Tennet in Nortmoor  Höfe stehen im Weg? Landwirte fürchten um ihre Betriebe

Lars Löschen
|
Von Lars Löschen
| 03.09.2025 11:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Rund 14.600 Legehennen hat Alexander Beimel in seinem Stall in Nortmoor. Foto: Klaus Ortgies
Rund 14.600 Legehennen hat Alexander Beimel in seinem Stall in Nortmoor. Foto: Klaus Ortgies
Artikel teilen:

Die Landwirte in Nortmoor sind auf ihre Ackerflächen angewiesen. Doch Tennet braucht etwa 60 Hektar für ein Multiterminal-Hub. Die Betriebe an der Gaste fürchten um ihre Existenz.

Nortmoor - Bei Hermann Dänekas und Heino van Lengen aus Nortmoor steht demnächst ein Generationenwechsel bevor. Die Landwirte wollen beide jeweils ihren Betrieb an ihre Söhne abtreten. „Mein Sohn hat gerade den Trecker-Führerschein gemacht“, sagt van Lengen. Dänekas‘ Junior habe gerade seinen Meister bestanden. „Ich habe mir in den vergangenen 35 Jahren etwas aufgebaut, was ich gerne weitergeben will“, sagt der 56-Jährige. Weil sein Sohn gerne Landwirt werden wollte, habe er 2020 für 700.000 Euro einen neuen Laufstall gebaut.

Ein Banner gegen den Multiterminal-Hub von Tennet hängt vor dem Hof von Alexander Beimel in Nortmoor. Foto: Klaus Ortgies
Ein Banner gegen den Multiterminal-Hub von Tennet hängt vor dem Hof von Alexander Beimel in Nortmoor. Foto: Klaus Ortgies

Auch Alexander Beimel hat seinen Bio-Legehennenstall 2020 in Nortmoor bauen lassen. Vorher habe er zehn Jahre für den Bau mit sämtlichen Behörden gekämpft. „Ein Legehennenstall muss möglichst hoch und trocken liegen. So einen Standort wie hier findest du fast nicht mehr“, sagt er. Etwa 14.600 Hennen gehören zu seinem Betrieb.

Höfe in Nortmoor müssen weg?

Doch statt nun richtig durchstarten zu können, plagen die Landwirte aus Nortmoor Existenzsorgen. Denn Stromnetzbetreiber Tennet sucht im Landkreis Leer einen Platz für einen Multiterminal-Hub. Gemeint ist damit eine Anlage, die dazu dienen soll, Strom aus Windkraftanlagen in der Nordsee in das Gleichstromnetz an Land zu überführen. Dafür muss ein Platz im Suchraum Nüttermoor ausgewählt werden. Darin befindet sich unter anderem Nortmoor. Etwa 60 Hektar werden dafür benötigt. Das Projekt könnte zwischen dem Düsterweg und der Autobahn 28 realisiert werden. Fest steht das aber noch nicht, betonte Tennet zuletzt erneut.

So oder so ähnlich könnte die Anlage aussehen, sollte sie in Nortmoor gebaut werden. Illustration: Tennet/Archiv
So oder so ähnlich könnte die Anlage aussehen, sollte sie in Nortmoor gebaut werden. Illustration: Tennet/Archiv

Der Legehennenstall von Alexander Beimel liegt am Heidkoppelweg, also direkt in dieser potenziellen Fläche. Ähnlich sieht es bei dem Milchviehbetrieb von Heino van Lengen aus. Er liegt am Middemoorweg. Denkbar ungünstig für eine Tennet-Anlage dieser Größe. Denn zwischen Düsterweg, Middemoorweg, der Südseite von Beimels Stall und der Immegastraße kommt man mit einem Kartenrechner auf eine Flächengröße von ungefähr 65 Hektar. Allerdings wolle Tennet laut eigener Aussage größtmöglichen Abstand zu Wohnhäusern halten. Wenn der Multiterminal-Hub in Nortmoor gebaut wird, dann könnte das bedeuten, dass die Höfe weichen müssen, so zumindest die Befürchtung der Landwirte. Außerdem hat der Energieversorger EWE Interesse an dem Tennet-Projekt gezeigt. Für einen Elektrolyseur, der grünen Wasserstoff erzeugt, brauche es große Mengen an regenerativer Energie – und rund 30 Hektar Platz.

