Osnabrück  Imagekampagne in Osnabrück: Ist der Schinkel besser als viele denken?

Karin C. Punghorst
|
Von Karin C. Punghorst
| 15.09.2025 11:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Dieses Motiv der Kampagne spielt auf den Postcast „Schinkel-Stimmen“ an. Foto: Benny Beutler
Dieses Motiv der Kampagne spielt auf den Postcast „Schinkel-Stimmen“ an. Foto: Benny Beutler
Artikel teilen:

Braucht der Osnabrücker Stadtteil Schinkel eine Imagekampagne? Für viele, die dort leben, stellt sich diese Frage gar nicht. Für sie ist der Schinkel lebendig, vielfältig, lebenswert – und mehr als „besser als gedacht“, wie ein Slogan behauptet.

Die Stadt Osnabrück hat eine Imagekampagne für den Schinkel gestartet. Ist das wirklich notwendig? Was bedeutet „besser als gedacht“, wie es auf den 80 Plakaten in der Innenstadt zu lesen ist? Das lässt sich nämlich auch lesen als „nicht ganz so schlecht wie sein Ruf“. Wer so denkt, unterschätzt den Stadtteil, meint unsere Redakteurin, die selbst im Schinkel zu Hause ist.

Wer im Schinkel lebt, der kann den Eindruck bekommen, nirgends in Osnabrück sei so viel los wie in diesem Stadtteil. Schon allein die Bevölkerungsdichte – um die 6320 Menschen teilen sich einen Quadratkilometer – spricht für sich. Rund 15.000 Menschen leben in Schinkel.

Woher kommen all diese Leute? Groß geworden ist der Schinkel als Arbeiterviertel. In den 1960er-Jahren kamen Gastarbeiter aus Spanien, Portugal und der Türkei, um bei Karmann am Band Autos zu bauen und bei Klöckner zu schuften.

Das ist lange vorbei: Aus Karmann wurde ein VW-Werk, das nun um seine Existenz kämpft. Klöckner hieß später Magnum und ist mittlerweile eine Industriebrache. Perspektivisch soll dort Wohnraum entstehen.

Auch die Gastarbeiter sind längst keine mehr, sondern sie, ihre Kinder und Enkelkinder sind zu Nachbarn, Vereinskameraden und Mitspielern im Fußballclub geworden. Sie gehören genauso zum Schinkel wie der alteingesessene Handwerksbetrieb für Elektroinstallation und der griechische Imbiss.

Wenn also ein Stadtteil von sich sagen kann, er sei bunt und vielfältig, dann der Schinkel. Nicht von ungefähr zieht es viele Studenten in den alten Arbeiterstadtteil. Die Mieten sind erschwinglicher und auch das gewachsene internationale Fundament strahlt Anziehungskraft aus. Im Schinkel leben viele Menschen mit einer Zuwanderungsgeschichte: Russen und Ukrainer, Syrer und Afghanen, Polen, Bulgaren und Briten, Bayern und Emsländer.

Viele Menschen aus Schinkel finden es dort gut. Für sie ist der Schinkel ihr Zuhause – und damit meinen sie nicht das bloße Dach über dem Kopf, sondern das Leben in der vielfältigen Nachbarschaft. Das ist etwas Besonderes.

Das heißt nicht, dass der Schinkel ein idyllisches Bullerbü ist. Probleme gibt es durchaus: Die Kinderarmut wiegt dort besonders schwer. Immer wieder mal gibt es wilde Müllablagerungen und ja, auch Probleme mit Ratten – wie übrigens in vielen anderen Stadtteilen auch. Erschüttert hat den Schinkel und ganz Osnabrück ein Femizid im Juli dieses Jahres auf offener Straße.

Es gibt Ecken, da fühlen sich Menschen gerade im Dunkeln unsicher, zum Beispiel an der Kreuzung Buersche Straße/Schinkel Straße/Venloer Straße. Das Dreieck hat einen Ruf als „sozialen Brennpunkt“.

Aber, und auch das bringt die Kampagne, mit ihren Plakaten, Slogans und Beiträgen in den sozialen Netzwerken auf den Punkt: In Schinkel gibt es viele engagierte Menschen, die sich in Vereinen und Organisationen ehrenamtlich einbringen für ein kulturelles, religiöses und gesellschaftliches Miteinander. Die Menschen packen die Probleme an und legen sich gemeinsam für ihren Schinkel ins Zeug.

Da ist der Bürgerverein, der jetzt ein neues Fotoarchiv vorgestellt hat und unermüdlich mit viel ehrenamtlichem Engagement für den Stadtteil eintritt. Da sind die vielen anderen Vereine und Initiativen, etwa ein Kochclub in der Moschee oder ein Begegnungscafé für Geflüchtete und Bürger in der Kirche. Und dann ist da noch das Quartiersmanagement um Tom Herter, dessen Aufgabe die Weiterentwicklung des Stadtteils ist.

Der Schinkel steht für Zukunft, es wird gelacht und gespielt. In keinem anderen Osnabrücker Stadtteil gibt es so viele Kinder. Darüber sprechen Tom Herter und Oberbürgermeisterin Katharina Pötter in der neuesten Folge des Podcasts Schinkel-Stimmen.

Die Zuhörer erfahren, dass die Stadt in Betreuung, Freizeit- und Bildungsangebote für Kinder in Schinkel viel investiert. Längst nicht alles läuft reibungslos. Ein Beispiel: Wegen erheblicher Mängel am Neubau der Kita Schinkel befindet sich die Stadt mittlerweile in einem Rechtsstreit mit der beauftragten Firma. Die Familien und Kinder in Schinkel mussten sehr viel Geduld haben.

Ein großes Pfund auf der Haben-Seite für den Schinkel ist das VfL-Stadion. 19 Brückentage im Jahr, wo gibt es das sonst, außer im Schinkel? Dann kommen viele Besucher aus den gut 20 Stadtteilen Osnabrücks, vom Westerberg, aus Nahne, der Dodesheide und Pye. Nicht zuletzt auch schon mal Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius, ehemaliger Oberbürgermeister der Stadt, in Schinkel aufgewachsen und bekennender VfL-Fan.

Sie sind willkommen, gleichzeitig wird bei Heimspielen über Verkehrschaos und zugeparkte Gehwege gestritten – so ist der Schinkel. Der Schinkel ist nicht perfekt, sondern lebendig, zupackend, vielfältig, herausfordernd. Wer hier lebt, weiß: Der Schinkel ist nicht nur „besser als gedacht“ – er ist gut.

Ähnliche Artikel