Osnabrück Der Gehemmte: Warum hat Friedrich Merz aufgehört, ein toller Redner zu sein?
Friedrich Merz galt mal als einer der besten Redner, die dieses Land hatte. Umso merkwürdiger, dass er bei den entscheidenden Auftritten als Kanzler oft blass bleibt. Jüngstes Beispiel: die Generaldebatte im Bundestag – eine Stilkritik.
Als Friedrich Merz im Oktober 2018 überraschend sein Comeback in die Politik ankündigte, reagierten gerade viele konservative Unionsanhänger elektrisiert. Nicht nur, weil sie sich von ihm inhaltlich wieder mehr klare Kante versprachen, sondern vor allem, weil er in dem Ruf stand, einer der schärfsten Redner zu sein, die die deutsche Politik je hatte.
Mit Friedrich Merz, so die Hoffnung, würde einer zurückkehren, der für die CDU wieder die Bierzelte, Marktplätze und nicht zuletzt den Plenarsaal des Bundestages mitreißen könnte – eine Gabe, von der man zu Angela Merkels Zeiten ja irgendwann vergessen hatte, dass sie überhaupt existiert. Und eine Fähigkeit, die gerade im Ringen um Aufmerksamkeit mit der AfD so wertvoll wäre, für die Union sowieso, aber auch für das Land als Ganzes.
Umso schwerer fällt es heute, sieben Jahre später, aus den bisherigen strategisch entscheidenden Kanzler-Auftritten des Friedrich Merz schlau zu werden: Wenn er sich jetzt, mit der ganzen Autorität des frisch gewählten Regierungschefs, direkt mit der Konkurrenz messen kann, müsste seine rhetorische Klasse und politische Angriffslust doch in ganz besonderer Weise zur Geltung kommen. Aber die Generaldebatte im Bundestag an diesem Mittwoch, die dazu die perfekte Bühne abgegeben hätte, war in dieser Hinsicht einmal mehr eine Enttäuschung.
Merz’ Tonfall? Gleichförmig ruhig und zurückgenommen, positiv ausgedrückt präsidial, böse gesagt ein Merkel-Echo. Die Körpersprache? Seltsam gehemmt, mal mit beiden Händen am Rednerpult, mal mit ineinander verhakelten Fingern vorm Manuskript, als suche er Halt.
Und inhaltlich? Buchhalterisch bieder: Nur einmal, als es um die Energiewende ging, sprach Merz kurz frei über die aus seiner Sicht verdienstvolle Arbeit seiner Wirtschaftsministerin auf diesem Gebiet. Aber sonst las er nur vor, was vor ihm auf den Papieren stand, und dazu gehörten Trockenheiten wie: „Der Generationenvertrag muss neu gedacht werden“, oder: „Wenn die Gesellschaft sich ändert, dann muss sich die Politik ändern.“
Den Bundestag mitreißen? Man sah mehrere Abgeordnete im Plenum tatsächlich gähnen.
Als Armin Laschet 2021 auf einen extra lahmen Bundestagswahlkampf setzte und scheiterte, prägte Markus Söder den Spruch, man könne „nicht im Schlafwagen ins Kanzleramt“ fahren. Als Bundeskanzler in diesen Krisenzeiten das Vertrauen der Bevölkerung im Schlafwagen gewinnen zu wollen, ist eine ähnlich schlechte Idee. Erste Umfragen sehen die AfD bereits vor der Union. Zeit, dass Merz aufwacht.