Oftersheim  „Zwei-Klassen-Gesellschaft“: Olympiasiegerin Malaika Mihambo rechnet mit deutschem Sport ab

Marc Stevermüer
|
Von Marc Stevermüer
| 12.09.2025 13:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Olympiasiegerin Malaika Mihambo fordert mehr gesellschaftliche Anerkennung für nicht-fußballerische Sportarten in Deutschland. Foto: IMAGO/BEAUTIFUL SPORTS/Olaf Rellisch
Olympiasiegerin Malaika Mihambo fordert mehr gesellschaftliche Anerkennung für nicht-fußballerische Sportarten in Deutschland. Foto: IMAGO/BEAUTIFUL SPORTS/Olaf Rellisch
Artikel teilen:

Goldmedaille, aber um welchen Preis? Weitspringerin Malaika Mihambo kehrt zur Leichtathletik-WM 2025 nach Tokio zurück, um an alte Erfolge anzuknüpfen, aber dominiert im deutschen Sport nicht längst nur noch Fußball? Die Olympiasiegerin im Interview.

Es ist die Rückkehr an den Ort ihres bislang größten Triumphs: In Tokio gewann Malaika Mihambo vor vier Jahren Olympia-Gold. Die nahende Leichtathletik-WM geht sie jetzt ebenso ehrgeizig wie entspannt an. Doch die Profi-Weitspringerin beschäftigt noch etwas ganz anderes: Droht der Leichtathletik der Verlust sportlicher Vielfalt und Talente, wenn die Dominanz des Fußballs weiter zunimmt und Athleten parallel zum Sport einen Vollzeitjob stemmen müssen, um über die Runden zu kommen?

Frage: Zur WM kehren Sie nach Tokio zurück und damit genau an jenen Ort, an dem sie 2021 Olympia-Gold gewannen. Was geht Ihnen beim Gedanken daran durch den Kopf?

Antwort: Erst einmal freue ich mich auf einen Wettbewerb, der diesmal mit Zuschauern ausgetragen wird. Das ging 2021 wegen der Corona-Pandemie nicht. Deswegen ist es diesmal auch etwas völlig anderes als 2021. Und dennoch trage ich die Erinnerungen von damals in meinem Herzen. Ich bereite mich auch mental vor und versuche, den zukünftigen Erfolg in diesem Jahr zu visualisieren. Ich möchte mit einem großen Vertrauen an den Start gehen.

Frage: Bei einer WM richten sich die Blicke wieder vermehrt auf die gesamte deutsche Leichtathletik, die in diesem Jahr mit einer Million Euro weniger Fördergeld vom Bund auskommen muss. Was bedeutet das?

Antwort: Dass man das Geld, das da ist, noch effizienter und effektiver einsetzen muss. Aber das sollte stets der Grundanspruch sein, wenn es um öffentliche Gelder geht. Letztendlich ist sportlicher Erfolg aber nicht nur vom Geld abhängig, sondern auch immer eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und gesamtgesellschaftliche Entscheidung.

Frage: Wie meinen Sie das konkret?

Antwort: Zunächst einmal gibt es die Medien. Worüber berichten sie? Nur über Fußball oder schaffen sie auch Raum für andere Sportarten? Für den Staat stellt sich wiederum die Frage: Wie viel Geld wollen wir als Gesellschaft zum Beispiel für die Leichtathletik ausgeben und wie wichtig ist es uns, Medaillen zu erreichen, also eine Sportnation zu sein? Und schließlich gibt es noch die Privatwirtschaft. Investieren Unternehmen in den deutschen Sport? Mal ganz unabhängig davon, dass der Deutsche Leichtathletik Verband das Beste aus seinen Möglichkeiten machen muss, sind die Antworten auf diese Fragen meiner Meinung nach auch entscheidend für den deutschen Sport.

Frage: Fehlt dem Sport in Deutschland generell die gesellschaftliche Anerkennung?

