Hamburg/Köln  Von Panzer-Simulator bis „Hacker-Training“: Besuch bei der Bundeswehr auf der Gamescom

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 24.08.2025 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Mit Aktionen wie einem Hubschrauber-Simulator zog die Bundeswehr auf der Gamescom alle Altersklassen an. Foto: Henning Kaiser/dpa
Mit Aktionen wie einem Hubschrauber-Simulator zog die Bundeswehr auf der Gamescom alle Altersklassen an. Foto: Henning Kaiser/dpa
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Bei der verzweifelten Suche nach Personal setzt die Bundeswehr auf Hochglanz, Technik und Karriereversprechen. Doch wenn jeder vierte Rekrut vorzeitig abbricht, stellt sich die Frage: Verspricht sie zu viel, wenn sie sich auf Messen wie der Gamescom als ganz normales hochmodernes Unternehmen präsentiert?

Der gelbe Vierbeiner zieht alle Blicke auf sich. Besucher zücken ihre Smartphones, kleine Kinder hocken sich verzückt hin und einer jungen Frau mit blauer Perücke entfährt ein „Wie süß!“ Objekt der Verzückung: Ein Roboter-Hund der Bundeswehr, der der Truppe eventuell mal bei Minensuche und Aufklärung helfen kann.

Doch auf die Gamescom in Köln, die größte Messe für Computerspiele und Unterhaltungselektronik der Welt, passt das Hightech-Tier auch. Vielleicht sogar besser als die Bundeswehr selbst? Seit 2009 mischt sich der Tarnfleck der Truppe unter die schrillen Farben der Gaming-Szene. 

2025 ist der Stand der Bundeswehr so groß wie nie zuvor. Im Bereich, wo mittlerweile auch die Bundesbank, der Bundesnachrichtendienst, Rüstungsfirmen und der Chemiekonzern BASF möglichst ausgefallen um Talente werben, sticht die Bundeswehr hervor. 175 Quadratmeter Ausstellungsfläche sind es dieses Jahr, 2024 waren es nur 100. 35 sichtlich gut gelaunte Soldaten sind für Image- und Nachwuchswerbung in Köln unterwegs.

Die Not bleibt groß: Jedes Jahr will die Truppe mehrere tausend junge Menschen rekrutieren. Künftig mit einem neuen Wehrdienst, aber weiterhin freiwillig. Für 2026 sind bereits 70 Millionen Euro für die Nachwuchswerbung geplant. Rund doppelt so viel, wie noch 2021. Wie viel einzelne Aktionen kosten, sagt die Bundeswehr nicht.

Allein die Standmiete für fünf Tage Gamescom dürfte rund 40.000 Euro kosten. Karriereberatungsgespräche finden hier allerdings nicht statt. Es gehe eher darum, mit der Gesellschaft in Kontakt zu treten, heißt es von Seiten der Truppe. „Ungezwungen“ würden Berufseinstiegs- und Karrieremöglichkeiten dennoch besprochen.

Besucher können sich in kleinen Fitnesstests erproben, mal eine Fallschirmjäger-Ausrüstung anlegen oder sich in den „Flitzer der Spezialkräfte“ setzen – ein leichtes Transportfahrzeug, das aussieht wie ein robuster Strandbuggy. Kinder, Jugendliche und Erwachsene können sich am Simulator am Hubschrauberfliegen ausprobieren oder sich virtuell in den Schützenpanzer „Puma“ setzen. Als Schütze oder Fahrer. „Vielleicht sollte die Bundeswehr ihren Stand zumindest ab 16 kennzeichnen“, sagt David, 33 Jahre alt und damit einer der letzten Jahrgänge, der sich von der Bundeswehr noch regulär mustern lassen musste.

Er kommt seit Jahren zur Gamescom, früher war er klar gegen die Bundeswehr auf der Messe. Seit dem Ukraine-Krieg sieht er die Notwendigkeit überhaupt eine Armee zu haben. Wie ihm geht es vielen. Suspekt ist die Bundeswehr hier kaum noch jemanden. „Die Bundeswehr ist ja ohnehin überall“, sagt Davids Kumpel Felix. Auf Jobmessen, hier auf der Gamescom oder auch auf dem großen Festival Wacken, wo sie dieses Jahr den Kampfjet „Tornado“ dabei hatte, ist die Bundeswehr vertreten.

Die Bundeswehr selbst nimmt den gestiegenen Zuspruch ebenfalls wahr. Erstmals messen zahlreiche Kameras, wie viele Besucher vorbeikommen, sagt Standleiter Maximilian. Die Bundeswehr besteht aus Sicherheitsgründen darauf, dass nur die Vornamen genannt werden. Maximilian, eingesetzt im bundeswehr-eigenen „Zentralen Messe- und Eventmarketing“ zeigt stolz den Zwischenstand. Allein am Donnerstag kamen in den ersten sechs Stunden mehr als 7500 Besucher. „Es ist wirklich schön zu sehen, wie viele Menschen kommen, wir müssen niemanden gezielt ansprechen, hier ist die ganze Zeit Action“, sagt ein Soldat. Und viele kämen auch ganz gezielt und wüssten, was sie wollen.

