Osnabrück Neue Frankfurter TV-Kommissarin:„So sind Edin und ich zum ‚Tatort‘ gekommen“
Melika Foroutan über ihre neue Rolle als Frankfurter „Tatort“-Kommissarin, ihren Beruf als Schauspielerin, ihren Lieblingskollegen und noch viel mehr.
Seit einem Vierteljahrhundert steht Schauspielerin Melika Foroutan im Rampenlicht nationaler und internationaler Film- und Fernsehproduktionen. Ihren Durchbruch hatte sie als Kriminalkommissarin Sylvia Henke in der bahnbrechenden ZDF-Serie „KDD – Kriminaldauerdienst“. Zuletzt glänzte sie unter anderem in der herausragenden Netflix-Serie „Die Kaiserin“ als Erzherzogin Sophie.
Am Sonntag, 5. Oktober, startet der neue Frankfurter „Tatort“ mit der ersten Episode „Dunkelheit“, in der sie gemeinsam mit Edin Hasanović als neues Ermittlerduo in der Abteilung für Altfälle sogenannte Cold Cases lösen muss. Wir trafen Melika Foroutan in Berlin in einem Café am Hamburger Bahnhof, um dort mit ihr über ihre Anfänge, ihre neue Rolle als Frankfurter Kommissarin, ihre langjährige Freundschaft zu ihrem Kollegen Edin Hasanović und noch viel mehr zu sprechen.
Frage: Guten Tag, Frau Foroutan. Sie sind nicht nur als eine sehr wandlungsfähige Schauspielerin bekannt, sondern derzeit auch richtig gut im Geschäft. Läuft, oder?
Antwort: (lacht). Vielen Dank! Ja, ich kann mich derzeit nicht beklagen. Ich spiele viele unterschiedliche Rollen, und darüber bin ich wirklich froh!
Frage: Wie bekommt man das auf die Reihe, abwechselnd in so vielen unterschiedlichen Rollen wie beispielsweise der Erzherzogin Sophie in „Die Kaiserin“ und der Frankfurter „Tatort“-Kommissarin Maryam Azadi unterwegs zu sein? Muss man da sehr umschalten?
Antwort: Ja, umschalten auf jeden Fall. Aber es erfordert natürlich im Wesentlichen die entsprechende Vorbereitung. Dreharbeiten, egal ob beim „Tatort“ oder „Die Kaiserin“ finden heutzutage unter größerem Zeitdruck statt als früher. Bei „Die Kaiserin“ wurde uns deshalb von der Produktion der Schauspielcoach Giles Foreman zur Seite gestellt, mit dem wir zwei bis drei Wochen vor Drehbeginn angefangen haben, sehr intensiv zu proben. Das war eine große Unterstützung, es spart beim Drehen viel Zeit, weil viele Fragen im Vorfeld schon geklärt wurden, und es macht auch ziemlich viel Freude.
Frage: Und beim „Tatort“?
Antwort: Beim „Tatort“ ist das ähnlich. Da hatten wir zwar keinen Coach, aber da Edin und ich unsere Rollen mitentwickeln durften und wir dadurch viel im Dialog mit den Autoren, der Regie und unseren Produzenten waren, hatten wir auch hier eine sehr gute Vorbereitung.
Frage: Ihre erste Rolle hatten Sie vor 25 Jahren in einer ZDF-Gerichtsshow namens „Streit um drei“. Wie ist es dazu gekommen und was hat das damals für Sie bedeutet?
Antwort: (lacht) Ich kann mich ehrlich gesagt gar nicht mehr so genau daran erinnern, wie es dazu gekommen ist. Ich war zu der Zeit noch an der Schauspielschule. Aber das war eine gute Erfahrung. Man hat ein paar biographische Daten zur Figur bekommen und Eckpunkte zum Fall, und dann musste man drum herum improvisieren. Das war eine interessante Übung, ich stand zum ersten Mal vor einer Kamera und habe auch zum ersten Mal mit Schauspiel Geld verdient.
Frage: Und jetzt sind Sie die neue „Tatort“-Kommissarin. Tolle Sache, oder?
Antwort: Ja!
Frage: Wie sind Sie an die Rolle gekommen?
Antwort: Über Sommerhaus, die Produktionsfirma, mit der ich ebenfalls bei „Die Kaiserin“ zusammenarbeiten durfte. Es gab eine Ausschreibung vom Hessischen Rundfunk für ein neues „Tatort“-Team. Da haben sich, soweit mir bekannt ist, 16 Produktionsfirmen beworben. Und gewonnen hat zu meiner Freude Sommerhaus mit dem Pitch der Cold Cases sowie Edin Hasanović und mir als „Tatort“-Team.
Frage: Es gab also kein klassisches Casting?
