Berlin „Böden vergiftet“: Hannes Jaenicke über sein zerstörtes Haus in Kalifornien
In seiner neuen ZDF-Doku ist Hannes Jaenickes im Einsatz für den Oktopus. Ein Interview über Tiere mit neun Gehirnen, bayrische Sonntagsbraten und die Verheerungen nach den Waldbränden an Jaenickes Zweitwohnsitz Kalifornien.
Im Frühjahr hat Hannes Jaenicke sein Haus in den kalifornischen Waldbränden verloren. Trotzdem ist der Schauspieler und Umweltaktivist weiter im Einsatz. In einer neuen ZDF-Doku schildert er den Oktopus als Wunder der Evolution – und Opfer der Meeresverschmutzung. Im Interview erzählt Jaenicke von Tieren zu Wasser, zu Land und im bayerischen Ammersee, an dem der 65-Jährige selbst wohnt und arbeitet.
Frage: Herr Jaenicke, wer ist intelligenter? Wir beide oder ein Oktopus?
Antwort: Das hängt davon ab, wie man Intelligenz definiert. Wenn wir auch nur einen Tag in der Antarktis überleben müssten, wäre uns jeder Pinguin überlegen. Oktopoden haben definitiv mehr Gehirn als wir: eins in jedem Arm und im Körper ein Haupthirn, insgesamt also neun. Das Essen geht beim Oktopus interessanterweise auch erstmal durchs Gehirn. Und diese Tiere lernen tausendmal schneller als Menschen. Ein durchschnittlicher Oktopus – also der Oktopus Vulgaris, den wir so gerne essen – wird nur anderthalb Jahre alt. In seiner kurzen Zeit lernt er in einem Tempo, das es im gesamten Tierreich nicht mehr gibt: jagen, tarnen, spielen, alles. Ein ziemlich bösartiges Raubtier ist er nebenbei auch.
Frage: Affen und Hunde sind auch schlau, aber die Intelligenz von Oktopoden ist ganz anders als unsere. Dass sie mit ihren Armen denken, kann man als Mensch kaum begreifen. Die Evolution hat da etwas sehr Fremdartiges und Faszinierendes hervorgebracht, oder?
Antwort: Das kann man gar nicht laut genug sagen. Mir haben die Wissenschaftler in unserem Film die Augen geöffnet. Die werden – entschuldigen Sie den Ausdruck – aus der KI- und Robotik-Forschung mit Geld nämlich sprichwörtlich zugeschissen. Und zwar, weil die Oktopus-Intelligenz praktisch unerforscht ist. Microsoft, OpenAI – die Tech-Riesen finanzieren ganze Lehrstühle, um hinter das Geheimnis der Oktopus-Hirne zu kommen. KI-Firmen wollen rausfinden, wieso der Oktopus so unglaublich schnell lernt. Robotik-Firmen fragen, wie diese acht Arme koordiniert werden – ohne Hilfe der Augen. Ein Oktopus-Arm, das hat uns einer der Experten beschrieben, würde der Medizin völlig neue Operationsmethoden öffnen.
Frage: Wenn Sie an der Oktopus-Evolution das Hirn begeistert – was ist das Bemerkenswerteste, was die Evolution im Menschen ermöglicht hat?
Antwort: Die Intelligenz ist es jedenfalls nicht. Der Mensch ist die einzige Spezies, die ihr eigenes Habitat zerstört. So intelligent kann der Mensch nicht sein.
Frage: Haben Sie auf Ihrer Oktopus-Recherche Begegnungen mit individuellen Tieren erlebt?
Antwort: Ich hatte das Vergnügen, die Meeresschutzorganisation Sea Shepherd in die griechische Ägäis zu begleiten. Obwohl die Oktopusse zum Laichen drei Monate Schonzeit haben, wird da wie verrückt gefischt. An einem einzigen Tag haben wir 1.673 illegale Oktopusfallen rausgeholt, zerstört und die Tiere befreit. Bei jedem war mein Gedanke: Du landest nicht auf dem Teller. Das war einer der schönsten Tage meines Lebens. Über den Oktopus erzählen wir vor allem von unserem Umgang mit den Meeren. Der Oktopus überlebt nur bis zu einer Wassertemperatur von 27 Grad. Das Mittelmeer liegt schon drüber. Wir heizen dem Oktopus die Lebensgrundlage weg. Erstens. Außerdem wird er, zweitens, bis zum Anschlag überfischt. Und drittens vermüllen wir die Meere so massiv, dass seine Bewohner daran sterben.
