Abnehm-Spritze gegen Übergewicht  Ein Pieks und die Kilos purzeln?

Petra Herterich
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Von Petra Herterich
| 02.09.2025 11:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Spritzen der Marken „Wegovy“, „Ozempic“ und „Mounjaro“ werden in der Apotheke verkauft. Foto: Jens Kalaene/dpa
Spritzen der Marken „Wegovy“, „Ozempic“ und „Mounjaro“ werden in der Apotheke verkauft. Foto: Jens Kalaene/dpa
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Ist die Abnehm-Spritze wirklich das Allheilmittel gegen Übergewicht? Der Leeraner Internist und Diabetologe Dr. Markus Rohe erklärt im Interview die Vor- und Nachteile der Spritze.

Leer - Tausende Menschen weltweit setzen sich bereits die Abnehm-Spritze. Nicht alle stehen dazu. Zuletzt machte Tennisstar Serena Williams öffentlich, dass sie ihr Gewicht mit Hilfe der Abnehm-Spritze reduziere, auch Komiker Oliver Pocher steht dazu. Schon seit 2018 ist der Wirkstoff Semaglutid in der EU zugelassen. Aber ist es wirklich so einfach? Ist die Abnehm-Spritze wirklich für jeden mehr oder weniger übergewichtigen Menschen die richtige Lösung? Was ist mit den Nebenwirkungen? Der Leeraner Internist und Diabetologe Dr. Markus Rohe betreut selbst Patienten, die die Abnehm-Sprize nehmen. Im Interview spricht er über die Vor- und Nachteile dieser Therapie.

Bodyshaming war verpönt und Bodypositivity wurde gefeiert als Bewegung gegen Schönheitsnormen. Jetzt gibt es die Abnehm-Spritze. War Bodypositivity nur ein kurzes Spektakel?

Dr. Rohe: Es gab und gibt ja immer eine ganze Reihe von Menschen, die mit ihrem Gewicht hadern und bei denen das Übergewicht krankhafte Ausmaße annimmt. Ein Body-Mass-Index (BMI) ab 30 entspricht schon einer Adipositas und dann hat man durchaus ein erhöhtes Risiko für viele Erkrankungen. Es mag den ein oder anderen gesunden Dicken geben, aber über viele Jahre hinweg sorgt das Übergewicht doch für Komplikationen.

Welche sind das?

Dr. Rohe: Angefangen von Gelenkbeschwerden durch die vermehrte Belastung bis hin zum Diabetes oder auch Bluthochdruck. Man kann zu seinem Übergewicht stehen, aber man sollte sich klar sein, dass das hohe Gewicht nicht ohne Folgen bleibt. Es ist aber nicht so, dass die übergewichtigen Menschen jetzt bei uns in der Praxis Schlange stehen und die Abnehm-Spritze wollen.

Ist ein BMI von 30 quasi die Grenze, ab der man eine Abnehm-Spritze nehmen sollte?

Dr. Rohe: Ob man das machen sollte oder nicht, ist davon abhängig, ob man das Gewicht auch auf konservativen Wegen, also etwa mit Sport oder einer Ernährungsumstellung, reduzieren kann. Man sollte aber eine Adipositastherapie auf jeden Fall anfangen, wenn der BMI über 40 liegt – oder über 35 und man bereits Begleiterkrankungen wie etwa Diabetes hat. Wie man abnimmt, mit Medikamenten oder mit einer Ernährungsumstellung, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Dr. Markus Rohe ist Internist und Diabetologe. Archivfoto: Klaus Ortgies
Dr. Markus Rohe ist Internist und Diabetologe. Archivfoto: Klaus Ortgies

Dabei muss man aber auch ehrlich mit sich selbst sein. Wenn man mal schaut, was mit der konservativen Adipositastherapie erreicht wird, dann sind die Erfolge sehr überschaubar. Man muss ja sein Verhalten von Grund auf ändern – schafft man das? Und der Körper reagiert natürlich auch, der denkt, er kommt in eine Hungersnot und fährt seinen Grundumsatz zurück. Das erschwert das Abnehmen natürlich noch mal. Deswegen waren bisher immer die Chirurgen die Helden in der Adipositas-Therapie, weil sie über Veränderungen am Magen große Abnehmerfolge erzielen konnten. Jetzt sind wir mit Medikamenten schon ähnlich erfolgreich.

Also einfach ein Pieks und ich werd schlank?

Dr. Rohe: Eigentlich gehört auch eine Ernährungsumstellung und mehr Bewegung dazu. Aber auch wenn man nichts macht, hilft die Spritze schon. Man kann durchaus zehn Kilo verlieren, wenn man beispielsweise Wegovy spritzt. Man hat dann automatisch weniger Appetit. Der darin enthaltene Wirkstoff Semaglutid wirkt auch im Gehirn und erzeugt dort das Gefühl der Sättigung. Außerdem verlangsamt er die Magenentleerung.

Also kann man trotzdem Schokolade essen und ein Glas Wein am Abend trinken?

