Osnabrück  Die Rosenkranz-Revolte: So katholisch wird Trumps MAGA-Bewegung in Amerika

Dr. Philipp Ebert
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Von Dr. Philipp Ebert
| 25.09.2025 06:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Der christliche Glaube als Akt des Widerstands: Der konservative Aktivist Jack Posobiec reckt bei der Trauerfeier für Charlie Kirk eine Faust in die Höhe – und hält darin einen Rosenkranz. Foto: AP/dpa/John Locher
Der christliche Glaube als Akt des Widerstands: Der konservative Aktivist Jack Posobiec reckt bei der Trauerfeier für Charlie Kirk eine Faust in die Höhe – und hält darin einen Rosenkranz. Foto: AP/dpa/John Locher
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Frauen an den Herd, Gebetskette in die Hand: Nach dem Mord an Charlie Kirk erlebt Amerika ein erstaunliches Revival der öffentlichen Zurschaustellung der Frömmigkeit. Auffällig: Die Republikaner werden katholischer. Warum ist das so? Eine Spurensuche.

Als am Sonntag Donald Trump, die führenden Köpfe seiner Maga-Bewegung sowie Zehntausende Menschen zu einer Trauerfeier für den ermordeten Redner und Aktivisten Charlie Kirk zusammenkamen, fiel einer mit einer kraftvollen, verstörenden Geste auf: Jack Posobiec. 

Der Sohn polnischer Einwanderer reckte seine Faust in die Höhe. Eine Geste des Widerstands, wie sie Kommunisten, Afroamerikaner und später sogar Neonazis benutzten.

Posobiec aber hielt etwas in der Faust: einen Rosenkranz. Der vielleicht eindeutigste spezifisch katholische Gebetsgegenstand baumelte, der Welt entgegengestreckt, in seiner Hand. Posobiecs Worte: Die westliche Zivilisation werde nur gerettet, wenn die Menschen sich wieder dem „allmächtigen Gott” zuwenden würden. 

Der Katholizismus ist in Mode in den USA. Politische Prominente bekennen sich zur römischen Kirche, junge Menschen bekunden im Internet, dass sie wieder in den Gottesdienst gingen. Junge Frauen zeigen, wie sie ihr Haar beim Kirchgang verschleiern. Am Obersten Gerichtshof der USA sind mittlerweile sechs der neun Richter katholisch. 

Dabei war das katholische Christentum in den USA noch im 20. Jahrhundert eine Minderheitenreligion, die von Einwanderern mitgebracht wurde, über die das Establishment der USA – weiß, britischer Abstammung, protestantisch – die Nase rümpfte. Katholisch, das waren die Iren, die Italiener und die Latinos. Menschen, die einfacher Arbeit nachgingen, während die protestantischen Eliten unter sich blieben. 

In der langen Geschichte der USA gab es erst zwei katholische Präsidenten. Der erste war John F. Kennedy, knapp 200 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung. Der zweite war Joe Biden, der Anfang 2025 das Weiße Haus verlassen musste.

Teile der amerikanischen katholischen Kirche sind auf einem stramm-konservativen Kurs – und kollidieren damit mit dem Vatikan. Durch die amerikanische katholische Bischofskonferenz verläuft ein Graben, und zwar entlang der gleichen Linien wie im nicht-katholischen Amerika: Sexualität, Einwanderung, Umwelt, Umverteilung. Gegen den im Frühjahr verstorbenen Papst Franziskus haben nicht wenige amerikanische Katholiken die Faust in der Tasche geballt – weil er ihnen zu „links” war. 

Trotzdem – oder deshalb – gewinnt der Katholizismus in den USA an Stärke. In absoluten Zahlen wächst er. So waren im Jahr 2000 etwa 62 Millionen Amerikaner katholisch, heute sind es 72 Millionen. Die Zahl protestantischer Christen sinkt hingegen. Es gibt also eine relative Verschiebung innerhalb des amerikanischen Christentums von den protestantischen Kirchen hin zum Katholizismus. Und das, obwohl der evangelikale Protestantismus lange als Triebfeder jener Bewegungen galt, die die Republikanische Partei nach rechts verschoben hat. 

Der – im Gegensatz zum wortbasierten Protestantismus – bildreiche Katholizismus eignet sich besonders gut für die Inszenierung im Zeitalter von Social Media. Verschleierte Köpfe, Rosenkränze in Zeitlupe, Hostien im Scheinwerferlicht: All das kann auf Tiktok mit passender Musik emotionalisiert und als Gegenentwurf zu einer Postmoderne inszeniert werden, die sich in Minderheitendiskursen verliert.