Frage: Wenn der Oktopus nicht vorher schon gefressen wird. Wie hat Ihre Liebe zum Oktopus Ihr Verhältnis zu Haien beeinflusst? Über die haben Sie ja auch schon einen Film gedreht.
Antwort: Haie sind ja nicht der einzige Fressfeind. Delfine lieben Oktopusse, Pottwale lieben Oktopusse, viele andere Raubfische auch. Der Oktopus ist im Laufe der Evolution wahrscheinlich nur deshalb so intelligent geworden, weil er so viele Feinde hat. Deswegen kann er sich so gut verstecken, deswegen kann er Tinte versprühen. Er hat sogar gelernt, Angreifern einen Tentakel über die Augen zu legen. An meiner Liebe zu Haien ändert das aber nichts. Im maritimen Ökosystem ist und bleibt der Hai wichtig, gerade weil er kein aggressives Monster ist, sondern so faul und bequem, dass er am liebsten kranke, schwache oder gleich ganz tote Tiere frisst. Dank der Haie bleiben die Fischbestände gesund. Wenn man ihn eliminiert – was zurzeit in einem unglaublichen Tempo passiert –, dann gerät die gesamte Balance durcheinander.
Frage: Vor genau 50 Jahren kam Spielbergs „Der Weiße Hai“ ins Kino. Wer hat mehr Schaden angerichtet: dieser Film? Oder die aufgeregte Boulevard-Berichterstattung über jede einzelne Hai-Attacke?
Antwort: Beides. Der Drehbuchautor von „Der Weiße Hai“ hat sich vor seinem Tod sogar noch entschuldigt. Für unsere Hai-Doku hatten wir Spielbergs Büro 17-mal angeschrieben. Er hat nie geantwortet; aber selbst er hat sich mittlerweile distanziert. Der Film hat einen katastrophalen Imageschaden angerichtet. Jede Meldung der „Bild“-Zeitung ist genauso eine Katastrophe. Oft stecken in Wahrheit gar keine Haie hinter den Angriffen, sondern andere Raubfische wie der Zackenbarsch. Haie greifen extrem selten an. Menschen stehen definitiv nicht auf ihrem Speisezettel. Wer vom Hai gebissen wird, hat einen Fehler gemacht – zum Beispiel, weil er im falschen Gewässer surfen war oder in der Nähe von Fischverarbeitung ins Wasser gegangen ist.
Frage: Welche Tiere gehören zu Ihrem privaten Leben? Haben Sie einen Hund oder einen Wellensittich?
Antwort: In meiner Familie sind eher Katzenfreunde. Ich hatte in meinem Leben schon beides, Hunde und Katzen. Aber die letzten 15 Jahre habe ich wegen meiner dauernden Reiserei gar keine Tiere mehr. Für Tiere sollte man da sein – und das kann ich nicht.
Frage: Sie leben am bayerischen Ammersee. Was für Tiere gibt es da?
Antwort: Wir haben im Moment sehr viele Biber, was ich großartig finde. Und es gibt wieder mehr Singvögel. Eine Zeit lang war es im Frühjahr sehr still. Das wird etwas besser. Im See selbst leben relativ viele Renken, Hechte und Karpfen. Die sind zwar viel zu klein, aber es gibt noch welche. Der Fischfang wird relativ streng kontrolliert. Ansonsten hält es sich mit der Wildnis bei mir zuhause in Grenzen. Ich habe die Löwen in Afrika gefilmt und Eisbären in der Arktis. Ich habe monatelang Haie und Orkas gedreht. Ich bin verwöhnt. Aber ich freue mich über alle Tiere. Mücken mal ausgenommen. Spinnen werden im Glas gefangen und rausgetragen, Florfliegen auch. Aber Mücken mache ich platt. Es sind die einzigen Tiere, die ich töte. Ich hoffe, das schadet meinem Karma-Konto nicht.