Antwort: Nein. Jochen Laube, einer der Produzenten, rief mich an und fragte, ob ich mir vorstellen könnte, „Tatort“-Kommissarin zu werden. Und da habe ich zuerst einmal gefragt: Wo? Und mit wem? (lacht). Dann hat er mir eine seitenlange, inhaltliche Beschreibung geschickt, die mir in sehr vielen Punkten zugesagt hat. Daraufhin habe ich dann den sogenannten Letter of Intent, eine unverbindliche Absichtserklärung unterschrieben, und dann kam ein paar Wochen später die Nachricht, dass Sommerhaus den Pitch gewonnen hat. Und so sind Edin und ich zum „Tatort“ gekommen.
Frage: Ist ja auch mal was.
Antwort: Ein Casting gibt es beim „Tatort“, wenn es um das ermittelnde Team geht, denke ich, nicht so häufig.
Frage: Haben Sie denn Bammel gehabt vor dieser neuen, wirklich großen Rolle?
Antwort: Ich hab‘ immer Angst erst einmal.
Frage: Echt?
Antwort: Na ja. Was heißt Angst. Ich hab‘ immer vor jeder Rolle ‘ne Aufregung. Das ist nicht wegzukriegen. Das geht mit der Vorbereitung immer etwas runter und am ersten Drehtag ist es wieder da. Im Laufe der Dreharbeiten werde ich sicherer, aber bei bestimmten Szenen mache ich mir tagelang vorher Gedanken. Es ist immer wieder eine Herausforderung. Ich möchte so präzise wie möglich einen Satz, eine Stimmung, eine Situation, eine Person treffen, das ist mir wichtig. Wovor ich keine Angst mehr habe, ist auf ein neues Team, auf neue Leute zu treffen.
Frage: Ist diese Aufregung so eine Art Prüfungsangst?
Antwort: Nein, keine Prüfungsangst. Eher so, wie wenn man eine lange Wanderung vor sich hat, und zu Beginn noch nicht genau weiß, wo man ankommt, und ob man das Ziel erreicht, bevor es dunkel wird. Das ist auch spannend. Ein Gefühl, das sich, obwohl ich jetzt schon seit 25 Jahren in diesem Beruf arbeite, keiner Routine gefügt hat. Deshalb freue ich mich auch so sehr darüber, dass ich unterschiedliche Rollen angeboten bekomme. Es gibt immer wieder etwas, das anders ist, als was davor war, so empfinde ich es zumindest noch. Und das bedarf immer wieder einer neuen Überprüfung: Kann ich das? Schaff ich das? Werde ich die Geschichte gut erzählen? Diese Fragen stellen sich viele meiner Kolleginnen und Kollegen, das ist nichts Außergewöhnliches, auch wenn man schon sehr lange in diesem Beruf arbeitet.
Frage: Wie würden Sie denn Ihre Rolle der Maryam Azadi im „Tatort“ charakterisieren?
Antwort: Maryam Azadi arbeitet in der Abteilung für Altfälle, diese ist bei uns im Keller stationiert, sie ist von ihrer Vorgesetzten dorthin versetzt worden. Maryam ist eine zurückgezogene, etwas geheimnisvolle Frau, sie ist sehr konzentriert auf ihre Arbeit und in sich ruhend. Sie hat ein wahrhaftiges Interesse daran, den Hinterbliebenen der Opfer Gewissheit zu geben und ist sehr empathisch. Eine Menschenfreundin.
Frage: Der erste Fall „Dunkelheit“ ist ja inspiriert von einem wahren Fall und Täter, der als „Main-Ripper“ in die Schlagzeilen gekommen ist. Wie geht man damit um?
Antwort: Da muss man sehr behutsam mit umgehen. Nicht nur wegen der Angehörigen der Opfer. Auch der Täter hat Angehörige, die nichts für seine Verbrechen können und in ihren Persönlichkeitsrechten geschützt werden müssen.
Frage: Um noch mal auf Ihre Rolle zurückzukommen – Sie hatten ja gesagt, dass Sie die Möglichkeit hatten, ihre Rollen mitzuentwickeln. War das von vornherein so geplant?
Antwort: Ja, das war etwas, was wir von Anfang an so vereinbart hatten, und was gerne angenommen wurde, denn es sind ja Ideen, die wir mitbringen, die etwas Wertvolles zum Ganzen beitragen.
Frage: Dann mal ganz dumm gefragt – Wie viel Melika Foroutan steckt in Maryam Azadi?
Antwort: Maryam Azadi ist, so wie ich auch, Iranerin. Wir haben also eine gemeinsame Herkunft, das ist schon eine große Gemeinsamkeit. Es steckt immer etwas von einem selbst in den Figuren, die man spielt. Manchmal entdeckt man es sofort, manchmal nimmt man eine Rolle an, weil man das Gefühl hat, weiter von einem selbst kann der Charakter gar nicht sein, und auf dem Weg findet man dann doch Gemeinsamkeiten.
