Abschied nach 29 Jahren  Klaas Uphoff schließt das letzte Modehaus in Großefehn

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 24.09.2025 17:55 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Für ihren Ruhestand haben Klaas und Britta Uphoff noch keine konkreten Pläne. Ende November schließt das Modehaus – danach geht es online weiter. Foto: Nicole Böning
Für ihren Ruhestand haben Klaas und Britta Uphoff noch keine konkreten Pläne. Ende November schließt das Modehaus – danach geht es online weiter. Foto: Nicole Böning
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Nach fast drei Jahrzehnten endet eine Ära: Das traditionsreiche Modehaus Uphoff an der Schrahörnstraße schließt. Was bleibt, sind Erinnerungen, ein starkes Team – und ein Online-Shop, der weiterlebt.

Großefehn - Er will nicht daran denken. Nicht an diesen letzten Tag, wenn Ende November hinter den letzten Kunden die Tür ins Schloss fallen wird. Wenn er nach ihnen die Tür abschließen und das Licht löschen wird. Noch kann er den Gedanken an diesen Moment weit von sich schieben. Bis auf die riesigen Schilder mit dem Schriftzug „Räumungsverkauf“ und den Prozentzeichen, die seit dem 1. September 2025 an den Ständern und Schaufenstern des Modehauses auf sich aufmerksam machen, ist alles, als wäre nichts gewesen.

Bis Ende November läuft der Ausverkauf im Modehaus Uphoff an der Schrahörnstraße in Mittegroßefehn. Foto: Nicole Böning
Bis Ende November läuft der Ausverkauf im Modehaus Uphoff an der Schrahörnstraße in Mittegroßefehn. Foto: Nicole Böning

Noch hängen die Kleider auf den Bügeln, liegen die Hosen und Hemden in den Regalen. Noch riecht es nach Stoff und Kaffee. Noch reden die Frauen hinter der Kasse, lachen, beraten, ordnen die Kleidung. Noch ist alles so, wie es in den vergangenen 29 Jahren war, seit Klaas Uphoff 1996 das Modehaus an der Schrahörnstraße in Mittegroßefehn übernommen hat.

Karrierebeginn im Kaufhaus Gebrüder Hinrichs: Wie alles begann

Auch damals hatte er vor einem Neuanfang gestanden. Nach 23 Jahren im Kaufhaus der Gebrüder Hinrichs in Norden konnte er sich nicht vorstellen, unter einem neuen Chef noch einmal von vorne anzufangen. Deshalb eröffnete er sein eigenes Modehaus. Zum Verkäufer für Herrenmode wurde Klaas Uphoff eher durch Zufall. „Ich wollte eigentlich etwas Technisches machen“, erinnert er sich. Doch er fand keine Lehrstelle.

Ein Blick in die Vergangenheit des Modehauses an der Schrahörnstraße in Mittegroßefehn. Foto: Privat
Ein Blick in die Vergangenheit des Modehauses an der Schrahörnstraße in Mittegroßefehn. Foto: Privat

Dann stellten sich die Weichen seines Lebens in dem Kaufhaus, in dem seine Familie schon lange Kunde war. Das Kaufhaus der Gebrüder Hinrichs war ein großes Geschäft in Norden – mit Herrenbekleidung, Schuhen, Betten und vielem mehr. Mehr als 100 Angestellte arbeiteten dort, davon allein etwa zehn Lehrlinge. Bei einem Einkauf wurde er gefragt, ob er nicht Lust habe, dort eine Ausbildung zu beginnen. Er sagte zu und begann mit 15 Jahren eine Ausbildung zum Verkäufer.

Vom Lehrling zum eigenen Modegeschäft

Er lernte alles, vom Verkauf von Herrenmode über Dekoration bis zu Gardinen. Auch wenn er selbst andere Pläne gehabt hatte, war diese Entscheidung für ihn eine glückliche Fügung. „Mir hat meine Arbeit immer Spaß gemacht“, sagt er. Auch wenn seine Kumpel bei Volkswagen in Emden das Doppelte verdienten, wollte er nicht mit ihnen tauschen. Die Arbeit mit Menschen, das Beraten, das Gefühl, wenn ein Kunde zufrieden den Laden verlässt – das war für ihn mehr wert als ein höheres Gehalt.

