Kirche am Wendepunkt  So stellen sich Ostfriesen die Kirche der Zukunft vor

Deike Terhorst Pia Pentzlin
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Von Deike Terhorst und Pia Pentzlin
| 24.08.2025 12:12 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Einige Ostfriesen wünschen sich, den Wandel der Kirche aktiver mitgestalten zu können. Foto: Sina Schuldt/dpa
Einige Ostfriesen wünschen sich, den Wandel der Kirche aktiver mitgestalten zu können. Foto: Sina Schuldt/dpa
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Mitgliederschwund, starre Strukturen, wenig Platz für Diversität. Die Kirche ist für viele unattraktiv geworden. Wie also kann ein Wandel entstehen? Zehn Ostfriesen äußern Wünsche und Ideen.

Ostfriesland - Die Kirchenbänke bleiben am Sonntagvormittag leer, die Austrittszahlen steigen und das Vertrauen bröckelt. War die Kirche früher noch ein fester Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens, wird sie heute für viele immer unwichtiger. Eine Untersuchung der Forschungsgruppe Weltanschauungen aus dem Frühjahr dieses Jahres zeigt: Erstmals soll es in Deutschland mehr Konfessionslose als Christen geben. Die Zeiten haben sich geändert – die Kirche steht an einem Wendepunkt.

Kirche im gesellschaftlichen Wandel

Die Gründe für die zunehmende Ablehnung sind vielfältig: Die Missbrauchsskandale haben sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche erschüttert und das Vertrauen in die Institutionen maßgeblich geschwächt. Andere hingegen sehen das Problem im unzeitgemäßen Auftreten, in veralteten Strukturen und in der mangelnden Gleichberechtigung. Oder in der fehlenden Akzeptanz nicht heterosexueller, transsexueller oder nicht-binärer Menschen.

Die Kirche steht an einem Wendepunkt. Für die ideale Kirche der Zukunft haben mehrere Ostfriesen Ideen geäußert. Foto: Heinz Wagenaar/Archiv
Die Kirche steht an einem Wendepunkt. Für die ideale Kirche der Zukunft haben mehrere Ostfriesen Ideen geäußert. Foto: Heinz Wagenaar/Archiv

Dennoch sind knapp 38 Millionen Menschen in Deutschland Mitglieder in der evangelischen oder katholischen Kirche. Grund dafür ist bei vielen vor allem die Sehnsucht nach Gemeinschaft und spiritueller Tiefe. Zeitgleich wünschen sich viele Kirchenanhänger eine Kirche, die nicht davor zurückschreckt, sich an den gesellschaftlichen Wandel anzupassen. Das zeigt die aktuelle Staffel des Podcasts „Watt’n los?“ über Kirche und Konfessionen in Ostfriesland von Pia Pentzlin und Deike Terhorst.

Ostfriesen äußern Wünsche an Glaubensort der Zukunft

Wie der Wandel genau aussehen kann, haben sich die Volontärinnen für den Podcast genauer angesehen. Sie wollen wissen: Welche Wünsche haben Ostfriesinnen und Ostfriesen an ihren Glaubensort der Zukunft? Dafür haben sie mit Menschen gesprochen, die der Kirche nahestehen – aber auch solchen, die sie eher auf Abstand halten.

Mit jungen Erwachsenen, die auf Veränderung hoffen, und mit Kirchenpersonal, das selbst an neuen Ideen arbeitet. Ihre Visionen zeigen sehr deutlich – Zukunft gibt’s nur mit Wandel.

