Wärmerekord in der Nordsee  Nordsee war im Sommer bis zu zwei Grad wärmer als sonst

Melanie Hanz
|
Von Melanie Hanz
| 06.09.2025 10:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Bei einer großen Messreihe per Schiff wurden im Sommer gezielt die Wassertemperaturen in der gesamten Nordsee erfasst. Hier die Ausbringung der Rosette mit Wasserschöpfer und Sensoren an Bord der „Atair“. Foto: BSH
Bei einer großen Messreihe per Schiff wurden im Sommer gezielt die Wassertemperaturen in der gesamten Nordsee erfasst. Hier die Ausbringung der Rosette mit Wasserschöpfer und Sensoren an Bord der „Atair“. Foto: BSH
Artikel teilen:

Der Sommer 2025 ist laut Wissenschaft der wärmste Sommer für die Nordsee seit Messbeginn. Damit setzen sich die Wärmerekorde im dritten Jahr fort.

Hamburg/Ostfriesland - Der Sommer 2025 könnte für die Nordsee der wärmste seit Beginn der Temperaturmessungen in der See im Jahr 1969 gewesen sein. Zu diesem – vorläufigen – Ergebnis kommt das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg. Die maritime Behörde des Bundes meldete für alle drei Sommermonate Juni, Juli und August 2025 außergewöhnlich hohe Wassertemperaturen.

Große Bereiche in der westlichen und südwestlichen Nordsee bis zum Ärmelkanal verzeichneten demnach Oberflächentemperaturen, die zwei Grad und mehr über dem langjährigen Mittel lagen. Die Deutsche Bucht und die östliche Nordsee, einschließlich der Gebiete vor Dänemark und Norwegen, waren bis zu 1,3 Grad wärmer als üblich. Bereits das Frühjahr 2025 war laut den Experten des BSH wärmer als gewöhnlich. Das sei „ein weiteres Zeichen des fortschreitenden Klimawandels“, heißt es.

Abweichung des Sommermittels der Oberflächentemperaturen in 2025 zum langjährigen Sommermittel von 1997 bis 2021 für die Nordsee (links) und für die Ostsee (rechts), Stand: 27.08.2025. Grafik: BSH
Abweichung des Sommermittels der Oberflächentemperaturen in 2025 zum langjährigen Sommermittel von 1997 bis 2021 für die Nordsee (links) und für die Ostsee (rechts), Stand: 27.08.2025. Grafik: BSH

Temperaturen werden jede Woche gemessen

Das BSH untersucht jede Woche die Oberflächentemperaturen von Nord- und Ostsee und kombiniert dazu Satellitendaten mit Messungen von Stationen auf See und Schiffen. Aus den Wochenmitteln von Juni, Juli und August berechnete es das Sommermittel 2025 und verglich es mit dem Sommermittel von 1997 bis 2021. Diese Analysen erstellt das BSH im Rahmen des Basisdienstes „Klima und Wasser“ der Deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel (DAS).

„Unsere vorläufigen Ergebnisse zeigen, dass die Nordsee im Sommer durchschnittlich etwa 15,7 Grad warm war. Damit wird 2025 der wärmste Sommer für die Nordsee, knapp vor den Rekordsommern 2003 und 2014, wenn sich diese Zahlen in den nächsten Tagen bestätigen. Auf jeden Fall gehört der Sommer 2025 zu den drei wärmsten seit Beginn der Messungen 1969,“ erklärt Dr. Tim Kruschke, Leiter des Referats Marine Klimafragen beim BSH.

Vor allem im Juli war das Wasser extrem warm

Wie die Messungen des BSH zeigen, erwärmte sich die gesamte Nordsee im Juli großflächig auf über 1 Grad über dem langjährigen Mittel. Nur die Deutsche Bucht blieb etwas gemäßigter. Im August kühlten weite Teile der Nordsee ab. Doch vor der britischen Küste und im Ärmelkanal blieben die Temperaturen hoch, so die Experten. Das zeigte auch die alljährliche Untersuchung der gesamten Nordsee mit dem Forschungsschiff „Atair“. Jedes Jahr von Mitte Juli bis Mitte August vermisst das Schiff seit 1998 die gesamte Nordsee dreidimensional, um den physikalisch-chemischen Zustand und Änderungen zuverlässig bewerten zu können.