Ein Erinnerungsfoto der letzten gemeinsamen Radtour mit dem Team (von links): Bärbel Vierkötter, Anita Baumann, Klaas Uphoff, Grete Assing, Britta Uphoff, Gertrud Sann, Jutta Hüller, Marga Bruns, Heidi Hirthe, Monika Martens, Sabrina Eichmann. Es fehlt Sigrid Behrends. Foto: Privat
Ein Erinnerungsfoto der letzten gemeinsamen Radtour mit dem Team (von links): Bärbel Vierkötter, Anita Baumann, Klaas Uphoff, Grete Assing, Britta Uphoff, Gertrud Sann, Jutta Hüller, Marga Bruns, Heidi Hirthe, Monika Martens, Sabrina Eichmann. Es fehlt Sigrid Behrends. Foto: Privat

Später leitete er die Herrenabteilung, plante den Einkauf, fuhr auf Messen, entschied, welche Ware ins Haus kam und wie sie präsentiert wurde. Acht Jahre lang war er selbst für den Einkauf verantwortlich. Die Arbeit war vielseitig, manchmal anstrengend, aber sie machte ihm Freude. „Ich musste immer zusehen, dass ich mit dem Geld auskomme“, sagt er. All das legte die Basis für den Neuanfang in Großefehn.

Die Geschichte des Modehauses in Mittegroßefehn

Als das Kaufhaus schließlich aus Altersgründen vom Nachfolger der Gebrüder Hinrichs geschlossen wurde, war für Klaas Uphoff klar: Er wollte nicht noch einmal unter einem neuen Chef anfangen. Also begann die Suche nach einem Ort für sein eigenes Geschäft. Er bat einen Außendienstler des Kaufhauses, die Augen offenzuhalten – und der fand nach nicht einmal einem Vierteljahr das Modehaus in Mittegroßefehn.

Schon das Textilhaus an der Schrahörnstraße in Mittegroßefehn hat viele Menschen angezogen. Foto: Privat
Schon das Textilhaus an der Schrahörnstraße in Mittegroßefehn hat viele Menschen angezogen. Foto: Privat

Das Modehaus an der Schrahörnstraße hatte eine lange Geschichte. Zuerst hatte Georg Bengen dort das Textilgeschäft „Textil Bengen“ geführt. Später übernahm sein Auszubildender Helmuth Krüsmann das Haus und erweiterte es. Als Klaas Uphoff 1996 das Geschäft kaufte, war es gerade frisch umgebaut und erweitert worden. Im Gebäude gab es damals noch einen Backshop und eine Bank, die inzwischen beide längst verschwunden sind.

Vom stationären Handel zu Amazon und einem eigenen Online-Shop

Für Klaas Uphoff war es ein Glücksfall: Er fand ein Geschäft vor, das bereit war für einen Neuanfang – und für viele weitere Jahre Modegeschichte in Großefehn. Mit dem Neustart begann eine arbeitsreiche Zeit. Kaum hatte er übernommen, wurde das Ladenschlussgesetz gelockert. Plötzlich war das Geschäft unter der Woche bis 19 Uhr und später auch am Samstag bis 18 Uhr geöffnet. Die Tage wurden länger, die Aufgaben mehr. Nach Geschäftsschluss noch 40 Kilometer nach Hause zu fahren wurde zur Belastung. Das Pendeln kostete Zeit und Kraft. Also zog Klaas Uphoff nach Großefehn.

Ein Schnappschuss vom Ausverkauf (von links): Britta und Klaas Uphoff, Sabrina Eichmann, Jutta Hüller und Heidi Hirthe. Foto: Nicole Böning
Ein Schnappschuss vom Ausverkauf (von links): Britta und Klaas Uphoff, Sabrina Eichmann, Jutta Hüller und Heidi Hirthe. Foto: Nicole Böning

Das Geschäft wurde zum Mittelpunkt seines Lebens – und der neue Ort zu seinem Zuhause. Im Jahr 2002 kam das Internet ins Spiel. Der benachbarte Informatiklehrer Helmut Aden prophezeite ihm damals, dass das Internet und der Online-Handel die Zukunft seien. Aden vermittelte ihm zwei seiner Schüler, die sich mit dem Bau von Webseiten selbstständig machen wollten: Sie erstellten für Klaas Uphoff den ersten Online-Shop – als Vorzeigeprojekt. Das Konzept war damals noch so neu, dass es ein Vierteljahr dauerte, bis die erste Bestellung einging.

