Nach Amputation  Holtlander kämpft um Behindertenparkplatz

Karin Lüppen
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Von Karin Lüppen
| 10.09.2025 17:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Der Ausweis für einen gekennzeichneten Behindertenparkplatz wurde Patrick Höcker aberkannt – dabei ist er nach der Beinamputation stark eingeschränkt. Foto: Klaus Ortgies
Der Ausweis für einen gekennzeichneten Behindertenparkplatz wurde Patrick Höcker aberkannt – dabei ist er nach der Beinamputation stark eingeschränkt. Foto: Klaus Ortgies
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2017 verunglückte Patrick Höcker mit dem Motorrad. Er verlor sein linkes Bein. Vieles, was danach geschah, ist schwer zu begreifen. Nun wurde ihm sein Behindertenparkausweis aberkannt.

Holtland - Ein Tag im Juli 2017 hat das Leben von Patrick Höcker von einer Sekunde auf die andere verändert. An dem Tag verunglückte er auf der Fahrt nach Hause mit dem Motorrad. Der damals 28-Jährige erwachte drei Wochen später aus dem Koma – durch den Unfall hatte er sein linkes Bein verloren. Auch die linke Hand gehorchte ihm anfangs nicht mehr. Der gelernte Tischler gab sich aber nicht auf. Während er mittlerweile mit Prothese oder Rollstuhl einigermaßen mobil ist, lief es in anderer Hinsicht weniger erfolgreich für ihn.

Vieles davon ist für Patrick Höcker und seine Familie nur schwer oder gar nicht zu begreifen. Jüngstes Ärgernis: Er verlor die Berechtigung, sein Auto auf einem Behindertenparkplatz abzustellen. Aber schon die medizinische Behandlung und die Reha nach dem Unfall verliefen nicht ohne Zwischenfälle. Vor allem ist es dem gelernten Tischler trotz aller Bemühungen nicht gelungen, dauerhaft arbeiten zu gehen. „Ich möchte sehr gerne wieder berufstätig sein“, sagt Patrick Höcker. In seinen alten Beruf kann er jedoch nicht zurück.

Ein Einbeiniger als Wachmann?

Ein Praktikum bei einem Architekten verlief so gut, dass Höcker sich gerne in diese Richtung fortgebildet hätte, als Bauzeichner beispielsweise. Doch die Berufsgenossenschaft vermittelte ihn in eine Ausbildung zur Sicherheitskraft. „Mit einem Bein als Wachmann arbeiten?“, stellte Patrick Höcker die Frage, die ihn, seine Eltern und seinen Bruder bis heute beschäftigt. Aber der Lehrgang verlief trotzdem erfolgreich für ihn, als einer von zwölf Teilnehmern schloss er diesen mit Prüfung ab.

Christian Höcker (vorne) unterstützt seinen Bruder Patrick (im Auto) seit dessen schweren Verkehrsunfall. Foto: Klaus Ortgies
Christian Höcker (vorne) unterstützt seinen Bruder Patrick (im Auto) seit dessen schweren Verkehrsunfall. Foto: Klaus Ortgies

„Danach habe ich auf dem Gelände von Amazon in Emden gearbeitet“, berichtet Höcker weiter. Zwölf-Stunden-Schichten seien wegen Personalmangels regelmäßig vorgekommen, manchmal vier Tage nacheinander. Bei seiner Konstitution hätte er das eigentlich gar nicht gedurft. Um nicht arbeitslos zu sein, machte er mit. „Nach zwei Jahren hatte ich einen Burnout“, sagt Patrick Höcker. Er wandte sich erneut an die Berufsgenossenschaft, die ihn in eine weitere Schulung zur Fachkraft für Schutz und Sicherheit brachte.

Trotz Fortbildung keine Anstellung

Diese schloss er beinahe mit Bestnote ab, ein Punkt habe ihm zu einer Eins gefehlt. Er habe nun einen Waffenschein und eine Qualifikation als Ersthelfer – aber nach wie vor keine Arbeit. Höcker bekam ein Jobangebot, bei dem er auf einem Freigelände kilometerweite Wachgänge machen sollte. „Wie soll das gehen, mit einem Bein?“ Der junge Mann zuckt mit den Schultern. Er ist seitdem zu Hause. „Eine Arbeit, bei der ich Bildschirme von Videokameras überwache, in Koordination mit anderen Wachkräften“, dafür sei er geeignet, oder bei der Überprüfung von Personen am Empfang. Selbst eine Tätigkeit als Ausbilder kann er sich vorstellen.

Zur Berufstätigkeit würde aber Mobilität gehören. Patrick Höcker kann Auto fahren. Im Juli 2024 wurde er vom medizinischen Dienst in Pflegestufe 3 eingeordnet. Er hatte zunächst auch den Parkausweis, der ihn dazu berechtigte, seinen Wagen auf den Plätzen mit einem Rollstuhlsymbol abzustellen. Seit dem vergangenen Jahr hat Patrick Höcker eine Prothese, mit der er beweglicher wurde. Ausgerechnet diese Hilfe warf ihn an anderer Stelle zurück.