Die Nordsee erwärmt sich von Jahr zu Jahr mehr, das belegen die Messreihen des BSH. Foto: Melanie Hanz
Die Nordsee erwärmt sich von Jahr zu Jahr mehr, das belegen die Messreihen des BSH. Foto: Melanie Hanz

Dr. Dagmar Kieke, Fahrtleiterin und Leiterin des Referats Ozeanographische Bewertungen beim BSH, beobachtete die Temperaturänderungen direkt an Bord: „Im Juli und August waren die oberflächennahen Wasserschichten der Nordsee regional deutlich wärmer als 2024, die Temperaturen lagen teilweise 2 bis 3 Grad höher. Wir sehen einen Zusammenhang mit einer ausgeprägten marinen Hitzewelle vor Norwegen in diesem Sommer, die sich bis in die Nordsee hinein auswirkte – ein Phänomen, dass in Zeiten des Klimawandels vermehrt auftritt.“

Seit den 1990er Jahren wird das Wasser immer wärmer

Dass die Nordsee zunehmend wärmer wird, belegen auch die Messreihen der Biologischen Anstalt Helgoland des Alfred-Wegener-Instituts (AWI). Seit 1962 werden vor Helgoland nahezu täglich die Temperatur, der Salz- und Nährstoffgehalt sowie die Zusammensetzung des Planktons in der Deutschen Bucht bestimmt. „Die Deutsche Bucht hat insbesondere nach den 1990er Jahren einen erheblichen Temperaturanstieg erlebt“, sagt Prof. Karen Wiltshire, Direktorin der BAH. So zeigen die Daten neue Temperaturmuster: Im Sommer gibt es demnach deutlich mehr wärmere Tage und im Winter deutlich weniger extrem kalte Tage. Und höhere Temperaturen als erwartet treten nun auch früher im Jahr auf. „Die Nordsee erwärmt sich so schnell, weil sie ein Flachmeer ist, das von Landmassen umgeben ist wie eine große Pfütze“, so Wiltshire.

Auf Rekordjahr 2023 folgen Rekordjahre 2024 und 2025

Tatsächlich war die Nordsee schon 2023 so warm wie nie. Im Schnitt war das Wasser der Nordsee knapp 11,9 Grad Celsius warm. Die höchste Wassertemperatur 2023 wurde am 12. September gemessen: 19,5 Grad. Und auch die ersten sechs Monate des Jahres 2024 gehörten im Mittel durchweg zu den „Top 10“ der jeweils wärmsten Monate seit 1962. Mehr noch: Der März 2024 war mit einer mittleren Wassertemperatur von 6,9 Grad sogar der wärmste März seit 1962. Bereits der Januar war mit Wassertemperaturen von rund 7,2 Grad der zweitwärmste gemessene Januar seit 1962. Im Sommer 2024 war das Wasser der deutschen Nordsee im Mittel 14,9 Grad warm.

Auch die Ostsee war deutlich wärmer

Auch die Ostsee war im Sommer 2025 wärmer als sonst: Laut BSH stieg die Temperatur im südwestlichen Bereich einschließlich der deutschen Gewässer um bis zu 1,5 Grad über das langjährige Mittel von 1997 bis 2021. Im äußersten Norden sei das Mittel sogar um mehr als 2 Grad übertroffen worden. Dazwischen herrschten gemäßigte Temperaturen, sodass die vorläufigen Auswertungen eine Durchschnittstemperatur von etwa 16,7 Grad zeigen.

Die Ostsee erwärme sich langfristig schneller als die Nordsee. Seit 1990 sei sie im Durchschnitt um fast zwei Grad wärmer geworden, wird Dr. Kerstin Jochumsen zitiert, Leiterin der Abteilung Meereskunde beim BSH. Die langjährigen Messreihen des BSH seien entscheidend, um diese Trends zu erkennen.

Seit 1998 führt das BSH jährlich eine schiffsgestützte ozeanographisch-chemische Vermessung der gesamten Nordsee zwischen 51°N und 60°N und von der Meeresoberfläche bis zum Meeresboden durch, die „Gesamtaufnahme Nordsee“. Das Vermessungs-, Wracksuch- und Forschungsschiff ATAIR von einer Drohne fotografiert - dreieinhalb Wochen war es in diesem Sommer in der Nordsee unterwegs. Foto: Dr. Kieke, BSH
Seit 1998 führt das BSH jährlich eine schiffsgestützte ozeanographisch-chemische Vermessung der gesamten Nordsee zwischen 51°N und 60°N und von der Meeresoberfläche bis zum Meeresboden durch, die „Gesamtaufnahme Nordsee“. Das Vermessungs-, Wracksuch- und Forschungsschiff ATAIR von einer Drohne fotografiert - dreieinhalb Wochen war es in diesem Sommer in der Nordsee unterwegs. Foto: Dr. Kieke, BSH

Und die Auswirkungen der Erwärmung?

Die stetige Erwärmung des Wassers und die zusätzlichen Hitzewellen wirken sich natürlich auf das Ökosystem der Nordsee aus und damit auf die Arten, die darin leben. Der Kabeljau zum Beispiel ist längst weit in den Norden und in kälteres Wasser gezogen.

Die Fischer in Ostfriesland beobachten zudem, dass es „mehr Grünzeug im Wattenmeer“ und mehr Quallen gibt als früher, sagte im vergangenen Sommer Dirk Sander dieser Redaktion. Er ist Fischer in Neßmersiel und Vizepräsident des Deutschen Fischereiverbands.

Ähnliche Artikel