Hamburg  Notarzt auf der Landstraße: Wie das aktuelle System wertvolle Minuten verschenkt

Marie Busse
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Von Marie Busse
| 03.09.2025 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Auf Landstraßen kommt es immer wieder zu schweren Unfällen. Foto: IMAGO / Einsatz-Report24
Auf Landstraßen kommt es immer wieder zu schweren Unfällen. Foto: IMAGO / Einsatz-Report24
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Florian Reifferscheid fliegt als Notarzt zu den schlimmsten Unfällen. Im Interview sagt er, warum Landstraßen so gefährlich sind – und wieso Kreis- und Ländergrenzen bei der Rettung ein Problem sind.

Auf Landstraßen kommt es immer wieder zu schweren Unfällen. Zu den ersten Rettern gehört Florian Reifferscheid. Er ist Notarzt und ist regelmäßig mit dem Hubschrauber am Unfallort. Im Interview erzählt der Arzt aus Kiel, der auch Vorsitzender der Bundesvereinigung der Arbeitsgemeinschaften der Notärzte (BAND) ist, welche Herausforderungen die Einsätze bergen und wie er und seine Kollegen noch schneller helfen könnten.

Frage: Herr Reifferscheid, gibt es einen Einsatz auf der Landstraße, den Sie nicht vergessen haben?

Antwort: Ja, da fällt mir sofort eine Fahrradfahrerin ein, die gestürzt ist und unter einen Traktor geraten ist. Für sie gab es keine Chance mehr – wir konnten nichts mehr tun. Solche Situationen gehen einem nahe. Und es sind nicht nur solche Einzelfälle: Auch schwere Frontalzusammenstöße auf der Landstraße bleiben in Erinnerung. Wenn jemand plötzlich gegen einen Baum oder in die Leitplanke fährt, ohne dass andere beteiligt sind, dann merkt man, wie schnell ein ganz normales Leben innerhalb von Sekunden zerbricht.

Frage: Warum sind Unfälle auf Landstraßen oft so schwer?

Antwort: Weil dort mehrere Risikofaktoren zusammenkommen: Es wird mit hohen Geschwindigkeiten gefahren, die Fahrbahnen sind oft nicht baulich getrennt, Bäume stehen direkt am Rand. Dazu kommen riskante Überholmanöver oder Ablenkung. Und besonders Radfahrer oder Motorradfahrer sind kaum geschützt – sie haben keine „Knautschzone“ wie im Auto. Wenn dann noch die Rettung länger dauert als in der Stadt, können die Folgen besonders schwer sein.

Frage: Sie erwähnen Radfahrer – nehmen solche Unfälle zu?

Antwort: Ja, wir sehen mehr Unfälle mit Zweiradfahrern, gerade durch die vielen E-Bikes. Sie ermöglichen zwar Mobilität, bringen aber auch höhere Geschwindigkeiten mit sich. Besonders ältere Fahrerinnen und Fahrer sind bei Stürzen gefährdet, etwa wegen Vorerkrankungen oder Blutverdünnern. Kopfverletzungen können dann lebensgefährlich sein. Deshalb sollte jeder Radfahrer einen Helm tragen – er kann Leben retten. Eine gesetzliche Pflicht ist aber schwer umzusetzen, zum Beispiel bei Leihfahrrädern oder E-Scootern.

Frage: Wie läuft im Idealfall ein Rettungseinsatz nach einem schweren Unfall ab?

Antwort: Im Idealfall entscheidet die Leitstelle gleich am Anfang dynamisch und alarmiert mehrere Rettungsmittel parallel: den nächstgelegenen Rettungswagen, einen Notarzt und oft auch den Hubschrauber. So geht keine Zeit verloren. Meist sind die Notfallsanitäter zuerst vor Ort und beginnen sofort mit der Versorgung. Der Notarzt übernimmt spezielle Maßnahmen, die Notfallsanitäter nicht durchführen dürfen, und der Hubschrauber sorgt dafür, dass der Patient schnell in ein geeignetes Krankenhaus kommt. Und das ist nicht unbedingt das nächstgelegene, sondern oft ein spezialisiertes Traumazentrum oder ein Maximalversorger, wo Schwerverletzte optimal behandelt werden können.

Frage: Woran scheitert dieser Idealfall in der Praxis?

Antwort: Häufig an den Strukturen. Leitstellen arbeiten oft noch mit starren regionalen Zuständigkeiten: Der Hubschrauber oder andere Rettungsmittel aus dem Nachbarbundesland werden dann nicht alarmiert, obwohl sie näher dran wären. Außerdem fehlt mitunter die Technik, um wirklich exakte Standortdaten von Anrufern und Rettungsmitteln zu nutzen. Und natürlich spielt auch Personalmangel eine Rolle – wenn nicht genug Fahrzeuge verfügbar sind, lässt sich der Idealfall nicht immer umsetzen.

Frage: Was fordern Sie deshalb?

Antwort: Wir brauchen Systeme, die auf exakte Standortdaten zugreifen können – sowohl von Notrufen als auch von den Rettungsfahrzeugen. Dann kann wirklich das nächstgelegene geeignete Rettungsmittel geschickt werden, unabhängig von Kreis- oder Ländergrenzen. Das würde wertvolle Minuten sparen und Leben retten.

Frage: Also wäre es heute am besten, wenn ich meinen Unfall möglichst weit weg von Landkreisgrenzen und am besten direkt in der Nähe eines Maximalversorgers habe?

Antwort: Ganz so kann man es natürlich nicht planen. Aber im Kern stimmt es: Je näher ein Maximalversorger ist und je weniger Zuständigkeitsgrenzen im Spiel sind, desto schneller kann geholfen werden.

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