Weitere Wege nur im Rollstuhl

„Im Februar wurde nach einer Überprüfung der Parkausweis eingezogen“, sagt sein Bruder Christian Höcker. Er kümmert sich für Patrick um den Schriftverkehr mit Behörden, Ärzten und Berufsgenossenschaft. Die Entscheidung, den Parkausweis einzuziehen, kann Christian Höcker absolut nicht nachvollziehen. „Er muss die Fahrertür komplett aufmachen, um aus dem Auto auszusteigen“, sagt er. Auf einem normalen Parkplatz sei das unmöglich, sobald ein anderes Auto daneben steht.

Um aus seinem Auto auszusteigen, muss Patrick Höcker die Tür ganz aufmachen und zunächst das Bein mit der Prothese aufsetzen. Erst dann kann er das rechte Bein nachziehen und sich aufrichten. Foto: Klaus Ortgies
Um aus seinem Auto auszusteigen, muss Patrick Höcker die Tür ganz aufmachen und zunächst das Bein mit der Prothese aufsetzen. Erst dann kann er das rechte Bein nachziehen und sich aufrichten. Foto: Klaus Ortgies

Trotz der Prothese sei Patrick Höcker weiterhin in seinem Bewegungsradius eingeschränkt, weite Wege kann er nicht gehen. „Dafür nehme ich lieber den Rollstuhl“, sagt er. Der Grund dafür, dass er den Parkausweis verloren hat: Wegen der Prothese wurde der Grad der Behinderung von 100 auf 70 Prozent heruntergestuft. Christian Höcker geht davon aus, dass diese Einschätzung der Berufsgenossenschaft vom Landessozialamt übernommen wurde.

Wir fragten dort nach. Die Voraussetzung dafür, dass die Straßenverkehrsbehörde den Parkausweis ausstellt, ist das Merkzeichen „aG“, es steht für „außergewöhnlich Gehbehindert“. Man sollte meinen, dass dies für einen beinamputierten Menschen zutrifft? Tatsächlich müsse jedoch ein Grad der Behinderung von mindestens 80 Prozent vorliegen, so Sabine Allewelt, Pressesprecherin des Niedersächsischen Landesamtes für Soziales, Jugend und Familie in Hildesheim. Für die Feststellung des Grades der Behinderung würden „alle entscheidungserheblichen Unterlagen beigezogen, durch den versorgungsärztlichen Dienst ausgewertet und berücksichtigt, die verfügbar sind“.

Neuer Antrag ist gestellt

Dazu gehörten zum Beispiel die Unterlagen einer Berufsgenossenschaft, aber die Betroffenen könnten eigene Gutachten vorlegen. „Allerdings besteht hier ein Amtsermittlungsgrundsatz, so dass von uns auf Anregung auch alle Befundunterlagen beigezogen werden, die vorliegen und für die Beurteilung von Bedeutung sein könnten“, teilt Pressesprecherin Allewelt mit. Christian Höcker hat für seinen Bruder nun einen neuen Antrag gestellt, dem er Unterlagen der behandelnden Ärzte beigefügt hat. Dazu gehört ein Schreiben eines Chefarztes, das unserer Redaktion vorliegt.

Neben einem anderen geparkten Auto reicht der Platz für Patrick Höcker nicht, um auszusteigen: „Jedenfalls nicht, ohne das andere Auto zu beschädigen", sagt er. Foto: Klaus Ortgies
Neben einem anderen geparkten Auto reicht der Platz für Patrick Höcker nicht, um auszusteigen: „Jedenfalls nicht, ohne das andere Auto zu beschädigen", sagt er. Foto: Klaus Ortgies

Dem ist zu entnehmen, dass der Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie die Entscheidung nicht nachvollziehen kann: „Der Versicherte (Patrick Höcker, Anmerkung der Redaktion) ist extrem eingeschränkt sowohl an den oberen als auch an den unteren Extremitäten.“ Die Familie Höcker hat sich zudem von einem Fachanwalt beraten lassen.

Sind Niedersachsen im Nachteil?

Markus Pieper, Vorsitzender des Behindertenbeirates im Landkreis Leer aus Weener, kennt etliche Betroffene, denen ebenfalls der Parkausweis aberkannt wurde. „In Niedersachsen werden dafür hohe Hürden gesetzt“, sagt er. In anderen Bundesländern sei es teilweise einfacher, den Ausweis zu erlangen. „Es stellt sich die Frage: Wo fängt eine Mobilitätseinschränkung an, wo hört sie auf?“, so Pieper. Eine Überprüfung führe häufig zum Verlust des wertvollen Dokuments. Es gebe erst sehr wenige Gerichtsurteile zu der Regelung.

Die Behindertenbeiräte in Niedersachsen strebten daher an, dass Einkaufszentren selbst Vorzugsplätze für eingeschränkte Personen anbieten, die größer zugeschnitten sind. „Das kann auf freiwilliger Basis erfolgen, analog zu Stellplätzen für Familien“, so Pieper. Patrick Höcker hofft noch darauf, den Berechtigungsschein zurückzubekommen. Sein größter Wunsch ist jedoch: „Ich möchte wirklich gerne eine Arbeit finden.“

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