Frankfurt Neue Hoffnung im Kampf gegen Krebs: So nutzt Biontech seine Corona-Gewinne
Das Mainzer Unternehmen wurde in der Corona-Pandemie dank seines Impfstoffes weltberühmt. Die enormen Gewinne hat Biontech jetzt in die Krebsforschung investiert. Und das mit Erfolg: Die neuen Medikamente und Therapien stehen kurz vor der Zulassung.
In der Disziplin „Sprint“ hat Biontech seine Qualitäten unter Beweis gestellt: Im Rekordtempo hatten die Mainzer während der Corona-Pandemie einen Impfstoff entwickelt und als erstes Unternehmen weltweit zur Zulassung gebracht. Nun übt sich Biontech in der Disziplin „Marathon“ – es geht um die Entwicklung neuer Krebstherapien.
Dabei zehrt das Unternehmen allerdings bis heute von den Milliardengewinnen aus der Corona-Zeit. „Damit ist das Unternehmen in der Lage, seine eigentliche Forschung weiter zu finanzieren“, sagte Laetitia-Zarah Gerbes gegenüber ZDFheute. Sie ist Branchenanalystin beim Vermögensverwalter Acatis.
Die „eigentliche“ Forschung von Biontech – das ist die Entwicklung von Medikamenten und Therapien gegen Krebs, basierend vor allem auf der so genannten mRNA-Technologie. Diese neuartigen Technologien sollen dem Immunsystem von Patienten ermöglichen, Krebszellen zu erkennen und gezielt anzugreifen. Die beiden Unternehmensgründer Özlem Türeci und Ugur Sahin haben Biontech deswegen 2008 gegründet.
„Biontech hat sich bereits über die letzten Jahre eine enorm große Pipeline aufgebaut“, sagt Laetitia Gerbes. „Die haben insgesamt über 20 Medikamente, die sich bereits in Phase II oder Phase III der klinischen Studien befinden“ – also in sehr fortgeschrittenen Phasen. So will Biontech schon im kommenden Jahr mit ersten Krebsmedikamenten auf den Markt kommen. 2030 sollen dann mRNA-Therapien folgen.
Um diese Ziele besser erreichen zu können, haben die Mainzer vor wenigen Wochen eine Zusammenarbeit mit Bristol Myers Squibb unterzeichnet. Zusammen wollen sie den Wirkstoffkandidaten mit dem sperrigen Namen BNT327 weiter entwickeln und zur Zulassung bringen.
Der US-Konzern zahlt seinem deutschen Partner dabei bis zu rund 9,5 Milliarden Euro. So wollen sich beide Unternehmen die Entwicklungskosten teilen, später dann auch mögliche Gewinne. Anders als der Corona-Wirk- und Impfstoff wurde BNT327 aber nicht in Mainz, sondern in China entwickelt – bei einem Unternehmen namens Biotheus.
Ende 2024 haben die Mainzer die Chinesen für umgerechnet rund 867 Millionen Euro übernommen. „Es geht darum, die Immunantwort des menschlichen Körpers zielgerichtet zu initiieren“, so Pharma-Analyst Thomas Schiessle aus dem unabhängigen Analystenhaus equi.ts. „Dazu hat man sich Biotheus gekauft, denn die haben in dieser Richtung einige aussichtsreiche Kandidaten im Portfolio.“
Den letzten Coup gab Biontech Mitte Juni bekannt: Die Übernahme des Konkurrenten Curevac aus Tübingen. Sie soll die Position Biontechs im Bereich mRNA-basierter Krebsimmuntherapien stärken. Die Übernahme von Curevac hat für Biontech aber noch einen anderen Vorteil.
Laetitia Gerbes von Acatis: „Biontech bekommt Curevac nicht nur für einen Schnäppchenpreis. Sondern dadurch ist man in Mainz auch in der Lage, einen schon lange währenden Patentstreit aus dem Weg zu räumen. Bekanntermaßen wollte Curevac sich auch eine Scheibe vom Erfolg von Biontech abschneiden.“ Im Kampf um die Impfstoff-Entwicklung waren die beiden Konkurrenten aneinandergeraten: Curevac warf dem Mainzer Rivalen vor, Schutzrechte beim Covid-Impfstoff verletzt zu haben.
Im abgelaufenen Geschäftsquartal zeigt sich, was bildlich gesprochen die Umstellung von Sprint auf Marathon bedeutet: Während Biontech in den Corona-Jahren Milliardengewinne ausweisen konnte, fielen in den vergangenen drei Monaten Verluste in Höhe von rund 386 Millionen Euro an. Unter anderem die hohen Kosten für Forschung und Entwicklung schlagen ins Kontor.
Dabei ist das Ziel gesetzt: In Mainz versucht man mit langem Atem, den Vorsprung bei innovativen Krebstherapien zu halten oder möglichst noch auszubauen. Das soll in Zukunft dann ähnliche Erfolge bringen wie der Durchbruch während der Corona-Pandemie.