Ina Jäckel, evangelisch-lutherische Pastorin in Leer-Loga:

„Meine Kirche der Zukunft ist offen, mutig und Menschen zugewandt. Sie hat Platz für Diversität und für viele neue Formen. Sie spricht eine Sprache, die Menschen verstehen, die Menschen anspricht, aber sie hört erst einmal zu. Meine Kirche der Zukunft ist politisch, aber nicht parteiisch und ist vor allem offen und ehrlich an Menschen interessiert.“

Pastorin Ina Jäckel wünscht sich eine politische, aber unparteiische Kirche. Foto: Klaus Ortgies
Pastorin Ina Jäckel wünscht sich eine politische, aber unparteiische Kirche. Foto: Klaus Ortgies

Samuel Österle vom Christlichen Verein Junger Menschen in Aurich:

„Die Kirche muss innovativ sein und muss überlegen, wie sie ihre Angebote außerhalb der eigenen Räumlichkeiten stattfinden lassen kann. Viele schreckt schon das Gebäude ab. Die Kirche muss schauen, wo sich die Leute treffen und wie sie an diesen Orten stattfinden kann. Die Kirche muss mitten unter den Leuten sein.

Und die Kirche muss schauen, wie sie ihre Angebote auch für junge Menschen attraktiv machen kann. Ein Gottesdienst um 10 Uhr morgens ist vielleicht für junge Leute nicht attraktiv. Vielleicht macht man Abendgottesdienste – der Freitagabend ist bei den Jugendlichen zum Beispiel ein beliebter Zeitpunkt. Dabei ist es wichtig, die Jugendlichen selbst mit einzubinden. Sie müssen zu Wort kommen und sich und ihre Talente und Gaben einbringen können.“

Samuel Österle vom CJVM Aurich plädiert dafür, junge Menschen einzubeziehen. Foto: privat
Samuel Österle vom CJVM Aurich plädiert dafür, junge Menschen einzubeziehen. Foto: privat

Erna und Hermann Nehus aus Leer, Mitglieder der evangelisch-reformierten und der katholischen Kirche:

„Die Kirche darf nicht nur die Bibel sehen, sondern muss auch das Menschliche sehen. Der Gottesdienst muss lockerer werden, sodass auch Kinder gerne mitgehen und sagen ‚Das ist schön‘. Bei unseren Enkelkindern wird das schon gut gemacht, das ist mehr ein Erlebnisgottesdienst, und es gibt auch mal eine Bastelstunde.

Bei uns Älteren geht das verloren – der Pastor hält seine Predigt, manchmal mehr langweilig als interessant. Das ist alles sehr erstarrt. Zwischen der Bibel und der Realität gibt es einen Unterschied und darauf müsste der Pastor mehr eingehen. Bei den Katholiken kommt noch dazu, dass sie nicht heiraten dürfen. Man wird etwas am Zölibat ändern müssen, sonst findet man kein Personal mehr für die Gemeinden.“

Martin Stührenberg, katholischer Pastor der Pfarreiengemeinschaft Leer, Moormerland und Weener:

„Ich würde mich einfach freuen, wenn Menschen zusammenkommen, die Jesus lieben. Die Menschen sollten sich immer wieder fragen, wer Jesus wirklich ist, und sollten ehrlich entgegennehmen wollen, was von der Kirche, von der Tradition und von Jesus gesagt wird. Ich finde es das Allerschönste, wenn sie ihr Herz dafür öffnen. Wenn die Menschen ihr Herz für Jesus öffnen, dann wird daraus eine wunderschöne Kirche der Zukunft.“

Martin Stührenberg wünscht sich eine Kirche, in der Jesus im Mittelpunkt steht. Foto: Pia Pentzlin
Martin Stührenberg wünscht sich eine Kirche, in der Jesus im Mittelpunkt steht. Foto: Pia Pentzlin

Jelko Janßen (14), Mitglied der Martin-Luther-Gemeinde Emden:

„Ich wünsche mir eine schöne große Kirche, in der viel für die Jüngeren und auch die Älteren gemacht wird. Mir ist wichtig, dass der Gottesdienst nicht zu altmodisch ist, sondern nach den Ideen aller Kirchenmitglieder gestaltet wird.“

