Treten, schubsen, mobben  Wie werden angehende Lehrer auf Gewalt an Schulen vorbereitet?

Rilana Kubassa
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Von Rilana Kubassa
| 17.09.2025 09:12 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Nico Janßen sammelt als Pädagogischer Mitarbeiter neben dem Studium praktische Erfahrungen. Bis Ende 2024 war er an der Möörkenschule in Leer beschäftigt. Foto: Ortgies
Nico Janßen sammelt als Pädagogischer Mitarbeiter neben dem Studium praktische Erfahrungen. Bis Ende 2024 war er an der Möörkenschule in Leer beschäftigt. Foto: Ortgies
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Gewalt an Schulen ist ein zunehmendes Problem, auch in Ostfriesland. Wie werden Studierende an der Uni auf Konflikte und Eskalationen vorbereitet? Und – reicht das aus?

Leer/Ostfriesland/Niedersachen - „Je nach Schwere der Tat wird auch die Polizei angerufen“, sagt Philipp Jürgens zum Umgang mit Gewalt an Schulen gegenüber unserer Redaktion. Der Sprecher und Stellvertretende Vorsitzende des Kreisverbands Leer der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist seit 2010 Lehrer an der Gutenbergschule in Leer, der einzigen Hauptschule der Stadt, mit 239 Schülerinnen und Schülern.

Dass seine Schule damit eine Sonderstellung in Leer einnimmt, ist für ihn klar: „Im Vergleich zu Realschulen, Oberschulen, Gesamtschulen oder Gymnasien haben wir mehr auffällige Schüler“, sagt er. Doch allgemein nimmt seit Jahren die Gewalt an deutschen Schulen zu, wie zahlreiche Studien und Umfragen zeigen. Das Land Niedersachsen startete im Jahr 2012 ein Präventionsprogramm in Zusammenarbeit mit der Polizei, und schon in Grundschulen sind physische Übergriffe oder Mobbing in Form von systematischer Ausgrenzung Alltag.

Kaum praktischer Bezug im Studium

Damit sei er im Studium nicht konfrontiert worden, wie Jürgens berichtet. Auch jüngere Kollegen, die das Studium gerade abgeschlossen haben, seien darin eher nicht geschult, sagt er. Der angehende Lehrer Nico Janßen schreibt auf Anfrage der Redaktion, in seinem Studium an der Universität Oldenburg gebe es „keine einheitlich festgelegten Module, die sich ausschließlich mit Gewalt- oder Mobbingprävention befassen“.

Janßen absolviert ein Doppelstudium für Ökonomische Bildung, Werte und Normen, Technik und Sozialwissenschaften. „Themen wie Klassenführung, Konfliktmanagement oder pädagogisches Handeln werden zwar in Seminaren (also Lehrveranstaltungen zu einem bestimmten Thema, Anm. d. Red.) und Vorlesungen teilweise behandelt, aber eher allgemein“, schreibt er. Ein Schulungskonzept zum Umgang mit Gewalt und Mobbing existiere bisher nicht. Lediglich in einem Seminar, das mit mit einer Schule kooperierte, haben Studierende mit Schülern kurz „über Gewalt und Mobbing diskutiert“, so Janßen. „Das hat allen Studenten sichtlich gefallen und bleibt im Kopf“, schreibt er.

Erst an der Schule setzt man sich mit Gewalt auseinander

Umso wichtiger seien für ihn seine Praxiserfahrungen an Schulen. Die Redaktion sprach 2024 schon einmal mit Janßen für einen Artikel über die geplante Stellenstreichung an der Möörkenschule in Leer. Neben Janßen, der dort zwischen 2022 und 2024 als pädagogischer Mitarbeiter angestellt war, sollte zum Beispiel auch die Stelle des Schulsozialarbeiters reduziert werden. Schon damals sagte Janßen, dass der Job an der Realschule ihm wertvolle Einblicke in den Schulalltag biete, die er an der Universität so nicht bekomme. Heute arbeitet er als pädagogischer Mitarbeiter an der Hoheellernschule in Leer.

