Schüleraustausch und Wirtschaft China sucht die Nähe zu Emden
Die Beziehungen zwischen China und Deutschland gelten nicht gerade als einfach. In Emden hat der chinesische Generalkonsul nun ein neues Kapitel aufgeschlagen.
Emden - Das relativ kleine Ostfriesland und die riesige Volksrepublik China haben in dieser Woche einen großen Schritt aufeinander zugemacht. In Emden warb Cong Wu, der Generalkonsul der Volksrepublik China, trotz aller Unterschiede für mehr Pragmatismus im Umgang miteinander. Besonderes Interesse zeigte er an VW, dem Hafen, grüner Energie – und einer großen Gruppe junger Leute.
„Die Unterschiede in Geschichte, Kultur und System sind kein Hindernis für Kooperationen, sondern ein Antrieb für mehr Austausch“, sagte Cong im Gespräch mit unserer Redaktion. „Ich bin froh zu erfahren, dass Emden mehr Austausch mit China möchte. Ich werde den chinesischen Unternehmen jetzt mehr über Emden berichten.“ Und er hoffe, dass mehr chinesische Firmen nach Emden kommen, so der Generalkonsul.
Kluntjes in den Tee: Eine merkwürdige Sitte!
Für Cong, der seit Oktober 2022 im Amt ist und dessen Konsulat in Hamburg beheimatet ist, war es der erste Besuch in der Seehafenstadt. Offizieller Anlass war ein Schüleraustausch zwischen der Yuhang Tangqi No. 2 Middle School aus Hangzhou (knapp 12 Millionen Einwohner) und dem Johannes-Althusius-Gymnasium in Emden (etwa 50.000 Einwohner). Die Acht- und Neuntklässler aus Emden waren im Oktober 2024 in Hangzhou, der Hauptstadt der Provinz Zhejiang in Ostchina. In dieser Woche haben nun die chinesischen Schüler den Emdern einen Besuch abgestattet. Am Dienstag trafen sich alle zu einer Teestunde im Emder „Rummel“, um ihre Gemeinsamkeiten zu feiern.
Dabei könnten die Unterschiede größer kaum sein. Das geht schon beim Teetrinken los. Eine Schülerin aus China erzählte, dass sie das erste Mal Tee mit Zucker getrunken habe. Das gebe es in ihrer Heimat nicht. Sie wolle das nun aber auch zu Hause ausprobieren. Außerdem fand sie das Frühstück in Emden ein wenig „monoton“, wie ein Dolmetscher übersetzte. Zu Hause sei das Frühstück deutlich vielfältiger; das Brot schmecke aber ganz gut.
Ein Oberbürgermeister als „great Promoter“
Das sind natürlich Kleinigkeiten, wenn man die wirtschaftliche Macht Chinas bedenkt – und natürlich die Konkurrenz der politischen Systeme. Der Diplomat Cong verwies auf die Jahrtausende alte Teekultur in China, fand aber, dass auch der ostfriesische Tee seinen eigenen Charme habe. Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos) pries er als „great Promoter“ für Emden. Beide lobten die seit rund 50 Jahren bestehenden diplomatischen Beziehungen zwischen China und der EU. Kein Wort über Taiwan oder andere geopolitische Herausforderungen.
Generalkonsul Cong hatte sich nach Informationen dieser Redaktion bereits einen Tag zuvor, am Montag, mit Vertretern von Thiele Tee und der IHK Ostfriesland getroffen. Mitte Januar nächsten Jahres reist dann eine Delegation norddeutscher Industrie- und Handelskammern nach China. Naturgemäß geht es um wirtschaftliche Interessen. VW pflegt gute Beziehungen zu China und betreibt dort drei Werke. Viele Photovoltaik-Anlagen auf unseren Dächern kommen aus dem fernen Osten. Und im Emder Hafen landen zahlreiche Bauteile für Windkraftanlagen an. Cong betonte nicht zuletzt das chinesische Interesse an Technologien zur Speicherung von Energie – zum Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen.
Eine der ganz wenigen Schulen mit Chinesisch im Angebot
Dass dazu auch private Beziehungen gehören, mag vielleicht eine Binsenweisheit sein, war aber für die Austauschschüler auf beiden Seiten eine ziemlich große Sache – und für Emden auch. Laut Oliver Damm, Leiter des Johannes-Althusius-Gymnasiums, gibt es in ganz Niedersachsen nur sieben Schulen, in denen Chinesisch unterrichtet wird. Und das einzige entsprechende Studienseminar für Lehrer sei in Goslar mit nur einer Ausbilderin. „Es ist echt nicht einfach, einen Chinesisch-Lehrer nach Emden zu locken“, sagte Schulleiter Damm unserer Redaktion am Rande der Teestunde im Emder „Rummel“. Für die Schüler sei es die dritte Fremdsprache – auf freiwilliger Basis. Da müsse man schon eine Begabung für Sprachen haben.
Die Belohnung für die Mühen war dann der erwähnte Schüleraustausch im Oktober vergangenen Jahres. Eine Emder Schülerin berichtete, die Chinesen seien alle super freundlich gewesen. Ein anderer meinte, er habe die Furcht vor Kulturunterschieden schnell überwunden. Und für Chinas Generalkonsul Cong war klar: „Die Zukunft unserer Beziehungen liegt in den Händen der jungen Leute in diesem Raum.“