Nordsee im Wandel Deiche werden höher – doch reicht das?
Die Auswirkungen des Klimawandels sind an Ostfrieslands Küste längst sichtbar. Der Küstenschutz denkt bereits weit über das Jahr 2100 hinaus.
Ostfriesland - Höchsttemperaturen in der Nordsee, häufigere Hitzewellen in allen Meeren, steigender Meeresspiegel und höher auflaufende Sturmfluten: Die Auswirkungen des Klimawandels sind längst auch an Ostfrieslands Küste sichtbar. Längst werden diese Auswirkungen deshalb im Küstenschutz berücksichtigt: Bei den Deicherhöhungen wird seit 2021 ein Meter Reserve, das sogenannte Vorsorgemaß, obendrauf gepackt.
Klimawandel macht sich an der Küste bemerkbar
Diese Klimareserve sollte bis 2100 ausreichen – das hofft Rainer Mellies, Oberdeichrichter im Norderland. Seine Deichacht ist zuständig für 32,6 Kilometer Deichline zwischen Dornumer Siel und Leybucht. Im Osten schließt sich das Gebiet der Deichacht Esens-Harlingerland, im Südwesten das der Deichacht Krummhörn an. Basis der derzeitigen Planungen für die Deichhöhen ist ein erwarteter Anstieg des Meeresspiegels um gut einen Meter bis 2100. Festgelegt werden die Deichhöhen durch den Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). Etwa alle zehn Jahre werden die Höhen überprüft und neu festgelegt, so Mellies. So galt bis 2021 ein Vorsorgemaß von 0,50 Metern, nach der letzten Überprüfung wurde die Reserve auf einen Meter angehoben.
Basisgröße der Deichhöhe bei der Norder Deichacht ist das mittlere Tidehochwasser von 1,23 Metern. Hinzu kommen die Höhe der höchsten anzunehmenden Springtide und die Höhe des höchsten Windstaus. Mit dem Klima-Meter ergibt das den Bemessungswasserstand. Und darauf kommen noch 3,50 Meter für den Wellenauflauf, „denn bei Sturmflut steht das Wasser ja nicht still am Deich, sondern wird hoch aufgepeitscht“, erklärt Mellies. Alles zusammen ergibt die Deichhöhe: Aktuell sind die Deiche zwischen 8,60 und 9 Metern hoch.
Ein Meter Reserve für den Deich
Laut den aktuellen Klimaprojektionen des Weltklimarats (IPCC) ist bis 2100 mit einem Anstieg des Meeresspiegels an der Nordsee von 0,63 bis 1,10 Meter zu rechnen, sollten die CO2-Emissionen nicht drastisch gesenkt werden. Bis zum Jahr 2150 liegt die Bandbreite des Meeresspiegelanstiegs sogar bei 0,98 bis 1,88 Metern.
Extremwetter-Kongress
Wie wird sich die Küste in Folge des Klimawandels verändern? Welche Informationen brauchen die Akteure an der Küste, um diesen Herausforderungen zu begegnen? Diese Fragen waren Thema beim ExtremWetterKongress vom 24. bis 26. September in Hamburg, an dem auch die Expertinnen und Experten des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) teilgenommen haben. Sie stellten die neuen Erkenntnisse zu den Auswirkungen des Klimawandels auf Nordsee und Ostsee vor. Infos: www.extremwetterkongress.org
Er ist überzeugt: „Die Deiche sind noch nie so gut und sicher gewesen wie heute.“ Und dennoch bleibe Unsicherheit. „Ich beobachte die Klima-Entwicklung mit Sorge. Denn die Frage bleibt, ob selbst die pessimistischste Prognose überhaupt ausreicht oder der Kippunkt nicht doch viel früher erreicht ist“, so Mellies.
Meeresspiegel und Sturmflutrisiko
Genau diese Frage beschäftigt auch die Experten des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg: Die maritime Behörde Deutschlands erhebt seit Jahrzehnten eine ganze Reihe von Daten, aus denen die Veränderungen durch den Klimawandel deutlich werden – etwa der Anstieg des Meeresspiegels. Messreihen in der Nordsee zeigen, dass zum Beispiel in Cuxhaven der Meeresspiegel seit 1900 um über 25 Zentimeter gestiegen ist. In der Ostsee (Warnemünde) stieg der Meeresspiegel seit 1900 um mehr als 20 Zentimeter. Ursachen dafür sind zum einen die Erwärmung der Meere – das Wasser dehnt sich bei höheren Temperaturen weiter aus – und zum anderen das Abschmelzen von Gletschern und Eisschilden.
In diesem Sommer stiegen in der Nordsee die Temperaturen auf den höchsten Stand seit Beginn der BSH-Messungen 1969, meldete die Behörde vor kurzem. Die durchschnittliche Oberflächentemperatur im Sommer 2025 lag bei 15,8 Grad Celsius und damit großflächig mehr als 2 Grad über dem langjährigen Mittel. Seit 1969 stieg die Temperatur der Nordsee um insgesamt 1,2 Grad. Die Ostsee erwärmt sich sogar noch schneller: Seit 1990 wurde sie 1,9 Grad wärmer, so das BSH. Eine Trendumkehr sehen die maritimen Experten nicht – im Gegenteil: Bis 2060 könnten laut den Prognosen die Durchschnittstemperatur der Nordsee um 1,5 Grad und die der Ostsee um weitere 1,7 Grad steigen. Bis 2100 erwarten die Experten plus 2,8 Grad für die Nordsee und plus 3,0 Grad für die Ostsee.
Aber nicht nur die Wasserstände steigen, zeigen die Messreihen und Prognosen des BSH: Auch die Großwetterlagen verändern sich durch den Klimawandel – mit direkten Effekten auf die Küste. Denn mehr westliche Winde, die bis zum Jahr 2100 erwartet werden, erhöhen das Risiko für Sturmfluten an der Nordsee.
Entwässerung als Zukunftsaufgabe
„Genau so weit nach vorn wie die Wissenschaft denkt auch der Küstenschutz, die Deichachten und der NLWKN“, betont Rainer Mellies. Er ist zugleich Obersielrichter – also auch zuständig für den Hochwasserschutz hinterm Deich. Bei den Entwässerungsverbänden sei man längst nicht so weit, meint er. Dort wird noch kein Klimazuschlag eingerechnet. Nach den Überschwemmungen der vergangenen Jahre sei immerhin die Notwendigkeit von Entwässerung ins allgemeine Bewusstsein gerückt. Durch den fortschreitenden Klimawandel droht häufigerer Starkregen mit Überschwemmungen, die Winter werden immer nasser, die Sommer immer trockener. Darauf müssen die Verbände sich einstellen und Lösungen finden, wie in Zukunft mit dem Regenwasser umgegangen wird. „Wir haben eine Riesenaufgabe vor uns“, sagt Mellies: „Ein Großteilt der Infrastruktur zur Entwässerung, zum Beispiel die Schöpfwerke, sind heute zwischen 60 und 70 Jahre alt und müssen in den nächsten Jahren modernisiert werden. Aktuell ist die große Frage: Woher bekommen wir das Geld dafür?“