US-Katholiken bekommen mehr Kinder als andere Amerikaner. Und es gibt prominente Konvertiten. Zum Beispiel US-Vizepräsident JD Vance, der sich 2019 katholisch taufen ließ. Am Sonntag sagte er, er habe als Träger öffentlicher Ämter und Mandate noch nie so viel über Jesus gesprochen wie in den Tagen seit der Ermordung von Charlie Kirk.

Auch Kirks Witwe ist katholisch. Es heißt, sie besuche täglich mit ihren Kindern den Gottesdienst. Vor der Ermordung ihres Mannes war sie eine Glaubens-Influencerin. Jetzt ist sie dazu neue Vorsitzende der Organisation ihres Mannes, „Turning Point USA”. In ihren Sendungen, bei gemeinsamen Auftritten mit ihrem Mann und bei der Trauerfeier für ihn appelliert Erika Kirk an Frauen, sie mögen ihrem Ehemann Untertan sein, wie es der Apostel Paulus im Epheserbrief schreibt.

Charlie Kirk selbst war zwar Protestant. Auch er äußerte sich aber positiv über die katholische Frömmigkeit. Eine größere Marien-Verehrung sei auch eine Antwort auf den „toxischen Feminismus“ in den USA. Mehr junge Frauen sollten „fromm und ehrfürchtig“ sein und weniger vorlaut und jähzornig. 

Kaum zu überschätzen für die konservative Bewegung in den USA ist die Bedeutung von Peter Thiel. Der deutschstämmige Unternehmer und Milliardär ist ein visionärer Vordenker der Maga-Bewegung – und, wiewohl mit einem Mann verheiratet, stramm katholisch. Er gilt als Förderer von Vizepräsident JD Vance – und auch als spiritueller Mentor. Er vertritt ein Endzeitdenken, in dem die USA am Ende den Antichristen besiegen werden.

Posobiec übrigens, der Mann mit der Rosenkranz-Faust, propagiert Verschwörungserzählungen wie jene vom Wahlbetrug 2020 oder, dass die Demokraten einen Kinderschänder-Ring betrieben. Er soll starke Verbindungen ins amerikanische Neo-Nazi-Milieu haben.

Doch warum erlebt die katholische Kirche in den USA so viel öffentlichen Zulauf? Vielleicht ist es gerade der Umstand, dass sie nie die Kirche der Regierenden war. In Deutschland war die Volksreligion durch den Glauben des Herrscherhauses festgelegt. Dieses Ergebnis des Westfälischen Friedens von 1648 strukturierte die religiöse Landkarte Deutschlands relativ stark bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Mancherorts blieb die katholische Geistlichkeit bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts auch die weltliche Herrschaft. 

Die persönliche Frömmigkeit berührte damit auch den politischen Status des Untertanen. Religion war, wenn nicht eine politische, so vielerorts durch die Homogenität der Bevölkerung doch zumindest eine soziale Verpflichtung.

So erging es dem Katholizismus in Amerika nie. Er ist gewissermaßen hinreichend anders als das, was die Menschen von ihren Vorfahren geerbt haben – und bietet gleichzeitig ein Ideen-Reservoir vor allem für die Ablehnung der Postmoderne: Die Geschlechterrollen sind geordnet, Homosexualität wird zwar im Modus der Nächstenliebe geduldet, aber nicht als Identitätsmarker wie in der queeren Szene akzeptiert.

Die akademische katholische Theologie ist zwar anschlussfähiger für postmodernes Denken. Vom Vatikan selbst aber kommen wiederholt eher traditionalistische Äußerungen über Geschlechterfragen. So sprach Papst Franziskus etwa von einem „marianischen Prinzip“, als er den Ausschluss von Frauen von Weiheämtern verteidigte.

Charlie Kirk begründete übrigens Trumps Erfolg vor einiger Zeit mit dessen expliziter Männlichkeit, die eine Zurückweisung der kulturellen Werte des Feminismus darstelle.

JD Vance begründete vor einigen Monaten derweil mit einem Rückgriff auf den Heiligen Augustinus, warum das Gebot der Nächstenliebe erlaube, sich stärker um amerikanische Staatsbürger als um Immigranten zu kümmern. Ein Kurienkardinal aus Rom widersprach Vance auf X: „JD Vance liegt falsch: Jesus verlangt nicht, dass wir unsere Liebe für andere hierarchisch einteilen”. Der Kardinal hieß Robert Francis Prevost. Heute heißt er Leo XIV. und ist der erste Papst aus den USA.

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