Das Modehaus Uphoff bleibt online präsent

„Das war zu einer Zeit, als man auf Amazon nur Bücher kaufen konnte“, sagt Klaas Uphoff und lacht. Er hätte damals der Jeff Bezos von Ostfriesland werden können, meint er heute mit einem Augenzwinkern. Aber das Geschäft lief gut, auch ohne große Visionen. „Wir waren zufrieden, wenn wir zurechtkamen.“ Inzwischen verkauft er rund 40 Prozent seiner Ware online – über die eigene Webseite, über E-Bay, über Amazon. Der Laden vor Ort bleibt trotzdem wichtig. Viele Kunden wollen anprobieren, fühlen, sich beraten lassen.

Mit Sabrina Eichmann wird Klaas Uphoff den Online-Handel weiter führen. Foto: Nicole Böning
Mit Sabrina Eichmann wird Klaas Uphoff den Online-Handel weiter führen. Foto: Nicole Böning

Das Internet ist für ihn kein Ersatz, sondern Ergänzung. Während andere Geschäfte es als Bedrohung empfanden, wusste Uphoff es zu nutzen. Der Internetverkauf wurde ein wichtiges Standbein und trug das Geschäft durch schwere Zeiten. Auch nach der Schließung des Modehauses bleibt der Online-Shop bestehen. Klaas Uphoff will ihn noch ein Jahr lang unterstützen. In der Zeit wird Sabrina Eichmann, die Tochter seiner Frau Britta, übernehmen. Sie arbeitet schon jetzt im Unternehmen und wird dann entscheiden, ob sie den Online-Shop weiterführt.

Die erfolglose Suche nach einem Nachfolger für das Modehaus

Für das Modehaus selbst hat er vergeblich nach einem Nachfolger gesucht. Seine Söhne haben andere Wege eingeschlagen: Hilko Uphoff betreibt ein Restaurant auf Norderney, Theo Uphoff ist Meister beim Technischen Service von N-Ports. „Ich habe sie nie in eine Richtung gedrängt“, sagt Uphoff. Ein Jahr lang hat Klaas Uphoff Gespräche geführt, Anzeigen geschaltet, Interessenten empfangen. Doch die Größe des Ladens schreckte viele ab.

Am Ende stellte er das Geschäft probeweise in die E-Bay-Kleinanzeigen. Mehrere Interessierte meldeten sich. „Einer wollte den Laden unbedingt.“ Nach vier Tagen war der Verkauf besiegelt. Jetzt sucht der neue Eigentümer für die Räume einen neuen Mieter. Wie es an der Schrahörnstraße weitergeht, nachdem Großefehns letztes Modehaus die Türen schließt, ist also noch offen.

Ein schwerer Abschied für Klaas Uphoff und sein Team

Als Klaas Uphoff seine Geschichte und die des Modehauses erzählt hat, fehlen noch die Fotos. Seine Frau Britta und das Team dafür zu begeistern ist schwierig. Auf ein Bild will eigentlich niemand. „Seit 29 Jahren bin ich der einzige Mann im Team“, sagt Klaas Uphoff und verdreht lachend die Augen. „Das kenne ich nicht anders.“ 15 Mitarbeiterinnen waren es zuletzt. Drei von ihnen – Jutta Hüller, Marga Bruns und Heidi Hirthe – sind seit dem ersten Tag dabei.

Und was wird aus seinem Team? Wer weiterarbeiten möchte, hat schon einen neuen Job, sagt Uphoff. Die anderen gehen mit ihm in den Ruhestand. Am letzten Tag wollen alle noch einmal zusammenkommen, um gemeinsam Abschied zu nehmen. Sie wollen bei ihm sein, wenn die letzten Kunden Ende November das Modegeschäft verlassen und hinter ihnen die Tür ins Schloss fällt. Offiziell weiß er davon noch nichts. Doch es tröstet ihn, dann nicht allein sein zu müssen – in diesem Moment, über den er lieber nicht nachdenken möchte. Wenn das Licht zum letzten Mal ausgeht.

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