der Kriegsverbrecher Jakobus Onnen stammt aus Tichelwarf. Foto: Photo12/Ann Ronan Picture Library
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Ein SS-Mann richtet einen Juden hin – das Foto aus dem Jahr 1941 ist zum Symbol des Holocaust geworden. So gelang es, Jakobus Onnen aus Tichelwarf als Täter zu identifizieren.

Weener - Das Ehrenmal vor dem Heimatmuseum in Weener erinnert an die Kriegsopfer der beiden Weltkriege und die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Ausgerechnet dort ist aber auch der Name eines Kriegsverbrechers aus Weener eingraviert. Mit Hilfe von künstlicher Intelligenz (KI) konnte der 1906 in Tichelwarf geborene Jakobus Onnen auf einem der wohl bekanntesten Fotodokumente über die Gräueltaten der SS als Todesschütze identifiziert werden. Das haben die Recherchen des Historikers Jürgen Matthäus ans Licht gebracht. Nachdem in der Online-Ausgabe des „Spiegels“ ein Bericht über die erschreckende Enthüllung erschienen war, will die Stadt Weener jetzt Konsequenzen ziehen.

Die Schwarz-weiß-Aufnahme zeigt eine erschütternde Szene. Ein Mann kauert am Rand einer Grube, in der mehrere Leichen liegen. Seine Wangen sind eingefallen, sein Blick geht am Fotografen vorbei. Schräg hinter ihm steht ein SS-Mann und richtet eine Waffe auf seinen Hinterkopf. Seine 20 Kameraden schauen der bevorstehenden Hinrichtung völlig unbeteiligt zu. In ihren Gesichtern ist keine Regung zu erkennen. Das Bild, das schon in vielen Medien und Schulbüchern veröffentlicht wurde, zählt zu den bekanntesten und gleichzeitig erschreckendsten Fotodokumenten des Holocaust.

Veröffentlichung in Fachzeitschrift sorgte für Aufsehen

Über den Tatort, Opfer und Täter war aber lange nichts bekannt, bis der Geschichtswissenschaftler Dr. Jürgen Matthäus seine Recherchen 2023 in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft veröffentlichte. Danach soll die SS die Schreckenstat im Juli 1941 in Berdytschiw in der heutigen Ukraine verübt haben. Nach einem Bericht im Jahr 2024 in der „Welt“ meldete sich ein entfernter Verwandter von Jakobus Onnen bei dem Holocaust-Forscher und stellte ihm Vergleichsfotos zur Verfügung. Ein ehemaliger Kriminalbeamter und eine private Recherchegruppe konnten die Aufnahmen von Verbrechen mit Hilfe von KI auswerten. „Nach dem Fotoabgleich ist Onnen mit einer Sicherheit von mehr als 99 Prozent der Todesschütze“, heißt es in der Online-Ausgabe des „Spiegels“.

Über den Kriegsverbrecher Jakobus Onnen selbst ist wenig bekannt. Er wurde 1906 in Tichelwarf geboren. „Es deutet vieles darauf hin, dass er der Sohn des Lehrers Johann Hermannus Engelkes Onnen und seiner Frau Albertje Lokers war“, sagt der Möhlenwarfer Ahnenforscher Klaas Geerdes nach einem Blick in die Kirchenbücher. Die beiden hatten eine Tochter Johanna Jakoba, die 1899 geboren wurde. Sie könnte die ältere Schwester von Jakobus Onnen gewesen sein, der sieben Jahre später geboren wurde. Die Aufzeichnungen der Kirchenbücher enden aber im Jahr 1899. „Ab 1900 haben diese Aufgabe die Standesämter übernommen“, sagt Geerdes.

Name des Kriegsverbrechers auf Ehrenmal

Über den schulischen und beruflichen Werdegang ist wenig bekannt. Nach den Recherchen des Geschichtswissenschaftlers Dr. Jürgen Matthäus schloss sich Jakobus Onnen 1933 der SA und im Jahr darauf der SS an. Als Studienrat unterrichtete er an einer Deutschen Kolonialschule in Witzenhausen bei Kassel. Er fiel 1943 in der Ukraine. Begraben ist der gebürtige Rheiderländer in einer Kriegsgräberstätte nahe Kiew.

