Osnabrück  Nie mehr Bremer Brücke? Wie die Initiative „Empty Stands“ erkrankten Fußballfans helfen will

Moritz Büscher
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Von Moritz Büscher
| 19.09.2025 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Das 90+6-Aufstiegsspiel im Mai 2023 war ein Duell, was jedem VfL-Fan in Erinnerung bleiben wird – für Sonja Tschirch in doppelter Hinsicht: Es war ihr letztes Spiel an der Bremer Brücke als Zuschauerin, nun will sie beim Aktionsspieltag wieder im Stadion sein. Foto: Sonja Tschirch
Das 90+6-Aufstiegsspiel im Mai 2023 war ein Duell, was jedem VfL-Fan in Erinnerung bleiben wird – für Sonja Tschirch in doppelter Hinsicht: Es war ihr letztes Spiel an der Bremer Brücke als Zuschauerin, nun will sie beim Aktionsspieltag wieder im Stadion sein. Foto: Sonja Tschirch
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Sonja Tschirch und Anna Baltus sind große Fußballfans. Obwohl sie Dauerkarten besitzen, können sie fast gar nicht mehr ins Stadion gehen. Der Grund: die Krankheit ME/CFS. Beim Aktionsspieltag des VfL Osnabrück am Samstag gegen Erzgebirge Aue machen sie mit der Initiative „Empty Stands“ an der Bremer Brücke darauf aufmerksam – mit gemischten Gefühlen.

Sonja Tschirch und Anna Baltus sind Fußballfans und gehen gerne ins Stadion – dort sind sie seit ein paar Jahren aber fast gar nicht mehr. Der Grund: Die beiden Frauen sind seit 2021 unter anderem an Post-Vac und ME/CFS erkrankt. Die Liebe zum Fußball können sie zwar durch ihre Erkrankung nur noch eingeschränkt ausleben. Das hält sie, insbesondere Tschirch als Osnabrückerin, jedoch nicht davon ab, mit der Initiative „Empty Stands“ beim Aktionsspieltag des VfL Osnabrück gegen Erzgebirge Aue (20. September, 14 Uhr) an der Bremer Brücke zu sein. Gemeinsam mit dem Fanprojekt der Lila-Weißen möchten sie die Thematik in das gesellschaftliche Bewusstsein rücken.

Während die 36-jährige Tschirch seit 2003 eine Dauerkarte für die Ostkurve des VfL-Stadions besitzt, hat die gebürtige Bremerin Baltus eine Dauerkarte für das Weserstadion des SV Werder. Beide gehören zu 90 Fußballfans aus ganz Deutschland, die sich seit Anfang des Jahres ehrenamtlich in der Initiative engagieren, die für ME/CFS-Erkrankte gegründet wurde, die gleichzeitig Fußballfans sind und ihr Fan-Dasein nicht mehr so ausüben können.

„Wir machen auf Missstände aufmerksam: Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem und der Fußball ist ein gutes Medium dafür, weil es eine breite Palette der Gesellschaft erreichen kann“, sagt Tschirch. Sie sei von der Erkrankung, die jeder haben könne, mild betroffen – das bedeutet bei ihr 50 Prozent weniger Aktivität. Manche Betroffene sind durch die chronische Erkrankung sogar hausgebunden oder bettlägerig. Das Problem bei ME/CFS sei, dass alle einen unterschiedlichen Symptom-Cocktail hätten, sagt Baltus.

„Bei einer Erschöpfung wird gesagt, ‚ruh dich aus‘ – das funktioniert bei uns aber nicht. Ich fühle mich in meinem Körper gelähmt: Mein Kopf will, aber mein Körper kann nicht“, erklärt die 37-Jährige. Zu Hause schaut sie Fußball ohne Ton, um Reize abzuschirmen. Im Stadion oder vorm Fernseher bekäme sie Gänsehaut, aber die Fußball-Atmosphäre sei zu viel für ihren Kopf – wie nach einer Techno-Party.

Auch für Tschirch, die im Mai 2023 beim 90+6-Aufstiegsspiel das letzte Mal an der Bremer Brücke war, sei der Stadionbesuch total überfordernd und oft tagesformabhängig. Sie ging über ihre Grenzen: Ein Puls von 153 in einer entspannten Position war bei ihr normal. „Ich habe die nächsten Tage im Liegen verbracht und konnte keinen Wasserbecher mehr halten – seitdem habe ich kein Stadion mehr von innen gesehen“, sagt sie. Das soziale Miteinander mit vielen Menschen und Reizen sei Fluch und Segen zugleich. „Es ist für unser Krankheitsbild leider Gift, da geht ein Stück der eigenen Identität verloren“, betont Tschirch.

Verzicht, Pausen und sich die Kräfte einteilen, können dabei helfen, den Alltag besser zu bewältigen. Ein Medikament gegen die Krankheit gibt es noch nicht. „Das Leben hört auf, leicht zu sein. Beim Stadionbesuch gehen Freude und Schmerz Hand in Hand: Freude kann auch ein tierischer Schmerz sein“, erklärt Baltus. 

Sie wird beim Aktionsspieltag gegen Aue nicht vor Ort sein, dafür aber Tschirch – als Interviewgast auf sowie mit Gehörschutz, Sonnenbrille und gemischten Gefühlen neben dem Platz. „Es ist ein Spiel mit dem Feuer, was mir Freude bereiten wird, obwohl ich weiß, dass es Konsequenzen mit sich bringt – es wird emotional werden“, sagt sie.

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