Neuanfang in Großefehn Zwei Kirchen für den neuen Pastor
Mit Kutsche und Posaunenchor beginnt für Thomas Lehmann ein neues Kapitel. Der 61-jährige Quereinsteiger bringt auch überraschende Ideen mit. Was erwartet die Gemeinden Bagband und Strackholt?
Großefehn - Gemächlich biegt die Kutsche von der Lindenstraße in Strackholt zum Gemeindehaus der evangelischen Kirchengemeinde ab. Ihr folgt ein Fahrradkorso, der klingelnd sein Eintreffen ankündigt. Als Pastor Thomas Lehmann von der Kutsche steigt, spielt der Posaunenchor. Es ist eine Amtseinführung, wie sie wahrscheinlich schon seit Jahrhunderten in Ostfriesland Brauch ist: In der Pferdekutsche haben die beiden Kirchengemeinden Bagband und Strackholt ihren neuen Pastor eingeholt.
Für den 61-jährigen Thomas Lehmann ist es die erste eigene Pastorenstelle nach dem Vikariat: Als Quereinsteiger hat er einen ungewöhnlichen Weg ins Pfarramt genommen. Ursprünglich studierte er Ur- und Frühgeschichte, arbeitete viele Jahre als Archäologe und war im Museumswesen tätig, bevor er sich für einen Wechsel ins familienfreundlichere Lehramt als Religions- und Geschichtslehrer entschied. Parallel engagierte er sich ehrenamtlich in seiner Kirchengemeinde, übernahm Verantwortung im Kirchenvorstand, wurde Lektor und Prädikant. Als er von einem möglichen Quereinstieg erfuhr, wurde aus dem langjährigen Ehrenamt schließlich ein Beruf: Pastor.
Ostfriesland war für den neuen Pastor die erste Wahl
Bagband und Strackholt waren für Thomas Lehmann die erste Wahl. Da es immer weniger Pastoren gibt und viele Stellen lange unbesetzt bleiben, hatte er beim neuen Wirkungsort eine große Auswahl – und sich ganz bewusst für Ostfriesland entschieden. „Ich habe mir fünf oder sechs Gemeinden angeschaut, aber hier hat einfach alles gepasst“, sagt Lehmann. Schon als Archäologe war er für Ausgrabungen in der Region unterwegs. Auch privat hat er Ostfriesland und seine Inseln schätzen gelernt. „Die Landschaft und der Menschenschlag gefielen mir schon immer“, erzählt Lehmann. In seinen neuen Kirchengemeinden überzeugte ihn das lebendige Gemeindeleben.
So fiel ihm und seiner Frau Christine die Entscheidung leicht, wo sie noch einmal ganz neu anfangen würden. Beim feierlichen Einholen blieb der Platz von Christine Lehmann allerdings leer: Aufgrund eines Autounfalls konnte sie an diesem besonderen Tag nicht dabei sein. So ging es für den gebürtigen Hannoveraner allein auf dem Rücksitz der Kutsche ganz gemächlich im Schritttempo durch die neuen Kirchengemeinden: Vom Dorfgemeinschaftshaus Fiebing führte die Route zur Kirche in Strackholt, dann weiter zur Freiwilligen Feuerwehr Bagband bis zum Gottesdienst und Sektempfang in der Bagbander Kirche.
Lange Vakanz in Bagband und Strackholt
Rund zwei Jahre hatten beide Kirchengemeinden auf einen neuen Pastor gewartet, bis ihre Geduld am Sonntag, 7. September 2025, endlich belohnt wurde. In Strackholt war zuvor Bernd Battefeld rund 20 Jahre Gemeindepastor, bis er im September 2023 in den Ruhestand ging. In Bagband war Elske Oltmanns mehr als zehn Jahre als Pastorin tätig, bevor sie 2023 aus gesundheitlichen Gründen ausschied. Seit dem Weggang von Battefeld und dem Ausscheiden von Oltmanns waren beide Pfarrstellen vakant.
In dieser Zeit haben die Gemeindemitglieder viele Aufgaben übernommen. In Strackholt übernahm zusätzlich Pastor Christoph Schoon aus Mittegroßefehn die Vertretung nach dem Weggang von Bernd Battefeld. In Bagband blieb Elske Oltmanns zunächst noch bis Ende 2023 im Dienst. Danach wurde die Gemeinde ebenfalls von Vertretungspastoren begleitet, unter anderem von Imke Scheibling. Die wichtigsten Aufgaben wurden in dieser Zeit von sogenannten Springern des Kirchenkreises erledigt.