Dr. Rohe: (lacht) Man wird gar nicht mehr so viel Appetit auf Schokolade haben oder auf das Glas Wein. Man hat einfach weniger Hunger und wird somit auch weniger Kalorien zu sich nehmen. Das sorgt dann am Ende für den Gewichtsverlust.

Klingt gut – aber was sind die Nachteile der Abnehm-Spritze?

Dr. Rohe: Die Nebenwirkungen sind besonders am Anfang Übelkeit bis hin zum Erbrechen. Es gibt auch Patienten, die selbst bei kleinen Dosierungen die Therapie deshalb abbrechen müssen. Es gibt gelegentlich auch Entzündungen der Bauspeicheldrüse, aber das ist wirklich selten. Eigentlich ist es vor allem die Übelkeit, die viele Patienten erstmal quält und man fühlt sich richtig kodderig. Bei den meisten legt sich das aber mit der Zeit. Deshalb fängt man auch erstmal mit einer niedrigen Dosierung der Abnehm-Spritze an und steigert das dann langsam. Das klappt in der Regel ganz gut.

Body-Mass-Index

BMI ist die Abkürzung für den englischen Begriff „Body-Mass-Index“. Zur Berechnung des BMI wird das Verhältnis von Gewicht und Körpergröße ermittelt. Der BMI dient nur als Anhaltspunkt dafür, ob das Körpergewicht eher gering, normal oder hoch ist.

Um den BMI zu berechnen, wird das Körpergewicht in Kilogramm durch das Quadrat der Körpergröße in Metern geteilt. Die Formel lautet: BMI = Gewicht (kg) / (Größe in m)².

Wenn das zu kompliziert ist: Im Internet gibt es diverse BMI-Rechner, die beispielsweise von den Krankenkassen auf ihrer jeweiligen Homepage kostenlos angeboten werden.

Es gibt ja den Vorwurf, dass wegen der großen Nachfrage nach der Abnehm-Spritze den Diabetes-Patienten die nötigen Medikamente fehlen. Stimmt das?

Dr. Rohe: Im Moment gibt es keine Lieferschwierigkeiten für Ozempic. Das war so ein bisschen hausgemacht. Das Ozempic gibt es für die Diabetes-Therapie und das Wegovy für die Adipositastherapie. Das hat der Hersteller Novo Nordisk so differenziert. Es gab eine Zeit, in der man Wegovy gut bekommen konnte aber Ozempic nicht. Wegovy wird immer ein kleines bisschen teurer verkauft als Ozempic. Wenn man sich an die Zulassung hält – wir schreiben den Diabetes-Patienten Ozempic auf und den adipösen Wegovy – dann ist das kein Problem. Viele Ärzte haben womöglich für adipöse Patienten Ozempic aufgeschrieben statt Wegovy. Seit fast zwei Jahren gibt es auch eine Abnehm-Spritze von Mounjaro mit dem Wirkstoff Tirzepatid. Verschreiben kann die Spritze im Grunde jeder Arzt.

Überwiegen für Sie als Arzt und Diabetologen die Vor- oder die Nachteile der Abnehm-Spritze?

Dr. Rohe: Studien belegen, dass man bei adipösen Menschen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit der Abnehm-Spritze senken kann. Es gibt weniger Herzinfarkte oder Schlaganfälle. Und Ozempic ist wirklich ein hochwirksames Diabetes-Medikament. Man bekommt damit den Zucker sehr gut eingestellt, die Patienten brauchen viel später Insulin. Selbst Diabetes-Erkrankte, die schon eine Insulinresistenz haben, können so teilweise ganz auf das Spritzen von Insulin verzichten. Der Wirkstoff Semaglutid dockt in der Bauchspeicheldrüse an bestimmte Rezeptoren an, die dafür sorgen, dass mehr Insulin ausgeschüttet wird. Außerdem sorgt er dafür, dass der Zuckerspeicher in der Leber sich nicht so schnell entleert. Beide Effekte lassen den Blutzuckerspiegel sinken. Bei der Therapie mit Ozempic nehmen die Patienten quasi nebenbei ab.

Was kostet die Abnehm-Spritze?

Dr. Rohe: Man kann im Schnitt mit Kosten zwischen 150 und 250 Euro rechnen, das hängt von der Dosierung ab. Es wird günstiger, wenn man die hohe Dosierung kauft und dann nur jeweils die Hälfte spritzt. In der Adipositastherapie ist Mounjaro deutlich teurer als Wegovy, so dass es zumindest in Ostfriesland, wo die meisten Menschen ja doch ein wenig auf den Geldbeutel schauen müssen, noch einen kleineren Stellenwert hat. Wegovy liegt in der Höchstdosis im Monat bei 277 Euro, Mounjaro bei 489 Euro. Man muss die Abnehm-Spritze natürlich sehr lange Zeit oder sogar lebenslang nehmen, sonst kommt es auch in diesem Fall zum Jojo-Effekt und man nimmt wieder zu.

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