Konflikt mit der Presse  Klinikchef Balster hat eine Chance verpasst

Marion Luppen
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Ein Kommentar von Marion Luppen
| 13.09.2025 09:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Klinikchef Dirk Balster (links) musste sich in der Sitzung des Aufsichtsrats Kritik gefallen lassen. Foto: Klaus Ortgies
Klinikchef Dirk Balster (links) musste sich in der Sitzung des Aufsichtsrats Kritik gefallen lassen. Foto: Klaus Ortgies
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Klinikchef Dirk Balster räumt Fehler ein: Das Verkaufsverbot ostfriesischer Zeitungen in den Kliniken sei „nicht zielführend“ gewesen. Wie selbstkritisch ist das wirklich?

Dies ist die Geschichte einer verpassten Chance. Es war die Chance, ganz ohne Zahlen und Geschäftsberichte Menschen von den Vorteilen der geplanten Zentralklinik für den Landkreis Aurich und die Stadt Emden zu überzeugen. Klinikchef Dirk Balster hat die Chance verstreichen lassen. Mehr noch: Er hat Zentralklinik-Skeptikern, die es schon immer besser wussten, Steilvorlagen für neue Kritik geliefert.

Die Wurzeln des Konflikts, dessen Höhepunkt das skandalöse Verkaufsverbot für ostfriesische Tageszeitungen in den Klinikcafés war, liegen in einer Gerichtsverhandlung. Im Mai ging es vor dem Amtsgericht Emden um fahrlässige Tötung. Angeklagt war eine Oberärztin des Klinikums Emden. Sie soll durch eine Fehldiagnose 2018 den Tod einer an Lungenkrebs erkrankten Frau verursacht haben. Die Patientin hatte mehrmals wegen starker Schmerzen die Notaufnahme des Klinikums Emden aufgesucht. Obwohl auf Röntgenaufnahmen Schatten zu erkennen waren, wurde sie nach Hause geschickt. Die angeklagte Medizinerin wurde zwar freigesprochen, weil sie erst kurz vorm Tod der Patientin die Befunde gesehen hatte. Doch zwei vom Gericht bestellte Gutachter deckten schwerwiegende Fehler im System auf.

Missstände ließen uns hellhörig werden

Nachdem wir über die Gerichtsverhandlung berichtet hatten, war die journalistische Arbeit für uns noch nicht beendet. Die von den Gutachtern aufgezeigten Missstände hatten uns hellhörig werden lassen: Liegt im Emder Klinikum grundsätzlich etwas im Argen? Wie ist die Situation heute? Sind die Abläufe verändert worden? Kann so etwas noch einmal passieren? Wir stellten der Trägergesellschaft Kliniken Aurich-Emden-Norden Fragen. Wir wollten unter anderem wissen, wie sichergestellt wird, dass auffällige Befunde künftig nicht mehr übersehen werden.

Hier kommt die verpasste Chance: Statt detailliert darzulegen, inwiefern es mittlerweile besser läuft und womöglich in der Zentralklinik noch viel besser laufen wird, antwortete die Trägergesellschaft ausweichend. Sie verwies nur allgemein auf die Einhaltung von Standards. Die Qualität der Diagnostik und Therapie von Lungenerkrankungen habe Maximalversorger-Niveau erreicht. Klingt gut, aber was heißt das? Die lästigen Fragesteller aus der Redaktion waren es offensichtlich nicht wert, konkrete Antworten zu bekommen – auch nicht auf weiteres Nachhaken. Wir blieben trotzdem am Ball, sprachen mit der Tochter der Verstorbenen, berichteten über weitere Betroffene.

Aufsichtsrat geht zur Tagesordnung über

Unser Anspruch ist es, Missstände offen und fair zu recherchieren. Wenn dabei Fehler passieren, stehen wir dazu. Aus Sicht von Klinikchef Balster war unsere Berichterstattung eine Kampagne, mit der wir der Klinik bewusst schaden wollten. Mit einem Verkaufsverbot verletzte er die grundgesetzlich garantierte Pressefreiheit.

Nach dieser Entgleisung kam der Aufsichtsrat nicht umhin, Balster zu kritisieren. Der Emder Oberbürgermeister Tim Kruithoff und der Auricher Landrat Olaf Meinen pfiffen ihn zurück. In der Aufsichtsratssitzung in dieser Woche räumte der Klinikchef tatsächlich Fehler ein. Das Verkaufsverbot sei „nicht zielführend“ gewesen. Nicht zielführend? Man kann trefflich streiten, wie selbstkritisch diese Äußerung tatsächlich ist. Für den Aufsichtsrat ist die Sache damit erledigt. Er geht zur Tagesordnung über.

Die Redaktion wird weiterhin ihre Arbeit machen und unbequeme Fragen stellen. Denn Duckmäusertum wäre nicht zielführend.

Die Autorin erreichen Sie unter m.luppen@zgo.de.

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