Der 16-jährige Ben aus Berlin wollte ebenfalls ganz gezielt zur Bundeswehrfläche, um etwas über die Marine zu erfahren. Ausgerechnet die ist in diesem Jahr kaum zu sehen. Umso präsenter ist die Cybertruppe der Armee, die mit mehreren Laptops zur Messe gekommen ist. Hier können die potenziellen Nachwuchskräfte Passwörter knacken.

Das „Hackertraining“, wie es ein Teilnehmer bewusst scherzhaft nennt, kommt an. IT-Spezialisten sucht die Bundeswehr besonders händeringend. Menschen wie Tom, 21 Jahre alt, Informatikstudent. Ob er zur Bundeswehr gehen würde? Tom lächelt und blickt vielsagend zu den anderen Ständen. Große Unternehmen aus der Privatwirtschaft suchen auch – und zahlen für IT-Spezialisten häufig besser. 

Ist es nur logisch, dass sich die Bundeswehr besonders anstrengen muss?  Eine 23-Jährige spricht davon, dass die Bundeswehr dieses Jahr „noch interaktiver“ sei als in den Vorjahren. „Natürlich ist das Propaganda, aber man muss das nicht zu ernst nehmen.“ Ihre Begleiterin sieht das allerdings anders. „Ich finde es bedenklich, dass man so versucht, junge Menschen für sich zu gewinnen.“ Von jenen in der Nähe der Bundeswehrplattform gehört sie damit zu den kritischeren.

Weitaus harscher, aber eben auch weit entfernt, formuliert es Benno Fuchs von der DFG-VK, der Deutschen Friedensgesellschaft-Vereinigte Kriegsdienstgegnerinnen. „Krieg hat bei einer Spielemesse nichts zu suchen“, sagt er. Die DFG-VK versucht bei ihrem Protest vor dem Messegelände selbst mit Begriffen aus der Gamingszene auf sich aufmerksam zu machen.

Fuchs ist als „Ultron“, einer bösen Künstlichen Intelligenz aus einer bekannten „Marvel“-Superhelden-Filmreihe, verkleidet. Für Fuchs und die Initiatoren ist klar: der Glanz, den die Bundeswehr auf der Gamescom zeigt, die spannenden Abenteuer, die tolle Technik, die faszinierende Karriere hat mit der Realität nichts zu tun. „Und dass es am Ende ums Töten geht, sagen die da drinnen auch nicht so gerne.“

In der Frage nach der realistischen Selbstdarstellung haben die DFG-VK und das Personalmanagement Bundeswehr paradoxerweise sogar einen gemeinsamen Punkt. Denn die Zahl der Bewerbungen steigt zwar aktuell, doch jeder vierte Rekrut bricht vorzeitig ab. „Vielleicht entspricht der Dienst in der Bundeswehr auch nicht den eigenen Vorstellungen“, meint Robert Sieger, Chef des Amtes für Personalmanagement der Bundeswehr. Verspricht die Bundeswehr bei ihren glänzenden Werbemaßnahmen zu viel? „Niemand wirbt mit schlechten Bildern“, so Sieger weiter. 

Für einen Abbruch könne es aber weit mehr Gründe geben. Und der stellvertretende Messestandleiter, Oberstabsfeldwebel Ralph, betont: „Das Personal auf den Messeständen soll authentisch und ehrlich beraten“. Also soziale Absicherung und Karrieremöglichkeiten ebenso erwähnen wie mögliche Umzüge und Auslandseinsätze. „In diesem Zusammenhang wird dann auch über die Themen Tod und Verwundung gesprochen“, so der Oberstabsfeldwebel.

Authentizität heißt nicht, dass die Bundeswehr das Gesamtbild zeigen muss. Die mit dem Hubschrauber-Simulator angereiste Wehrdiensttechnische Stelle aus Meppen spricht selbstredend nicht davon, wie sie 2018 bei Waffentests einen riesigen Moorbrand im Emsland ausgelöst hat. Wer sich virtuell als Panzerschütze ausprobiert, bekommt nicht gesagt, dass der Puma-Panzer pro Stück so teuer ist wie der Bau einer kleinen Schule. 

Aber kein Unternehmen würde auf eigene Pannen eingehen, schon gar nicht, wenn es neben Nachwuchswerbung auch Imagekampagne sein kann. Die meisten Besucher der Messe haben für die Bundeswehr eben nur ein Schulterzucken übrig. Sie stört nicht, sie tut einem ja nichts und wer hingehen will, kann hingehen, so die häufigste Reaktion

Insofern scheint die Bundeswehr auf der Gamescom mittlerweile genau das erreicht zu haben, wovor Kritiker wie die DFG-VK vor der Tür warnen und widersprechen: Sie wirkt wie ein normaler Arbeitgeber, der sich für Besucher extra herausputzt und seine ganze Vielfältigkeit zeigt, um möglichst viele anzusprechen. 

Dieser Imagewandel in einer einst weitaus kritischeren Szene ist für die Bundeswehr erstmal ein Erfolg. Die Personalsorgen löst es aber nicht. Und zu einer möglichen Wehrpflicht sagen die Soldaten auf der Messe den Besuchern ohnehin nichts. Denn diese Frage, so Oberstabsfeldwebel Ralph, habe allein die Politik zu entscheiden.

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