Gefährlicher Trend  Emder Kinderarzt warnt vor Melatonin-Gummibärchen

Stephanie Tomé
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Von Stephanie Tomé
| 25.08.2025 12:29 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Wenn Kinder abends nicht einschlafen können, hat das meist einen einfachen Grund: Das Schlafbedürfnis des Kindes passt nicht zu den Erwartungen der Eltern. Foto: dpa/Jens Kalaene
Wenn Kinder abends nicht einschlafen können, hat das meist einen einfachen Grund: Das Schlafbedürfnis des Kindes passt nicht zu den Erwartungen der Eltern. Foto: dpa/Jens Kalaene
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Immer mehr Eltern greifen zu frei verkäuflichen Melatonin-Präparaten für Kinder, um das Einschlafen zu erleichtern. Kinderarzt Götz Gnielka erklärt, warum er das für eine „Katastrophe“ hält.

Emden - Sie sehen aus wie harmlose Süßigkeiten, doch sie enthalten ein stark wirksames Hormon: Melatonin-Gummibärchen liegen im Trend. Immer mehr Eltern greifen offenbar in Drogerien oder online zu den frei verkäuflichen Präparaten, die ihren Kindern das Einschlafen erleichtern sollen. In sozialen Netzwerken werden sie als schnelle und unkomplizierte Hilfe angepriesen. Doch Fachleute schlagen Alarm. Einer von ihnen ist der Emder Kinderarzt Götz Gnielka.

Nachdem ihn eine Mutter in seiner Praxis auf das Thema angesprochen hatte, veröffentlichte er einen warnenden Beitrag in den sozialen Medien. „Sie geben Ihrem Kind aber keine Süßigkeit. Sie geben ein wirksames Medikament! Mit Wirkung und Nebenwirkungen, die nicht von Pappe sind!“, schreibt er dort.

„Eine Katastrophe“

Im Gespräch mit unserer Redaktion macht Gnielka deutlich, wie problematisch er den freien Verkauf einschätzt: Zwar werde Melatonin bei Kindern mit Autismus und seit kurzem auch bei ADHS eingesetzt. Dass das Hormon jedoch inzwischen in Drogerien in Form von niedlichen Gummibären speziell für Kinder erhältlich ist, sei „eine Katastrophe“, sagt er. Das Mittel habe zahlreiche Nebenwirkungen. „Es kann zu Tagesmüdigkeit führen, Schwindel und Gangunsicherheiten verursachen, um nur ein paar Beispiele zu nennen“, so Gnielka.

Auch die AOK weist auf Risiken hin: Kinder könnten nach der Einnahme über Kopfschmerzen, Unruhe oder Albträume klagen. Zudem seien Melatonin-Produkte in Deutschland nicht als Arzneimittel zugelassen, sondern fallen unter die Kategorie der Nahrungsergänzungsmittel – und werden deshalb nicht so streng kontrolliert wie Medikamente. Ein verlässlicher Schutz vor Überdosierungen oder Verunreinigungen sei damit nicht garantiert.

Auch Stiftung Warentest warnt

Das bestätigt auch ein aktueller Bericht der Stiftung Warentest über Melatonin-Gummibärchen, der im Juni veröffentlicht wurde. Das Ergebnis: Die getesteten Produkte sind teils über­dosiert, zu wenig erforscht und auf keinen Fall harmlos. „Diese Präparate sind keine harmlosen Schlummerhelfer, sondern hormonelle Eingriffe in den natürlichen Schlaf-Wach-Rhythmus von Kindern“, erklärt Dennis Stieler, Gesundheitsexperte bei der Stiftung Warentest.

Besonders beunruhigend: Die fruchtgummiartigen Produkte werden bereits für Kinder ab drei Jahren beworben und erinnern mit ihrer süßen Form und dem fruchtigen Geschmack an Süßigkeiten – was die Gefahr einer übermäßigen Einnahme erhöht.

Zunehmende Fälle in den USA

Wie groß die Gefahr sein kann, zeigt ein Blick in die USA, wo Melatonin-Gummibärchen schon seit Jahren frei erhältlich sind. Nach Angaben der AOK haben sich dort die Vergiftungsfälle bei Kindern in den vergangenen zehn Jahren verfünffacht. 2021 meldeten die amerikanischen Giftnotrufzentralen rund 53.000 Notfälle im Zusammenhang mit Melatonin, viele davon bei Kindern unter fünf Jahren. In einigen Fällen kam es sogar zu schweren Verläufen mit Krankenhausaufenthalten.

Zurück nach Emden: Gnielka sieht ein weiteres Problem darin, dass Eltern mit der Gabe von Melatonin mögliche Ursachen von Schlafproblemen übersehen könnten. Es werde dann nicht weiter darüber nachgedacht, was die Ursache für den Schlafmangel ist. Oft steckten psychische Belastungen wie Mobbing oder Probleme in der Familie dahinter – oft auch ganz einfach zu viel Medienkonsum.

Schlafmangel ist oft gar kein Problem

Die AOK bestätigt: In vielen Fällen ist der Schlafmangel gar kein medizinisches Problem. Kinder haben sehr unterschiedliche Schlafbedürfnisse. Während die einen abends schnell zur Ruhe kommen, brauchen andere schlicht mehr Zeit, um einzuschlafen.

Gnielka erklärt: In den meisten Fällen liegt nämlich gar kein Problem mit dem Einschlafen vor, lediglich die Erwartungen der Eltern und das tatsächliche Schlafbedürfnis des Kindes würden nicht übereinstimmen. Ein Schlafprotokoll könne helfen, dies herauszufinden. „Das ist immer die erste Methode der Wahl, wenn es Probleme mit dem Schlaf bei Kindern gibt. Einfach Melatonin zu geben, ist nicht die Lösung.“

Wenn es mit dem Einschlafen nicht klappt, sollen bunte Gummibären die Lösung sein. Kinderarzt Götz Gnielka hält das für problematisch. Foto: dpa/Hendrik Schmidt
Wenn es mit dem Einschlafen nicht klappt, sollen bunte Gummibären die Lösung sein. Kinderarzt Götz Gnielka hält das für problematisch. Foto: dpa/Hendrik Schmidt

„Kinder sind keine kleinen Erwachsenen“

Gnielka warnt davor, das Hormon zu unterschätzen. „Kinder sind keine kleinen Erwachsenen – ihr Körper funktioniert anders. Und vieles ist noch gar nicht erforscht, was den Einsatz dieses Mittels angeht.“ Immer wieder werde darauf verwiesen, dass es sich um ein körpereigenes Hormon handele. „Aber das sind Insulin und Kortison auch“, so der Kinderarzt. „Trotzdem setzen wir sie nicht leichtfertig ein.“

Die Verlockung sei groß, das Einschlafproblem mit einem kleinen Gummibärchen scheinbar einfach zu lösen. Doch genau darin liegt für Gnielka die Gefahr. Denn Schlaf sei zwar ein großes Thema in vielen Familien – die Ursachen für Schwierigkeiten seien aber oft vielfältiger als es auf den ersten Blick scheint.

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