Bei der Arbeit vor Ort erlebe er, „dass Gewalt und Mobbing sehr unterschiedliche Gesichter haben können“, schreibt er – „vom offenen Streit bis hin zu subtilen Formen von Ausgrenzung. Besonders in Vertretungssituationen und im Ganztag merke ich, dass es entscheidend ist, aufmerksam zuzuhören, Signale ernst zu nehmen und konsequent klare Grenzen zu setzen. Auch schon an einer Grundschule. Gleichzeitig braucht es ein gutes Zusammenspiel im Kollegium, um betroffene Kinder zu unterstützen“, weiß er aus der Praxis. Solche Erfahrungen machen viele seiner Kommilitoninnen und Kommilitonen nicht, wenn sie nur die vorgeschriebenen Praktika machen, bevor sie ins Referendariat gehen. Auch praktische Kontakte, etwa mit Sozialarbeitern, fallen im Studium durch die „Akademisierung“ oft weg, so Janßen.

Schulen sind verpflichtet, Strategien gegen Gewalt zu entwickeln

Das Land Niedersachsen äußert sich hingegen optimistisch zu den Ausbildungsinhalten für das Lehramt. Die Ausbildung der Lehrkräfte erfolge in beiden Phasen, also Lehramtsstudium und Vorbereitungsdienst, „auf der Basis von Standards und Kompetenzen“, die bundesweit für die Lehrerbildung verbindlich seien. So sei etwa festgelegt, dass Lehrkräfte in Ausbildung „demokratische Werte und Normen sowie deren Vermittlung kennen und reflektieren, Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit kennen, Konzepte zur Prävention und Intervention in diesem Bereich entwickeln können, Konflikte analysieren sowie Methoden der konstruktiven Konfliktbearbeitung und des Umgangs mit Gewalt und Diskriminierung beherrschen“, heißt es auf Anfrage der Redaktion von einer Sprecherin des Niedersächsischen Kultusministeriums. In Praktika und dem Vorbereitungsdienst werden sie in präventive Konzepte an den jeweiligen Schulen eingeführt, so die Sprecherin weiter.

Dass diese Konzepte an Schulen existieren, setzt man voraus, denn: Schulen sind verpflichtet, Konzepte gegen Gewalt bereitzuhalten, wie die Sprecherin bestätigt. „Alle Schulen in Niedersachsen haben ein Präventionskonzept, welches individuell auf die jeweilige Schulgemeinschaft zugeschnitten ist“, teilt sie mit.

Präventionsprogramm soll künftig auch Lehrer einbeziehen

Nico Janßen fühlt sich trotzdem auf den Schuldienst „nur teilweise“ vorbereitet, wie er schreibt. Um in der Uni besser für den Umgang mit Konfliktsituationen ausgebildet zu werden, wünscht er sich „mehr praxisnahe Beispiele“, Kooperationen mit Schulen oder auch Praktika, die direkt mit dem Studium verknüpft sind. Auch über rechtliche Fragen, „die oft in der Praxis auftreten können, werden Studenten nicht mit aufgeklärt“, so Janßen. Damit geht es ihm wie vielen Berufsanfängern, wie etwa das Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) 2025 herausstellte. Bei einer Umfrage in Berlin gaben 15 Prozent der 132 Befragten an, sich „gut“ oder „eher gut“ auf ihre Arbeit in der Schule vorbereitet zu fühlen.

Das Land Niedersachsen plant derweil einen neuen Gewaltpräventionserlass, um „Schnittstellen zwischen Schule, Jugendhilfe, Polizei und Justiz zu verbessern und die bestehenden Lücken besser zu schließen“, wie die Sprecherin mitteilt. Darin sollen etwa Jugendhilfe, Gewalt gegen Lehrkräfte und Mobbing stärker vertreten sein und nicht nur Schülerinnen und Schüler, sondern auch schulisches Personal als potenzielle Opfer und Täter einbezogen werden. Ob das reicht? Laut dem Deutschen Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung werden Maßnahmen gebraucht, die wirklich ankommen. Ein Viertel der befragten Kinder und Jugendlichen schätze seine Lebensqualität als gering ein. Belastende Themen wie „Kriege auf der Welt, Leistungsdruck, Klima- und Umweltkrise, Zukunftsängste, Diskriminierung und finanzielle Sorgen“ werden in die Schulen getragen und dort, auch in Konfrontation mit Lehrkräften, ausgehandelt, heißt es. Womit man wieder bei einer an die Praxis angepassten Ausbildung wäre.

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