Osnabrück  Erstes Konzert mit Christopher Lichtenstein in der Osnabrückhalle: Die Erfolgsserie hält

Ralf Döring
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Von Ralf Döring
| 29.09.2025 16:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Nimmt direkt Kontakt zum Publikum auf: Christopher Lichtenstein hält nach dem ersten Stück eine kleine Begrüßungsrede. Foto: Steve Weber
Nimmt direkt Kontakt zum Publikum auf: Christopher Lichtenstein hält nach dem ersten Stück eine kleine Begrüßungsrede. Foto: Steve Weber
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Im ersten Sinfoniekonzert setzt Christopher Lichtenstein seinen erfolgreichen Start mit dem Osnabrücker Symphonieorchester fort. Dem Publikum zeigt sich der neue Generalmusikdirektor dabei zugänglich und herausfordernd zugleich.

Christopher Lichtenstein startet mit einer musikalischen Ansage in seine erste Konzertsaison als Osnabrücker Generalmusikdirektor (GMD). „Rugby“ ist wie das Spiel, dem der Schweizer Komponist Arthur Honegger eine musikalische Referenz erweisen wollte: rasant, hart, mitreißend. Die wenigsten im Publikum dürften das Stück gekannt haben, die meisten dürften dankbar sein, dass sie es jetzt erleben durften. Und damit steckt in den rund zehn Minuten Musik all das, was Lichtenstein in den nächsten Jahren vorhat. Nicht nur, weil das Stück die schöne Gelegenheit einräumt, die Musiker auch mal aufstehen zu lassen.

„Modern ist das, was ich nicht kenne“, sagt Lichtenstein in einer kleinen Ansprache nach dem Eröffnungsstück des ersten Sinfoniekonzerts in der Osnabrückhalle, das er selbst geplant hat. Schon allein das ist neu: Der Chefdirigent wendet sich an sein Publikum, sucht die Ansprache, will seine Absichten und vor allem: seine Musik dem Publikum vermitteln. Lichtenstein bricht mit Konventionen und führt sein Publikum in unbekannte Gefilde des Repertoires. Nicht Brahms und Beethoven prägen seinen Konzertspielplan, sondern Komponisten, die in der zweiten Reihe stehen. Und das, da ist Lichtenstein überzeugt, oft zu unrecht.

Im Falle seines absoluten Favoriten Edward Elgar führt er im zweiten Teil des Konzerts sehr schön vor Ohren, was er damit meint. Denn die erste Sinfonie des Briten genießt bei uns allenfalls den Status Geheimtipp; dabei entwickelt Elgar eine Klanglichkeit auf der Höhe ihrer Zeit – das Stück wurde 1908 uraufgeführt, übrigens vom damaligen deutschen Stardirigenten Hans Richter. Gleichzeitig spricht er eine einmalige, individuelle Klangsprache: süffig in den Ecksätzen, mit grimmigem Humor im zweiten und tiefer Innigkeit im langsamen Satz (der, kleiner Tipp für die Hörer bei Wiederholung des Konzerts am heutigen Montag, übrigens ohne Pause an den zweiten anschließt). Ja, wer diese Aufführung erlebt hat, wird Lichtenstein beipflichten: Diese Sinfonie fristet zu Unrecht ein Schattendasein.

Nun ist die Frage, was aufs Programm gesetzt wird, untrennbar mit der Frage verbunden, wie es realisiert wird. Und da weht ein deutlich frischer Wind durchs sinfonische Haus, der allen Beteiligten hörbar gut tut. Lichtenstein sorgt für klare klangliche Proportionen und bringt die Qualitäten des Osnabrücker Symphonieorchesters hervorragend zur Geltung. Wie schon bei der Premiere des „Fliegenden Holländers“ im Theater am Domhof leuchtet er auch beim Sinfoniekonzert die Partitur deutlich aus, lässt kein Detail unter den Tisch fallen oder im Klangtrubel untergehen.

Dabei hilft die neue Sitzordnung auf dem Podium: Die zweiten Geigen hat er aus dem Windschatten der ersten heraus und nach vorne geholt – allein das sorgt für mehr klangliche Transparenz. Die Celli sitzen im Halbrund des Streicherapparats auf der Zwei-Uhr-Position und strahlen von dort aus stärker nach vorne und klingen deutlich intensiver.

Solche Maßnahmen sind also keine Äußerlichkeiten. Entscheidend aber ist die Vermittlungsarbeit, die Lichtenstein offensichtlich ins Orchester hinein leistet. Sie wird hörbar in den fein ausgestimmten Klängen, sie wird aber vor allem spürbar in der Intensität, die das Osnabrücker Symphonieorchester an den Tag legt. Es ist, als hätte der neue GMD seine Musiker wieder auf die Stuhlkante geholt, dorthin, wo packende Musik entsteht. Denn den Funken, der aufs Publikum überspringen soll, muss natürlich das Orchester zünden.

Lichtenstein kommuniziert dabei intensiv mit seinen Musikern. Er gibt deutliche Zeichen, muss aber nicht jede Note auszirkeln; er weiß, wo das Orchester selbst Verantwortung übernehmen muss. Da wird dann auch ein Repertoire-Klassiker wie Peter Tschaikowskys sinfonische Dichtung „Romeo und Julia“ zum schwelgerischen Ereignis.

Nun betritt Christopher Lichtenstein allerdings die musikalische Bühne Osnabrücks zu einer Zeit, die alles andere als sicher ist. Das gilt gleichermaßen für die Weltlage und die gesellschaftliche Situation, das gilt aber auch ganz besonders für die städtische Kultur. Dort macht sich Unsicherheit breit; umso wichtiger ist das Bekenntnis zum Theater und zum Osnabrücker Symphonieorchester, das Oberbürgermeisterin Katharina Pötter sendet, die höchstselbst den neuen GMD zum Amtsantritt in der Osnabrückhalle begrüßt. Denn Lichtenstein braucht den politischen Rückhalt, um seinen eingeschlagenen Weg weitergehen zu können. Aber diesen Rückhalt braucht die Osnabrücker Kultur insgesamt. Der großartige Start des neuen GMD ist jedenfalls schonmal ein eindringliches Plädoyer für die Kraft, die in der Kultur liegt, für eine Kraft, die unsere Gesellschaft gerade jetzt so dringend braucht.

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