Jelko Janßen wünscht sich, dass alle Menschen angesprochen fühlen – jung und alt. Foto: Pia Pentzlin
Jelko Janßen wünscht sich, dass alle Menschen angesprochen fühlen – jung und alt. Foto: Pia Pentzlin

Ulf Preuß, Pressesprecher der evangelisch-reformierten Kirche:

„Meine Vision ist, dass das Gebäude insbesondere im Inneren anders aussehen wird. Ich stelle mir eine Kirche vor, in der es keine Bänke gibt, in der unterschiedliche Sitzmöglichkeiten existieren, die man flexibel an den jeweiligen Nutzen anpassen kann. So ist das Zusammenkommen weniger förmlich und lockerer. Gleiches gilt für die Musik, die stärker an der Alltagskultur der Menschen andocken sollte. Die Kirche sollte ein Ort sein, an dem man sich gerne trifft und zusammenkommt und wo man locker und unverkrampft sein darf.“

Ulf Preuß hofft auf weniger Kirchenbänke und mehr lockeren Austausch in der Kirche. Foto: privat
Ulf Preuß hofft auf weniger Kirchenbänke und mehr lockeren Austausch in der Kirche. Foto: privat

Yvonne, arbeitet für die Caritas in Leer:

„Es geht nicht immer nur um die Predigt, sondern um den Zusammenhalt. Die Kirche muss Menschen wieder zusammenbekommen, denn viele von ihnen sind heute einsam. Und die Kirche muss weltoffener sein, alle Menschen sollen in der Kirche willkommen sein. Egal, ob Mann oder Frau, welches Alter oder welche Behinderungen ein Mensch hat.“

Lina Gieselmann (16), Mitglied der Martin-Luther-Gemeinde Emden:

„Die Kirche muss in Zukunft für alle Menschen da sein und allen einen sicheren Anker bieten. Die Kirche muss offen bleiben und weiter mit der Zeit gehen. Möglich wären Gottesdienste, die inklusiver und lebensnaher geplant werden. Auch die Älteren finden neue Ideen für Gottesdienste toll, das habe ich in meinem Praktikum in der Gemeinde mitbekommen.

Ich persönlich wünsche mir auch mehr Musik in der Kirche, vielleicht auch mit modernen Liedern oder sogar Konzerten. Ich mag die alte Kirche – aber eine Mischung aus Tradition und neuen Ideen ist für mich eine gute Zukunftsperspektive.“

Barbara Schenck, evangelisch-reformierte Pastorin im Digitalen Raum:

„Ich verstehe mich selbst als Gläubige, die pilgernd unterwegs ist, und das ist für mich auch die Vision einer Kirche. Sie muss unterwegs, in Bewegung, digital, hybrid, aber auch analog sein. Um es auch poetisch zu sagen: auf dem endlosen Weg zu den Nächsten, zu allen Lebewesen und zur Mitwelt. Und das alles fragend – mit der ursprünglichen Frage von Jesus: Was willst du, das ich dir tue?“

Digital-Pastorin Barbara Schenck wünscht sich eine Kirche in Bewegung. Foto: privat
Digital-Pastorin Barbara Schenck wünscht sich eine Kirche in Bewegung. Foto: privat

Podcast zu Kirche und Konfessionen in Ostfriesland

In der aktuellen Staffel von „Watt’n los?“ diskutieren Pia Pentzlin und Deike Terhorst über Kirche und Konfessionen in Ostfriesland. Im Gegensatz zu angrenzenden Landkreisen wie dem Emsland und Cloppenburg findet man hier nämlich einen bunten Mix aus unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften. Eine weitere Form der Friesischen Freiheit? Das gilt es zu klären.

Gemeinsam mit Expertinnen und Experten sprechen Pia und Deike über Konfessionsmerkmale, junge Menschen in den Gemeinden, Kirche in den Sozialen Medien und ihre Zukunft angesichts des starken Mitgliederschwunds. Die Folgen finden Sie überall dort, wo es Podcasts gibt – unter anderem bei Spotify.

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