Landeigentümer bilden Gruppe – Keiner will verkaufen

Was aber bei einem Bau auf jeden Fall wegfällt, ist das Ackerland. Denn auf der Nortmoorer Gaste stehen dutzende Hektar Mais. „Die meisten Landwirte haben im Hammrich Grasfelder. Zu Gras gehört Mais. Und der steht hier“, so Heino van Lengen. Etwa 30 Hektar befänden sich auf der Gaste – ein Drittel seines Ackerlandes, das kaum zu ersetzen sei. „Ackerland ist nun mal nicht vermehrbar. Der fruchtbarste Boden im Landkreis Leer soll zerstört werden“, sagt Hermann Dänekas. Von seinen 60 Hektar befinden sich zehn auf der Gaste, sechs davon seien gepachtet. Alexander Beimel habe insgesamt 80 Hektar in Nortmoor. Etwa sieben Hektar belegt sein Hühnerstall.

Die Legehennen sind die Existenzgrundlage von Alexander Beimel aus Nortmoor. Foto: Klaus Ortgies
Die Legehennen sind die Existenzgrundlage von Alexander Beimel aus Nortmoor. Foto: Klaus Ortgies

Die Bauern hätten noch keine Angebote für ihre Flächen von Tennet bekommen. Ohnehin hätte sich eine Gruppe von mehr als 20 Landeigentümern von der Nortmoorer Gaste gebildet. Keiner von diesen wolle verkaufen, so Heino van Lengen. „Das ist Konsens“, sagt er.

So viel Geld bekommt man für einen Hektar

Wenn man Flächen verkauft, die für die Landwirtschaft genutzt werden, dann werden laut Bodenrichtwert in Nortmoor zwischen 2,3 und 4,5 Euro pro Quadratmeter gezahlt. Da Tennet aber einen gewerblichen Nutzen hat, steigert das den Preis, sagt Martin Homes vom Auricher Gutachterausschuss. Laut dem Dezernatsleiter seien hier eher 10 Euro pro Quadratmeter anzusetzen. Für einen Hektar bedeutet das dann einen Kaufpreis von ungefähr 100.000 Euro. Der Nachdruck bei dem Projekt könnte den Preis weiter nach oben korrigieren. Sprich: Wenn Tennet eine bestimmte Fläche unbedingt will, könnte mehr Geld dafür in die Hand genommen werden.

Hermann Dänekas (links) will seinen Betrieb in Nortmoor an Sohn Henning übergeben. Foto: Christine Schneider-Berents/Archiv
Hermann Dänekas (links) will seinen Betrieb in Nortmoor an Sohn Henning übergeben. Foto: Christine Schneider-Berents/Archiv

Bei welchem Preis die Schmerzgrenze der Landwirte ist, wollen sie dieser Redaktion nicht verraten. Am liebsten würden alle drei ihre Betriebe ungestört weiterführen. „Wenn ich alles verkaufe, dann könnte ich auch aus Nortmoor wegziehen, aber das mache ich nicht“, sagt Hermann Dänekas. Er setze sich nicht nur für die Landwirtschaft ein, sondern für das Dorf im Allgemeinen. Nortmoor sei nach Corona wieder in Fahrt gekommen. Zusammen mit seiner Frau sanierte er etwa einen Gulfhof an der Dorfstraße für 500.000 Euro. Aktuell betreibt die Familie Mondorf dort ein Bäckerei-Café. Wenn die Anlage in Nortmoor gebaut wird, dann habe das verheerende Folgen für den Tourismus im Ort und die Hauseigentümer – gerade die, die frisch gebaut haben, ist Dänekas überzeugt. Zur Einordnung: Dass die Immobilienpreise bei einem Bau der Anlage sehr wahrscheinlich fallen werden, meinten auch zuletzt die Maklerin Doris Hasseler-Buß aus Nortmoor und Makler Tim Leuchters aus Detern auf Anfrage dieser Redaktion.

Alexander Beimel aus Nortmoor verkauft Bio-Hühnereier. Foto: Klaus Ortgies
Alexander Beimel aus Nortmoor verkauft Bio-Hühnereier. Foto: Klaus Ortgies

Heino van Lengen sei schon einmal mit seinem Hof vertrieben worden, sagt er. 1999 wanderte er innerhalb von Nortmoor wegen der Ausbreitung des Wohngebiets an den jetzigen Standort. Nochmal wolle er nicht umziehen. Alexander Beimel hat noch einen weiteren Stall mit 150 Schafen. Von der Schafhaltung allein könne er nicht leben, sagt er. Deswegen will der Landwirt seinen Legehennenbetrieb behalten.

Ähnliche Artikel