Hamburg Klingt paradox: Verkehrsunfall-Opferhilfe will begleitetes Fahren schon ab 16
Junge Fahrer sind überproportional oft in schwere Unfälle verwickelt. Peter Schlanstein, Chef der Verkehrsunfall-Opferhilfe Deutschland, plädiert für einen früheren Einstieg ins begleitete Fahren – und für mutigere Entscheidungen der Verkehrspolitik.
Jeden Tag passieren auf deutschen Straßen schwere Unfälle – mit Folgen, die oft ein Leben lang nachwirken. Doch was passiert eigentlich mit den Betroffenen, wenn der erste Schock vorbei ist? Wer hilft, wenn Versicherungen mauern oder die Psyche leidet?
Peter Schlanstein weiß genau, wie tief Verkehrsunfälle ins Leben eingreifen können. Im Interview spricht der geschäftsführende Vorstand der Verkehrsunfall-Opferhilfe Deutschland (VOD) über Schicksale, die ihn nicht loslassen, über gefährliche Schwachstellen im Verkehrssystem – und darüber, was sich dringend ändern muss.
Frage: Herr Schlanstein, als geschäftsführender Vorstand der Verkehrsunfall-Opferhilfe Deutschland erleben Sie täglich Geschichten, die einem nahegehen. Was motiviert Sie persönlich, sich für Unfallopfer starkzumachen?
Antwort: Als Polizeibeamter habe ich über viele Jahre hinweg schwere Unfälle aufgenommen, Tote gesehen und mit Angehörigen gesprochen, deren Leben sich in Sekunden komplett verändert hat. Diese Erfahrungen lassen einen nicht los. Viele Betroffene und Hinterbliebene leiden ihr Leben lang – körperlich, seelisch und sozial. Was mich motiviert, ist der Wunsch, diesen Menschen eine Stimme zu geben, ihnen konkrete Hilfe zu bieten und dafür zu kämpfen, dass solche Schicksale möglichst vermieden werden. Denn oft sind es Leichtsinn, Tempo und Unachtsamkeit, die zu unfassbarem Leid führen – und das kann jedem passieren.
Frage: Was sind die zentralen Ziele Ihrer Organisation – und wie setzen Sie diese in der Praxis um?
Antwort: Das sind zwei Dinge: die Verbesserung der Unfallprävention und die konkrete Unterstützung von Unfallopfern. Dafür arbeiten wir eng mit Partnern wie dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat und der Deutschen Verkehrswacht zusammen. Wir bieten Betroffenen im Sinne einer Lotsenhilfe eine kostenlose Unterstützung durch Verkehrsrechtsanwälte, Sozialrechtler, Psychotherapeuten und andere Fachleute.
Frage: Wie unterstützten Sie Unfallopfer ganz konkret?
Antwort: Verkehrsunfallopfer stehen nach einem schweren Unfall oft allein da. Viele fühlen sich von Versicherungen im Stich gelassen, da diese die Interessen der Verursacher vertreten und oft Entschädigungen verzögern oder ganz verweigern. Auf unserer Website stellen wir verschiedene Checklisten bereit, die helfen, relevante Informationen direkt nach einem Unfall systematisch zu dokumentieren.
Frage: Warum ist das so wichtig?
Antwort: Weil Versicherer später häufig versuchen, psychische oder physische Beschwerden als „vorgeschädigt“ darzustellen. Nehmen wir an, eine alleinerziehende Mutter wird in einen Unfall verwickelt – ihre Belastung wird im Nachhinein nicht dem Unfall, sondern ihrer Lebenssituation zugeschrieben. Genau solche Argumentationen wollen wir mit frühzeitiger, fundierter Dokumentation entkräften.
Frage: Statistisch gesehen passieren auf Landstraßen besonders viele tödliche Unfälle. Warum sind ausgerechnet diese Straßen so gefährlich?
Antwort: Landstraßen sind besonders gefährlich, weil dort oft zu schnell gefahren wird und es kaum Schutzmaßnahmen wie fehlerverzeihende Seitenräume oder getrennte Fahrbahnen gibt. Hinzu kommen riskante Überholmanöver und der Gegenverkehr. Besonders fatal sind Baumunfälle – etwa jeder vierte tödliche Unfall außerorts (ohne Autobahnen) passiert durch einen Aufprall gegen Bäume. Motorradfahrer sind zudem deutlich stärker gefährdet.
Frage: Was würde für mehr Sicherheit auf Landstraßen sorgen?
Antwort: Wir fordern Tempo 80 auf Landstraßen bis sechs Meter Breite und maximal 70 km/h an ungesicherten Kreuzungen, also auf den bevorrechtigten Straßen ohne Ampelregelung. Sichtbehinderungen müssen beseitigt, vor gefährlichen Hindernissen besser geschützt werden. Für Motorradfahrer sind Unterfahrschutz an Leitplanken und gut sichtbare Fahrbahnmarkierungen entscheidend. Neue Bäume innerhalb des kritischen Abstands am Fahrbahnrand sollten vermieden werden. Kreisverkehre reduzieren Unfallgefahren durch niedrigere Geschwindigkeiten. Überholverbote sind wichtig, werden aber durch die extrem engen Voraussetzungen der Straßenverkehrsordnung rechtlich erschwert. Verkehrszeichen wie Überholverbote anzuordnen ist danach nur gestattet, wo dies aufgrund der besonderen Umstände „zwingend geboten“ ist.
Frage: Wenn Sie der Politik einen einzigen Wunsch für mehr Verkehrssicherheit auf Deutschlands Straßen äußern dürften – welcher wäre das?
Antwort: Ich würde mir wünschen, dass die „Vision Zero“ – also keine Toten und Schwerverletzten im Straßenverkehr – endlich im Straßenverkehrsgesetz verankert wird. Das wäre ein starkes Signal und würde die rechtliche Grundlage schaffen, Maßnahmen für mehr Sicherheit konsequenter umzusetzen. Heute ist es oft politisch und rechtlich schwierig, selbst einfache Dinge wie Tempolimits anzuordnen – obwohl wir wissen, dass sie Leben retten.
Frage: Fahranfänger sind laut Unfallstatistik besonders oft in Unfälle verwickelt. Welche Maßnahmen könnten helfen, diese Risiken zu reduzieren?
Antwort: Wir fordern, das begleitete Fahren bereits ab 16 Jahren zu ermöglichen. Junge Menschen brauchen mehr Zeit, um Fahrpraxis in einer sicheren Umgebung zu sammeln – vor allem, weil gerade auf Landstraßen viele schwere Unfälle passieren. In Schweden zeigt sich, dass ein früherer Start beim begleiteten Fahren wirkt: Dort ist die Zahl der Unfälle junger Fahrer um rund 40 Prozent gesunken. Die vollwertige Fahrerlaubnis und den Führerschein erhalten sie dort trotzdem erst mit 18 – so wie es das EU-Recht vorsieht. Aber durch die längere Übungsphase fahren sie später sicherer. Dieses Modell könnten wir auch in Deutschland einführen. Dafür müsste die Politik aber die nötigen rechtlichen Voraussetzungen schaffen.