Puppa Peters aus Esens Auf diese eine Frau hören viele Männer
Langeoog hat seit 40 Jahren einen eigenen Shanty-Chor, die Flinthörners. Und ebenso lange führt ihn eine kleine drahtige Frau vom Festland. „Puppa“ Peters ist in der Shanty-Szene längst eine Legende.
Esens - Gut zwanzig Männerstimmen schallen an diesem Konzertabend lautstark durch die große St.-Magnus-Kirche in Esens. Die teils recht verwegen aussehenden Männer von Langeoog sind eigens mit ein paar Booten ans Festland gekommen, erzählen dem Publikum nun Geschichten von der See, singen Shantys und haben offenbar viel Spaß an ihrem Auftritt. „Hau rein, Puppa“, ruft einer der „Flinthörners“ zwischendurch und guckt die zierliche ältere Frau mit dem Akkordeon am Rande der Bühne an. Und Puppa haut rein.
„Puppa“ heißt eigentlich Elisabeth Peters, aber der Spitzname hat sich so verfestigt, dass alle sie so nennen. Dabei hat die 78-Jährige so gar nichts von einer Puppe; bei einem Besuch vor dem Auftritt bei ihr zuhause ist das unschwer zu erkennen. Peters ist eine drahtige Frau mit kurzem grauen Haar, sie tritt bestimmt auf und kann auch ziemlich streng gucken. Dazu muss man wissen: Sie war früher Lehrerin an einer Esenser Schule. Als Chorleiterin sind diese Eigenschaften sicher auch nützlich. Vor allem als einzige Frau unter Männern. Elisabeth Peters leitet den Langeooger Shanty-Chor „de Flinthörners“ seit 40 Jahren. Dabei lebt sie gar nicht auf der Insel, sondern gegenüber auf dem Festland, in Esens.
Wie alles begann
Beim Besuch vor dem Konzert erzählt die 78-Jährige, wie es überhaupt zu diesem Konstrukt kam. 1985 habe sie eine Notiz in der Zeitung gelesen, der Friedeburger Shanty-Chor trete auf Langeoog auf. Das sei wie Eulen nach Athen tragen, fand sie, und dass die Langeooger sich ja wohl schämen müssten, keinen eigenen Shantychor zu haben. Das ließ sie ihre Langeooger Bekannten auch gleich wissen. Ein Wort gab das andere, schließlich hieß es: Mach du das doch!
Nun ist Peters eine sehr musikalische Person, sie hat eine Chorleiterprüfung abgelegt, kennt sich aus mit Harmonielehre und Dirigieren. Und sie scheint auch nicht der Typ zu sein, der eine Herausforderung einfach ignoriert. Peters ließ sich auf das Abenteuer ein. Unter drei Bedingungen, wie sie sagt: Es gibt genug Sänger auf der Insel, einen Akkordeonspieler, und sie wird abends nach den Proben wieder ans Festland gebracht. Die Langeooger nickten zu allem. Und als sich herausstellte, dass der Akkordeonspieler sein Instrument gar nicht beherrschte, eignete Peters sich das kurzerhand auch noch an.
Von Schubert zu Shantys
Bevor die Esenserin ihre Reise mit dem Langeooger Shantychor begann, leitete sie schon einen Frauenchor in Esens. Dort ging es eher klassisch zu, Brahms und Schubert, sagt sie. Der Schritt zum Seemannslied scheint doch recht groß. Und weit. „Erst haben wir auch nur deutsche Seemanns-Lieder gesungen, ‚Rum aus Jamaika‘, und so“, sagt sie. Aber dabei blieb es nicht, denn Peters interessierte sich für diese neue Lieder-Welt und gewann über ihr Engagement in verschiedenen Shanty-Verbänden auch Eindrücke, um was es dabei ursprünglich geht.
„Shantys sind Arbeitslieder“, sagt sie. Früher sei die Arbeit auf den Schiffen körperlich sehr hart gewesen, Gesang würde dabei helfen. Beispiel? „What shall we do with the drunken sailor“ bot einen guten Takt, um große Segel zu hissen. Peters hat übrigens selber einen interessanten Text geschrieben, in dem sie die einzelnen Arten der Shantys und Seasongs sowie ihre Verwendung auf den Schiffen beschreibt. In der Shanty-Szene ist sie auch deshalb ziemlich bekannt. Ihren Langeooger Chor hat sie damit auch geprägt. Die „Flinthörners“ sind schon in Norwegen und den Niederlanden aufgetreten, in Oldenburg und Cuxhaven. Und auch an diesem Augustabend in der Esenser St.-Magnus-Kirche sitzen Mitglieder anderer Shanty-Chöre im Publikum, um zu hören, wie die „Flinthörners“ das so machen.
Wie es heute läuft
Gut zwei Stunden dauert das Konzert. Die Zeit muss eingehalten werden, aus Tide-Gründen: Die Langeooger müssen alle noch wieder mit den Booten rüber auf die Insel. Der Auftritt in Esens ist eine Besonderheit, denn üblicherweise singen die „Flinthörners“ auf ihrer eigenen Insel. Von Ostern bis Ende Oktober treten sie alle 14 Tage montags im Haus der Insel auf, zusammen mit ihrer Chorleiterin. Und das offenbar recht erfolgreich: „Es gibt Leute, die planen sogar ihren Urlaub nach unseren Aufritten“, sagt Peters.
Die fährt auch heute noch jede Woche montags rüber, entweder zur Probe oder für den Auftritt. Zurück geht‘s am gleichen Abend nicht mehr, Peters bleibt jetzt über Nacht. 40 gemeinsame musikalische Jahre haben ihre Spuren hinterlassen, nicht nur im Repertoire des Chores. „Das ist jetzt Familie“, sagt die 78-Jährige. Wer in diesem Jubiläumsjahr noch mal lauschen will, muss schon auf die Insel fahren. Genauere Termine finden sich im Logbuch auf der Webseite der „Flinthörners“.