Frage: Sie essen, wenn ich das richtig sehe, auch keine toten Tiere. War eine Ihrer Dokus der Grund dafür, Vegetarier zu werden?
Antwort: Das war lange vorher. Als ganz junger Schauspieler hatte ich mal zwei Drehtage in einer Hühnerfarm. Das hatte gar nichts mit Tierschutz zu tun. Es war für irgendeine Krimireihe, „Ein Fall für zwei“ oder „Der Alte“. Das hat mir den Appetit auf Fleisch dauerhaft verdorben. Dabei bin ich mit Fleisch aufgewachsen. Chicken Wings mochte ich immer sehr gern. Aber nach dem Dreh hatte ich mich schlau gemacht, wie Schweine, Lämmer, Kühe, Enten und Puten so gezüchtet werden. Seit ich es weiß, kann ich diese Produkte nicht mehr essen.
Frage: In Bayern werden Sie von einem Ministerpräsidenten regiert, der über jedes Buffet schimpft, auf dem keine Weißwurst liegt. Wird im Süden wirklich nichts als Fleisch gegessen?
Antwort: Komischerweise gibt es in München hervorragende vegane und vegetarische Restaurants. Selbst hier am Ammersee, und das ist wirklich tiefstes Bayern. Markus Söder und – noch schlimmer – unser Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer reden einer mächtigen Metzger- und Bauernlobby das Wort. Wir subventionieren Fleischkonsum mit dem ermäßigten Mehrwertsteuersatz. Sinnvoll wäre es, Produkte nach ihrem CO2-Ausstoß zu bepreisen. Niemand muss zum Vegetarier werden. Ich bin völlig undogmatisch. Lasst die Leute ihren Sonntagsbraten essen. Ich bin selbst so aufgewachsen. Meine Großmutter hat einmal die Woche einen Braten gemacht. Das wurde richtig abgefeiert, das war ein Event. Dazwischen gab‘s dann Pellkartoffeln mit Quark. Und keiner von uns ist von den Knochen gefallen. Wenn wir zum Sonntagsbraten zurückkehren, und zwar so, wie man das früher gemacht hat, dann wäre das CO2-Problem weitestgehend gelöst.
Frage: Was sagen Sie nach Ihren Dreharbeiten auf dem Meer zum Konzept der Pescetarier, die kein Fleisch, aber Fisch essen? Steckt dahinter nicht eine merkwürdige Hierarchie des Mitgefühls?
Antwort: Ich persönlich halte das für völligen Quatsch. Die Meere sind gnadenlos überfischt. Und die sind unsere größte Sauerstoffquelle. Gerade da wäre mehr Verantwortungsbewusstsein wichtig. Nebenbei sind Fische mit Schwermetallen belastet. Guten Appetit!
Frage: Hat Ihr Aktivismus Ihr Konsumverhalten über die vegetarische Ernährung hinaus verändert?
Antwort: Ich fahre viel mehr Bahn als früher. Ich fliege grundsätzlich nur noch beruflich, wenn auch immer noch viel zu viel. Ansonsten habe ich mein Verhalten sehr wenig verändert. Das ist etwas, wo ich noch eine steile Lernkurve vor mir habe.
Frage: Bis Anfang des Jahres hatten Sie einen Zweitwohnsitz in Kalifornien. Und wie ich jetzt mit Schrecken lese: Im Januar ist Ihr Haus bei den Waldbränden zerstört worden. Was haben Sie verloren?
Antwort: Das Haus ist komplett abgebrannt. Und trotzdem bin ich weniger betroffen als eine meiner engsten Mitstreiterinnen und Freundinnen: Stefanie Brendel, die wahrscheinlich berühmteste Haiforscherin und Meeresaktivistin deutscher Herkunft. Stefanie leitet die Shark Alliance, die sich für Anti-Finning-Gesetze engagiert – also für das Verbot, Haien die Flossen abzuschneiden. Der hatte ich mein Haus überlassen. Seit dem Feuer ist sie obdachlos. Sie hat alles verloren. Ich selbst lebe seit 2008 fest am Ammersee, weil wir unser Produktionsbüro in München haben. Entgegen allem, was in der Presse steht, bin ich auch nicht hin- und hergependelt. In den USA war ich nur, wenn ich drüben zu arbeiten hatte.
