Osnabrück Sängerin Miss Allie über Tabu-Themen, Hass-Kommentare und das Besondere an Osnabrück
Singer-Songwriterin Miss Allie spricht in ihren Songs offen über gesellschaftliche Themen wie Menstruation und Sexismus. Am 20. September kommt sie nach Osnabrück. Warum sie der Stadt dankbar ist, hat sie uns im Interview verraten.
Miss Allie ist eine Künstlerin, die sich nicht scheut, anzuecken. Mit freimütigen Texten und eingängigen Melodien bricht sie Tabus und regt zum Nachdenken an. Ihre Musik ist ein Spiegel der Gesellschaft, der Themen wie Menstruation, Sexismus und Selbstwertgefühl offen und ehrlich thematisiert. Am 20. September kommt die Sängerin mit ihrer Tour zum neuen Album „Paradiesvogel“ nach Osnabrück – eine Stadt, die für Miss Allie eine besondere Bedeutung hat. Im Gespräch mit der NOZ, in dem wir uns gleich auf das Du geeinigt haben, spricht sie offen über ihre Inspiration, den Umgang mit negativen Kommentaren und die Kraft der Musik.
Frage: Miss Allie, Du liebst es, Tabus zu brechen. Was ist Dein liebstes Tabuthema?
Antwort: Ich glaube, am meisten Spaß macht es immer noch, über die Menstruation der Frau zu singen und den Schock in den Augen der Männer zu sehen. Ich hatte einen Song geschrieben, „Dieter – Das Regeltagebuch“, und da wird der weibliche Zyklus aus der Sicht eines Mannes beschrieben. Der wird in eine Frau verwandelt und muss den weiblichen Zyklus dreimal durchleben.
Antwort: Das ist ganz spannend, weil das immer zum Gespräch einlädt. Die Männer sind dann eher so, „Ach du Scheiße, so ist das“ und dann kommen die Pärchen tatsächlich ins Gespräch darüber. Das ist immer richtig cool zu sehen.
Frage: Wie ist es dazu gekommen, dass Du solche Themen in Deine Musik aufnimmst?
Antwort: Ich laufe durchs Leben und sehe Sachen, die mich stören. Dass ich selber meine Menstruation die meiste Zeit meines Lebens komplett verstecken musste. Mir ist dann aufgefallen, dass es reicht. Es ist doch was Natürliches und genauso ist es auch mit der weiblichen Sexualität zum Beispiel. So etwas wird oft einfach totgeschwiegen oder komisch gefunden, wenn man offen damit umgeht.
Antwort: Das thematisiere ich auch in einigen meiner Songs. Natürlich auch sexistische Sachen, die mir begegnen. Als Frau wird man nun mal öfter – oder ich als junge Frau wurde es – am Arsch gepackt auf irgendwelchen Partys. Das ist, glaube ich, fast jeder Frau schon passiert. Oder man kriegt sexistische Kommentare an den Kopf geworfen und irgendwann war ich erwachsen genug zu sagen, „Alter, es reicht, ich kann das nicht mehr!“ Ich muss jetzt wirklich laut werden, weil mich das wahnsinnig wütend macht. Und so entstehen diese Songthemen dann in mir.
Frage: Bestimmt werden auch viele negative Stimmen laut, wenn man solche Tabus thematisiert. Wie gehst Du mit negativen Kommentaren und dergleichen um?
Antwort: Ich hatte seit der Corona-Pandemie das Gefühl, dass es so langsam stetig schlimmer wird mit den Social-Media-Kommentaren. Dass sich immer mehr eingeladen fühlen, offen ihre Meinung kundzutun, selbst wenn es eine ganz furchtbare Meinung ist. Ich finde das traurig, dass das eine gesellschaftliche Entwicklung zu sein scheint, in der Anonymität des Netzes seine Meinung rumzuballern und Leute zu verletzen. Ich musste mich auch daran gewöhnen.
Antwort: Es gab mal eine Zeit lang mega viele Kommentare zu meinen Augenringen. Ich kann das nicht verstecken, das gehört zu mir. Das war natürlich nervig, weil man jeden Tag damit konfrontiert wird, dass die Leute einem sagen, dass sie einen hässlich finden. Und am Ende des Tages habe ich daraus einfach einen Song gemacht. Wenn mich ein Thema wahnsinnig beschäftigt hat, dann hat sich das meist in Form eines Songs für mich innerlich geklärt und aufgelöst.
Frage: Jetzt startet auch die Tour zu deinem neuen Album „Paradiesvogel”. Gibt es etwas, worauf du dich am meisten freust?
Antwort: Wir haben schon eine Pre-Show in Lüneburg gespielt und das war einfach ganz toll. Ich weiß jetzt schon, dass diese Tour unglaublich viel Spaß machen wird. Am meisten freue ich mich natürlich darauf, meine eigenen Lieder zu singen und dann die ganzen leuchtenden Augen von den Leuten zu sehen, die sich freuen, dass ich wieder da bin. Das Gefühl, auf der Bühne zu stehen, vor den Leuten, mit den Leuten zusammen, das ist einfach toll.
Frage: Du kommst am 20. September auch wieder nach Osnabrück. 2017 hast du hier den Singer-Songwriter-Slam gewonnen. Wie ist das für Dich, in Städten aufzutreten, in denen deine Karriere teilweise gestartet ist?
Antwort: Für mich ist das tatsächlich etwas Besonderes. Osnabrück ist eine besondere Stadt, weil ich in meinen Anfängen so viel dort gespielt habe. Nicht nur bei dem Singer-Songwriter-Slam, sondern auch bei einem Hinterhof-Fest, auf der Straße, und habe mich mit anderen Musikern vernetzt. Wir haben super Konzerte gemacht in Osnabrück und das war eine tolle Zeit.
Frage: Du bist ja auch schon länger in der Musikbranche. Spürst Du, wie sich Dein Musikstil mit der Zeit verändert hat?
Antwort: Ganz am Anfang habe ich tatsächlich englische Musik gemacht, ganz im Sinne von klassischem Singer-Songwriting. Dann bin ich zur deutschen Musik gekommen. Ich habe mich total geschämt. Ich wollte nicht, dass die Leute sofort all meine Gedanken und Gefühle erkennen. Wenn ich jetzt auf Deutsch singe, kann ich mich nicht hinter irgendeiner Sprache verstecken. Und dann entwickelte sich dieser humorvolle Stil, dass ich meine eigentlichen Gefühle hinter einer Wand aus Humor versteckt habe.
Antwort: Das erste Album, „Mein Herz und die Toilette“, ist sehr lustig geworden, obwohl es da um ganz schlimmen Liebeskummer ging. Dann habe ich über die Jahre gelernt, dass ich mich gar nicht verstecken muss hinter dem Humor. Dass das immer noch ein Teil von mir sein darf. Dass ich auch jetzt einfach Balladen schreiben und ganz ehrlich sagen kann, was in meinem Kopf vorgeht. Die Leute rennen nicht schreiend davon, sondern finden das spannend.
Frage: Hast Du zum Abschluss noch etwas, das Du den Lesern mitgeben möchtest?
Antwort: Sie sollen alle in mein Konzert kommen! (lacht) Ich würde gerne nochmal Danke sagen an Osnabrück für die Möglichkeiten damals. Das bei Euch war anfangs einer meiner größten Auftritte, die ich hatte. Und das hat mir unglaublich weitergeholfen, mich selber zu finden auf der Bühne. Osnabrück habe ich einiges zu verdanken.