Neue Herausforderungen für die Kirchengemeinden
Damit ist es nun vorbei, auch wenn sich beide Kirchengemeinden neuerdings einen Pastor teilen müssen. Vorher hatte Strackholt eine volle Pfarrstelle und Bagband immerhin eine halbe. Thomas Lehmann soll jetzt 75 Prozent seiner Pastorenstelle auf Strackholt und 25 Prozent auf Bagband verwenden. „Für die Menschen wird es eine Umstellung“, sagt Thomas Lehmann: weniger Zeit, weniger Präsenz, mehr Abstimmung und Kompromisse. Er will Schritt für Schritt mit den Gemeinden nach Lösungen in der neuen Situation suchen.
Eines hat er in der ersten Woche im Dienst bereits festgestellt: „Die beiden Kirchgemeinden organisieren sich sehr unterschiedlich“, sagt er und lacht. Deshalb will er sich zunächst Zeit nehmen, die gewachsenen Strukturen zu ergründen. „Das erste Jahr möchte ich erst einmal die Abläufe kennenlernen“, sagt er. Erst dann möchte er gemeinsam mit den Kirchenvorständen und Gemeindemitgliedern überlegen, wie sich das Gemeindeleben unter den neuen Bedingungen gestalten lässt – und wo vielleicht neue Ideen einen Platz finden.
Aus dem vorherigen Beruf wird ein Hobby
Seine Vergangenheit lässt den Pastor auch in der neuen Berufung nicht ganz los. In Strackholt soll gegenüber dem alten Pfarrhaus ein neues gebaut werden – das zukünftige Zuhause von Thomas und Christine Lehmann. Als Archäologe ist Lehmann besonders gespannt auf die anstehenden Bodenuntersuchungen. „Wer weiß, was da noch im Boden schlummert“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Die Archäologie betreibt er als Hobby weiter. Ein Zeugnis dafür liegt bereits auf dem neuen Schreibtisch in Strackholt: ein historischer Ziegel des Zisterzienserklosters Amelungsborn im Weserbergland von seiner letzten Grabung.
Thomas Lehmann sieht seinen späten Einstieg in den Pastorendienst nicht als Nachteil, sondern als Bereicherung. „Ich habe in meinem Leben schon viel erlebt und verschiedene Perspektiven kennengelernt“, sagt er. Diese Erfahrungen helfen ihm, die Menschen in seinen Gemeinden besser zu verstehen und auf ihre Bedürfnisse einzugehen. Ähnlich hatte sich auch der inzwischen verstorbene Spetzerfehntjer Pastor Hermann Reimer geäußert, der selbst als Quereinsteiger aus dem Bankwesen in den Kirchendienst kam. Reimer betonte, wie wichtig es sei, das „echte Leben“ zu kennen und nicht nur theologische Theorien zu wälzen.
Zukunftspläne für Bagband und Strackholt
Für Lehmann ist das ein wichtiger Leitsatz: Er möchte die Kirche lebendig und nah an den Menschen gestalten, mit einem offenen Ohr und einem weiten Blick. Als Pastor versteht er sich als Brückenbauer zwischen Tradition und Moderne. „Ich möchte die Menschen ermutigen, sich aktiv einzubringen und neue Formen des Gemeindelebens auszuprobieren“, sagt er. Dabei ist ihm wichtig, Bewährtes zu bewahren und gleichzeitig offen für frische Ideen zu sein.
Lehmann plant, die Gemeindemitglieder stärker in die Gottesdienstgestaltung einzubeziehen und auch Jugendliche mehr zu integrieren. „Es gibt viele Möglichkeiten, den Glauben im Alltag zu leben und zu erleben“, erklärt er. Ob alternative Gottesdienstformate oder Projekte wie der „Grüne Kirchturm“ für Klima- und Naturschutz im Gemeindeleben – Lehmann möchte die Kirche als lebendigen Ort der Begegnung und des Austauschs gestalten. „Gemeinsam können wir viel bewegen“, ist er überzeugt.
So geht es für den neuen Pastor weiter
Wie geht es für Thomas Lehmann jetzt weiter? Erst auf den letzten Drücker war für das neue Pastoren-Ehepaar eine Übergangslösung für die Zeit gefunden worden, bis das neue Pfarrhaus in Strackholt fertig ist. „Die Wohnungssuche für die Übergangszeit hat alles ein wenig verzögert“, gesteht Thomas Lehmann. „Wir müssen jetzt erst noch die alte Wohnung in Hannover kündigen.“ Also wird es noch etwas dauern, bis auch seine Frau Christine nach Ostfriesland ziehen kann.
Auch wenn Thomas Lehmann gerade 61 Jahre alt geworden ist, seine neuen Kirchengemeinden müssen keine Angst haben, ihren neuen Pastor schon bald in den Ruhestand verabschieden zu müssen. „Ich bin der erste Jahrgang, der bis 67 arbeiten muss“, sagt er mit einem Lächeln. Auch danach muss für ihn nicht Schluss sein. „Ich fange ja gerade erst an“, sagt Thomas Lehmann und lacht. Die Kirchengemeinden Bagband und Strackholt können sich also auf viele gemeinsame Jahre mit ihrem neuen Pastor freuen.