Frage: Trotzdem muss der Verlust Sie auch persönlich mitgenommen haben.
Antwort: Es war eine Lektion im Loslassen. Traurig ist, dass ich gewisse Familienstücke drüben hatte. Das ist alles verbrannt. Ansonsten sage ich mir wirklich: Im Leben muss man lernen loszulassen. Das habe ich im Januar auf relativ effektive Art und Weise beigebracht bekommen.
Frage: Wollen Sie das Haus wieder aufbauen?
Antwort: Im Moment können wir noch nicht mal aufs Gelände. Es ist alles so vergiftet, dass niemand sein Grundstück betreten darf. Mit Stefanie halte ich Dauerkontakt, die ist gerade nach Mexiko ausgewichen. Sollte sie ihre NGO weiterhin in Kalifornien leiten, würde ich das Haus sofort wieder aufbauen. Aber wir sind noch nicht mal im Genehmigungsverfahren. Es gibt neue Feuerbestimmungen und unfassbar viel Bürokratie. Bis man was tun kann, vergehen mit Sicherheit zwei bis drei Jahre.
Frage: Hängen die Schwierigkeiten auch mit dem Konflikt zwischen Donald Trump und Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom zusammen?
Antwort: Was die Finanzhilfe betrifft, stimmt das sicherlich. Trump vergibt keine Nothilfe in Staaten, die nicht republikanisch gewählt haben. Er ist wirklich absolut faschistoid. Die republikanischen Staaten kriegen Hilfe – so wie jetzt Texas nach den Überschwemmungen. Kalifornien wählt demokratisch und hat nichts bekommen. Das ist aber nicht der Grund dafür, dass der Wiederaufbau so lange dauert. Man weiß bis heute ganz einfach nicht, wie sehr diese Küstenregion vergiftet ist. Direkt nach dem Feuer gab es relativ starken Regen, der die Giftstoffe zum Strand gespült hat. Es hieß, dass Kinder ihn für vier bis fünf Jahre nicht betreten sollen.
Frage: Was war denn da so giftig?
Antwort: In Pacific Palisades waren sämtliche Rohre aus PVC. Aufgrund der Erdbeben durfte nichts in Stein gebaut werden, alles war Kunststoff. Es wurde auch viel termitenresistenter Lack benutzt. Und es sind über 30.000 Autos abgefackelt, darunter viele elektrische. Da ist massenhaft Lack, PVC, Kunststoff, Plastik und Chemie verbrannt. Der Regen hat alles in den Boden gespült. Jetzt muss entgiftet werden, und keiner weiß, wie. Erst wollte man 20 Zentimeter abgetragen: zu teuer. Dann sollten es zwei Zentimeter sein, aber auch das ist noch zu teuer.
Frage: Wie sieht es in Ihrem Viertel aus?
Antwort: Es ist eine Mondlandschaft. Wasserleitungen, Stromleitungen, Gas – es gibt überhaupt keine Infrastruktur mehr. Ich beneide keinen der städtischen Angestellten, die das organisieren müssen. Für die Betroffenen ist es eine Katastrophe. Ich habe Bekannte, weit über 70 Jahre alt, die leben auf den Booten irgendwelcher Freunde oder ziehen zur Verwandtschaft nach Arizona.
Frage: Können Sie die chemische Belastung eigentlich auch deshalb so gut einschätzen, weil Ihr Vater Biochemiker war?
Antwort: Mein Vater war ein großartiger Mann, hochintelligent, sehr gebildet. Ich habe ihn immer bewundert. Aber alle meine Talente habe ich von meiner Mutter geerbt, sie war die Musische. Mein Vater war Wissenschaftler, Mikrobiologe und Biochemiker. Ich stand in Mathe auf Sechs, in Physik auf Sechs und in Chemie auf Sechs. Naturwissenschaftlich war ich eine Null, zum Leidwesen meines Vaters.
Frage: Bei Wikipedia wird er als Experte für Proteinfaltung geführt. Was das ist, können Sie dann vermutlich auch nicht erklären?
Antwort: Die Molekül-Modelle auf seinem Schreibtisch habe ich noch vor Augen. Aber ich habe nie begriffen, was er da macht.