„Die Nennung des Kriegsverbrechers Jakobus Onnen auf einem unserer Ehrenmale für die Opfer von Krieg und Vertreibung ist schmerzhaft und verstörend“, sagt Weeners Bürgermeister Heiko Abbas. „Gerade wenn man bedenkt, dass wir vor wenigen Monaten erst die Begegnungsstätte für das jüdische Leben in unserer Stadt eröffnet haben, ist diese Enthüllung besonders dramatisch.“

Entfernung der Gravur oder Überdeckung durch ein Info-Schild: Die Stadt Weener will nun überlegen, wie sie mit dem Namen des Kriegsverbrechers Jakobus Onnen auf dem Ehrenmal umgehen will. Foto: Tatjana Gettkowski
Entfernung der Gravur oder Überdeckung durch ein Info-Schild: Die Stadt Weener will nun überlegen, wie sie mit dem Namen des Kriegsverbrechers Jakobus Onnen auf dem Ehrenmal umgehen will. Foto: Tatjana Gettkowski

Ähnlicher Fall in Westoverledingen

„Die Stadt wird mit den Arbeitskreisen Synagogenbrand und Stolpersteine besprechen, in welcher Form wir diese Enthüllung aufarbeiten. Auf jeden Fall werden wir die Sache aktiv angehen und uns kritisch mit der Person Jakobus Onnen als Kriegsverbrecher und SS-Mitglied auseinandersetzen“, kündigt Abbas an, „wir werden die Sache nicht unter den Teppich kehren.“

Wie die Stadt mit dem Namen auf dem Denkmal umgehen wird, sei noch offen. „Von der Entfernung der Gravur, der Überdeckung durch ein Info-Schild, das Beistellen einer Informationstafel, einer anderen grafischen Umrahmung oder ähnlichem sind viele Möglichkeiten denkbar“, so der Bürgermeister. Es müsse deutlich werden, dass Jakobus Onnen zwar im Krieg gefallen sei, aber in erster Linie ein Kriegsverbrecher und Täter war, durch dessen Hand Menschen gestorben seien – nicht an der Front und im Kampf, sondern im Hinterland, wehrlos und unschuldig. „Darum kann seiner nicht als Opfer gedacht werden.“

Unten rechts auf dem Ehrenmal der Stadt Weener vor dem Heimatmuseum wird Jakobus Onnen als Opfer des Zweiten Weltkriegs gedacht. Jetzt stellte sich heraus, dass er ein Kriegsverbrecher war. Foto: Tatjana Gettkowski
Unten rechts auf dem Ehrenmal der Stadt Weener vor dem Heimatmuseum wird Jakobus Onnen als Opfer des Zweiten Weltkriegs gedacht. Jetzt stellte sich heraus, dass er ein Kriegsverbrecher war. Foto: Tatjana Gettkowski

In Westoverledingen gab es vor fünf Jahren einen ähnlichen, aber noch extremeren Fall. Es ging um den stellvertretenden SS-Kommandanten des Vernichtungslagers Sobibor in Polen, der aus Völlen kam. Johann Niemann war für die Ermordung von Juden, Sinti, Roma und Kriegsgefangenen mitverantwortlich. Er war aktiv an Massenmorden beteiligt. Auch in Westoverledingen gab es die Diskussion, wie man mit dem Denkmal, auf dem die Namen der Soldaten stehen, die im Ersten und im Zweiten Weltkrieg gefallen sind oder nach den beiden Weltkriegen als vermisst gelten. Darauf findet sich auch der Name Johann Niemann. Aus dem Denkmal ist schließlich ein Mahnmal geworden – mit einer Infotafel. Der Name des Kriegsverbrechers ist mit einer Plexiglasscheibe überdeckt worden. In schwarzer Schrift ist darauf zu lesen „siehe Infotafel“.

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