Antwort: Nicht unbedingt, weil gerade die Menschen, die sich für viele Sportarten interessieren, diese auch anerkennen. Es geht mir eher um die Sichtbarkeit. Ich kenne es nur vom Hörensagen, aber in den 80er Jahren war die Sportlandschaft viel breiter – es gab noch Platz für einige andere Sportarten neben dem Fußball. Das ist am Ende natürlich auch eine Frage des Zeitgeists und – wie gesagt – auch eben eine Frage der Gesellschaft. Was wollen wir? Was interessiert uns? Wohin wollen wir? Aber man kann nicht immer von allem weniger geben und dann erwarten, dass am Ende mehr dabei herauskommt.

Frage: Sie haben die Dauerpräsenz des Fußballs mehrfach angesprochen. Welche Gefahr birgt das?

Antwort: Im deutschen Sport gibt es momentan eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Hier den Fußball und dort den Rest. Geht das so weiter, verlieren wir irgendwann die Vielfältigkeit im Sport. Doch gerade die ist doch so wichtig, um junge Menschen für Sport zu begeistern. Es wäre schön, wenn Kinder wissen, dass es zum Beispiel auch noch Handball, Schwimmen oder Leichtathletik gibt.

Frage: Ist Deutschland jetzt also eine Fußball- oder eine Sportnation?

Antwort: Das ist die Kernfrage, die ich nicht genau beantworten kann. Vermutlich muss man das auch eher historisch betrachten. Also woher kommen wir und wo stehen wir jetzt? Das können andere Menschen, die den deutschen Sport ein paar Jahrzehnte mehr als ich erlebt haben, sicherlich besser beurteilen.

Frage: Dann frage ich anders: Ist es – und wir lassen den Fußball außen vor – momentan noch attraktiv, Leistungssportler in Deutschland werden zu wollen?

Antwort: Genau diese Frage ist die Konsequenz aus der aktuellen Situation. Wir müssen über die finanzielle Sicherheit der Athleten sprechen – und da sprechen wir teilweise vom Existenzminimum. Viele Leistungssportler arbeiten in Vollzeit und sind trotzdem bei Weltmeisterschaften am Start. Wir reden hier also nicht davon, ob jemand viel Geld verdient, sondern wir reden davon, ob es sich jemand erlauben kann, Leistungssport zu betreiben. Manch einer nimmt diese Doppelbelastung aus Beruf und Sport nicht auf sich, dann platzen Träume und wir verlieren Talente. Und auf der anderen Seite ist es aber der Anspruch, dass wir bitte möglichst viele Medaillen holen.

Frage: Was sich widerspricht…

Antwort: Genau. Wir müssen uns einfach unsere Ausgangslage ansehen. In der Leichtathletik sind in den vergangenen Jahren die Italiener ganz stark geworden, auch die Schweizer und die Niederländer. Da müssen wir hinschauen und uns fragen: Was machen diese Länder anders? Wo haben die sich neu aufgestellt? Und wenn wir eben solche Erfolge auch feiern wollen, müssen wir als gesamte Gesellschaft auch etwas dafür tun.

Frage: Würde denn ein Olympia-Gastgeberland Deutschland das gesellschaftliche Bewusstsein verändern?

Antwort: Das ist zu kurz gedacht. Olympische Spiele können etwas anstoßen und eine Initialzündung sein. Aber letztendlich müssen wir für uns langfristig entscheiden, was wir als Gesellschaft wollen. Was können wir selbst umsetzen? Was können die Sportverbände machen? Wie kann die Politik unterstützen? Und wie verändert sich die Medienlandschaft dahingehend, dass sie auch über olympische Kernsportarten ausführlicher berichtet und die Menschen abholt? Bei Olympischen Spielen geht es außerdem um so viel mehr als nur darum, den Sport ins eigene Land zu holen. Frieden, Toleranz, Fair Play, einander zuhören, voneinander lernen – all das sind wichtige Themen, die wir in Deutschland und auf der ganzen Welt angehen sollten. Bei Olympischen Spielen in Deutschland ginge es also darum: Was machen wir daraus? Und wie können wir diesen Schwung dann auch langfristig in unsere Gesellschaft bringen?

Ähnliche Artikel