Düsseldorf  NRW debattiert über Herkunftssprachen: Abrücken von Schulsprache Deutsch?

Tobias Blasius
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Von Tobias Blasius
| 18.08.2025 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
An manchen Schulen ist der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund sehr hoch. In NRW fordert ein Antrag von Schwarz-Grün eine Stärkung von Herkunftssprachen. Foto: dpa/Patrick Pleul
An manchen Schulen ist der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund sehr hoch. In NRW fordert ein Antrag von Schwarz-Grün eine Stärkung von Herkunftssprachen. Foto: dpa/Patrick Pleul
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Ein schwarz-grüner Antrag in NRW fordert eine Stärkung von Herkunftssprachen im Unterricht. Das Schulministerium reagiert reserviert.

Forderungen aus der schwarz-grünen Regierungskoalition nach einer deutlichen Aufwertung der Herkunftssprachen von Schülern mit Migrationshintergrund sind von NRW-Schulministerin Dorothee Feller (CDU) reserviert aufgenommen worden.

„Ein sicheres und hohes Niveau in der deutschen Sprache bleibt die Grundlage für schulischen Erfolg, gesellschaftliche Teilhabe und persönliche Entwicklung“, hieß es am Freitag aus dem Schulministerium auf Anfrage unserer Redaktion. Auch mit Blick auf den verfassungsrechtlich verankerten Gleichheitsgrundsatz werde es in Prüfungen „auch künftig keine unterschiedlichen Standards geben können“.

Kurz vor der parlamentarischen Sommerpause hatten die Landtagsfraktionen von CDU und Grünen in einem gemeinsamen ausführlichen Antrag überraschend unter anderem gefordert, das Schulministerium möge Regelungen zur Mehrsprachigkeit in den Schulen anpassen, „sodass fachliche Kompetenzen auch dann angemessen erfasst werden können, wenn ein Kind aufgrund noch unzureichender Deutschkenntnisse seine Kompetenzen nicht vollständig darstellen kann“.

Zudem könne die in NRW anstehende Oberstufenreform „eine Gelegenheit bieten, Projektkurse auch in der Erstsprache durchzuführen und anzuerkennen“. Mehrsprachigkeit solle im Rahmen von Zertifikatprüfungen sichtbar gemacht und gestärkt werden. Die Landtagsfraktionen erwarteten ebenso, dass „umfassende Diagnosekompetenzen“ entwickelt würden, damit Lehrkräfte erkennen können, „ob inhaltliche oder sprachliche Ressourcen zum Erlernen der Basiskompetenzen vorhanden sind und wie eine zielgerichtete Förderung entwickelt werden kann“.

In Teilen der landespolitischen Szene war dieser Vorstoß, der offenbar die Handschrift grüner Bildungsexperten trägt, als schleichende Relativierung der Lern- und Prüfungssprache Deutsch verstanden worden. Wer den Eindruck vermittele, Schulerfolg in NRW sei auch in der Herkunftssprache möglich, verschiebe schleichend die Standards und schade dem Integrationsehrgeiz, wird intern gewarnt.

Das NRW-Schulministerium verwies am Freitag darauf, dass sich der Antrag der schwarz-grünen Landtagsmehrheit derzeit noch im parlamentarischen Verfahren befinde und man deshalb noch keine Aktivitäten habe entfalten müssen.

Es ist zwar gelebte Unterrichtspraxis in NRW, dass Lehrkräfte auch jenen Kindern eine faire Bildungschance ermöglichen wollen, „die aufgrund noch unzureichender Deutschkenntnisse ihre fachlichen Kompetenzen nicht in vollem Umfang in deutscher Sprache darstellen können“, wie es im Schulministerium heißt. So haben die Schulen etwa bei Integration von Tausenden jungen Ukrainern, die den Lernstoff oft noch nicht auf Deutsch bearbeiten konnten, in den vergangenen drei Jahren enormes geleistet.

Doch der Druck, unbedingt Deutsch lernen zu müssen, soll keinesfalls verringert werden. „Sprachliche Defizite dürfen nicht durch eine Absenkung der Prüfungsanforderungen ausgeglichen werden, sondern müssen durch gezielte Förderung abgebaut werden“, so das Schulministerium. Deshalb habe man mit der verbindlichen Lesezeit von 3x20 Minuten pro Woche und mit mehr Unterricht in Deutsch und Mathematik in den Grundschulen ab dem Schuljahr 2025/26 doch extra neue Vorgaben gemacht.

Der Antrag von CDU und Grünen atmet einen anderen Geist. Kinder und Jugendliche der zweiten, dritten oder gar vierten Generation wüchsen häufig mit einer Erstsprache auf, die im familiären Umfeld gesprochen werde. Diese „Bi- oder Mehrkulturalität“ solle als Normalität stärker anerkannt werden. „Der positive Umgang mit Mehrsprachigkeit kann daher als Brücke wirken. Wo Sprache wertgeschätzt wird, entstehen Dialogräume, in denen sich unterschiedliche Perspektiven begegnen und gegenseitig bereichern können“, heißt es im Antrag.

Deshalb wünschen sich die Koalitionäre auch eine Neuorganisation des herkunftssprachlichen Unterrichts. Nordrhein-Westfalen verfügt bereits mit 30 Sprachen über das bundesweit größte Angebot des sogenannten HSU. Es gibt hier sogar den bundesweit einzigen Lehramtsstudiengang im Fach Türkisch für die Sekundarstufe I und II.

In NRW haben etwa 44 Prozent aller Schüler Migrationshintergrund. Mehr als 53 der Kinder mit eigener Migrationserfahrung und knapp 49 Prozent ohne eigene Migrationserfahrung sprechen zu Hause mindestens eine weitere Sprache neben Deutsch. Mehrere Studien haben gezeigt, dass die Förderung der Erstsprache auch das Erlernen der Zweitsprache stärkt und dass gute Kenntnisse der Herkunftssprache mit besseren Lese- und Schreibfähigkeiten in der Zweitsprache Deutsch korrelieren.

„Die Landesregierung teilt das Ziel, Mehrsprachigkeit als wichtige Bildungsressource zu fördern“, erklärte das Schulministerium. Dass aber künftig mehr Unterricht in der Herkunftssprache erteilt oder gar Prüfungen nicht mehr auf Deutsch angelegt werden müssen, will man augenscheinlich unbedingt verhindern.

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