Osnabrück "Ich brauche Abwechslung" - "Tatort"-Darsteller Fabian Hinrichs über Urlaub, Arbeit und Ästhetik
Im Urlaub ist Arbeit für Fabian Hinrichs tabu. Ansonsten ist der beliebte „Tatort“-Darsteller kaum zu bremsen, wie er im Interview durchblicken lässt.
Seit nunmehr zehn Jahren überzeugt Fabian Hinrichs als Kommissar Felix Voss im Franken-„Tatort“, der am Sonntag mit der Episode „Ich sehe dich“ die neue Saison eröffnet. Bekannt wurde der gebürtige Hamburger durch seine Rolle des Widerstandskämpfers Hans Scholl im Oscar-nominierten Spielfilm „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ (2005). Schlagartige Aufmerksamkeit widerfuhr ihm durch seine Gastrolle als Assistent Engelhardt im Münchener „Tatort: Der tiefe Schlaf“ (2012). Was das für ihn bedeutete, welche Projekte der vielseitige Schauspieler und Autor sonst noch am Start hat und noch viel mehr verrät er im Interview mit unserer Redaktion.
Frage: Guten Tag, Herr Hinrichs. Sie haben gerade die Dreharbeiten zum allerneuesten „Tatort“ Franken abgeschlossen. Der zweite ohne Dagmar Manzel, der erste mit Rosalie Thomass als Voss‘ neuer Kollegin Emilia Rathgeber. Wie waren die Dreharbeiten?
Antwort: Sehr schön. Inspirierend, harmonisch, miteinander. Auch die Arbeit mit Dustin Loose in der Regie und Clemens Baumeister hinter der Kamera ist immer ganz wundervoll.
Frage: Jetzt läuft aber erst einmal der Ende letzten Jahres produzierte „Tatort: Ich sehe Dich“. Da verrichtet Kommissar Voss seinen Dienst, obwohl er wegen einer Verletzung eigentlich dienstuntauglich ist. Warum?
Antwort: Tja, warum? Vielleicht weiß er das selbst nicht. Vielleicht ist die Vorstellung größte Schrecken für ihn, in einer Wohnung einsam zu sitzen und sich mit sich selbst auseinandersetzen zu müssen, mit seiner Einsamkeit, mit seinem Leben in Nürnberg, mit seiner eigenen Sterblichkeit.
Frage: Er kann nicht Autofahren und ist auf die Hilfe eines Kollegen angewiesen. Seine Verletzung, ohne zu viel zu verraten, führt sogar zu einem dramatischen Gefahrenmoment. Auch wenn man das nicht vergleichen kann, wie weit würde der Schauspieler Fabian Hinrichs gehen – oder ist vielleicht schon gegangen – um Dreharbeiten nicht platzen zu lassen?
Antwort: Ich habe früher alles Mögliche gemacht. Seit ich Vater bin, gehe ich mit mir selbst zum Glück etwas fürsorglicher um. Aber Unfälle passieren immer wieder und ich wurde auch immer mal wieder verletzt, mal schwerer, mal leichter. Zuletzt war es eine Gehirnerschütterung mit Tinnitus als Folge. Ich habe mir auch schon das Steißbein gebrochen, eine Ferse, Arme, Risse in den Knien und Muskeln.
Frage: Nun sind Sie hoffentlich gesund und der Urlaub steht vor der Tür. In welche Gegend zieht es Sie mit Ihrer Familie?
Antwort: Auf eine ganz abgelegene griechische Insel, weit weg.
Frage: Sind Sie ein Typ, den es immer wieder an den gleichen Sehnsuchtsort zieht, oder brauchen Sie Abwechslung?
Antwort: Ich brauche Abwechslung, die Welt ist groß und weit und das Leben oft eng und immer endlich.
Frage: Und wie können Sie am besten abschalten und auftanken? Was ist für Sie tabu im Urlaub?
Antwort: Tabu ist Arbeit. Ich schreibe ja auch, das heißt: kein Tippen oder Anstreichen im Buch während des Urlaubs. Keine Emails. Keine Termine. Kein planvolles Denken. Je älter ich werde, desto mehr gelingt mir das. Ich werde viel lesen und schwimmen und mit meiner Familie schöne einfache Dinge tun: kochen, reden, schwimmen, wandern, aufs Meer schauen. Und in den Sternenhimmel. Ins eigene Leben hineinschauen und in das der Menschen, die ich am meisten liebe.
Frage: Zurück zum „Tatort“. Vor zehn Jahren waren Sie zum ersten Mal als Kommissar Voss zu sehen. Stimmt es wirklich, dass der „Tatort“ Franken mit Ihnen vor allen Dingen eine Reaktion auf Zuschauerproteste war, die nicht akzeptieren wollten, dass Ihr einmaliger Auftritt als Assistent beim Münchner „Tatort“ mit dem abrupten Tod Ihrer damaligen Rolle endete? Wie sehen Sie das aus heutiger Perspektive?
Antwort: Ich denke, die damalige Aufregung warf ein bestimmtes Licht auf mich. Aber das, was man in dem Licht dann sieht, ist ja das Entscheidende. Ich war ja damals nicht irgendwer, falls Sie wissen, was ich meine.
Frage: Nun entstammen Sie – korrigieren Sie mich – einer Polizistenfamilie. Großvater, Vater und Bruder waren und sind bei der Polizei. Einem Kollegen von mir haben Sie im Interview vor zehn Jahren gesagt, dass Gespräche über Ihre Rolle als „Tatort“-Kommissar in der Familie kein Thema gewesen seien. Wie ist das heute?
Antwort: Genauso. Ich entstamme aber auch einer Erfinder- und Musikerfamilie, auch Historiker sind zu finden. Genauso wie Bauern, Bäuerinnen und Bäckerinnen.
Frage: Wie kritisch sehen die echten Polizisten in Ihrer Familie die Rolle, die Sie im „Tatort“ spielen? Gibt es Diskussionen zum Thema TV-Krimis versus Wirklichkeit?
Antwort: Nein, wie gesagt: wir unterhalten uns nicht darüber. Ich unterhalte mich mit meiner Familie kaum über meinen Beruf.
Frage: Wenn der Urlaub vorbei ist und Ihr Alltag Sie wieder einholt – was für Projekte stehen vor der Tür, die Sie schon verraten dürfen?
Antwort: Ich schreibe und entwickele gerade zwei Theaterstücke, eines für die Volksbühne in Berlin, eines für die Wiener Festwochen. Im Herbst drehe ich mit Christian Ulmen eine Serie, und es erscheint im ZDF ein toller Film mit Wolfgang Fischer, den ich im März gedreht habe. Ich arbeite weiter an einem Sachbuch über Ästhetik mit dem Schwerpunkt „Das Verhältnis zwischen Denken und Fühlen“.