Antwort: Ich suche nicht krampfhaft nach etwas, mit dem ich mich identifizieren kann, ich suche schon gar nicht nach Ähnlichkeiten, ich muss nur verstehen oder aber fühlen können, was mit einer Figur passiert, dann kann ich es besser spielen. Um auf Maryam zurückzukommen, diese Ruhe, die sie mit sich trägt, möglicherweise habe ich danach eine Sehnsucht. Das ist keine Gemeinsamkeit, aber ich fühle mich ihr dadurch verbunden.
Frage: An einer Stelle in „Dunkelheit“ werden Sie darauf angesprochen, dass Sie gar nicht aussehen wie jemand mit iranischen Wurzeln. War das Ihre Idee?
Antwort: Den Dialog gab es in einer anderen Form, diese Passage ist durch eine Improvisation von Edin entstanden.
Frage: Apropos Edin. Er ist ja für Sie kein Unbekannter. Sie haben sich kennengelernt, als er zwölf Jahre alt war?
Antwort: Ja, das war bei „KDD – Kriminaldauerdienst“, eine ziemlich tolle Serie. Edin war Teil des Ensembles, er kam als 12-jähriger Junge dazu, der mit sehr viel Neugierde und einem enormen Talent ausgestattet war. Wir konnten damals alle schon sehen, dass er auf jeden Fall in diesem Beruf weiterhin erfolgreich sein wird. Seine Neugierde hat er bis heute nicht verloren, und wenn man sich anschaut, in was für spannenden und unterschiedlichen Projekten er seitdem mitgewirkt hat, dann zeigt sich auch, wie wandelbar er ist.
Antwort: Egal, ob er in Komödien spielt oder einen Soldaten im Zweiten Weltkrieg, ich finde ihn immer überzeugend, ich schaue ihm gerne zu. Darüber hinaus ist er jemand am Set, der eine extreme Leichtigkeit herstellen kann. Der einen am Set auch nach ganz schlimmen Szenen auch ganz schlimm zum Lachen bringen kann. (lacht) Sie merken – ich liebe ihn!
Frage: Sie machen ja auch ganz andere Sachen. Neben der „Kaiserin“-Serie sind Sie nun bald auch in der Disney-Serie „City of Blood“ zu sehen. Worum geht es da?
Antwort: Das war eine riesige Produktion, es geht um Berlin in der nahen Zukunft, um Politik und Vampire. Ich denke, mehr darf ich noch nicht sagen.
Frage: Solche Genre-Produktionen waren ja in Deutschland bis vor ein paar Jahren undenkbar. Das hat sich erst mit den Streaming-Diensten geändert, oder?
Antwort: Ja. Aber die Öffentlich-Rechtlichen waren da seitdem nicht faul und haben das glücklicherweise aufgegriffen. Die Streamer haben den Startschuss gegeben, sie sind gekommen und haben unterschiedliche Genres belebt, waren experimentierfreudiger und hatten dafür aber auch die entsprechenden finanziellen Mittel. Jetzt gibt es auch mehr Genre-Versuche bei ARD und ZDF, aber auch Produktionen, die mit weniger Geld trotzdem großartige Geschichten erzählen, wie z.B die preisgekrönte Serie „Uncivilized“. Das ist gut für die Vielfalt, in jeder Hinsicht. Es muss nicht immer nur Krimi oder Komödie sein.
Frage: Wir müssen jetzt leider zum Schluss kommen. Was für weitere Projekte dürfen Sie denn schon verraten?
Antwort: Ich bin jetzt mittendrin in der 3. Staffel „Die Kaiserin“, wir drehen noch bis Ende Januar. Und zwei weitere „Tatort“-Produktionen sind auch schon geplant. Dazwischen spreche ich noch zwei Hörbücher ein.
Frage: Hörbücher zwischendurch – ist das nicht äußerst anstrengend?
Antwort: Wahnsinnig! Aber unfassbar toll! Das letzte Hörbuch, das ich eingesprochen habe, war „Antichristie“ von Mithu Sanyal. Ein Kriminalroman mit Sci-Fi-Elementen, in dem eine junge Frau durch die Zeit ins kolonial geprägte London des 20. Jahrhunderts reist. Es ist ein irres, tolles, kluges Buch. Bei Hörbüchern hat man nur seine Stimme, das ist eine ganz andere Ecke unseres Berufes, alles muss stimmlich gegriffen werden, man hat kein Gesicht, keinen Körper, also keine Mimik und Gestik, die einen unterstützen.
Antwort: Zum Glück konnte ich mal Ulrich Noethen und Eva Mattes, zwei Vollprofis in Sachen Hörbücher, um Rat fragen. Und Eva Mattes hat mir zum Beispiel erzählt, sie lese jedes Buch vor dem Einlesen mindestens drei Mal, um Bescheid zu wissen, und da sind wir wieder bei der Vorbereitung.
Frage: Frau Foroutan, dann danke ich Ihnen sehr für Ihre Zeit!