Tätowierer in Wiesmoor Jonas Baalmann bringt die Realität unter die Haut
Seit 15 Jahren gehört die Tätowiermaschine fest zum Leben von Jonas Baalmann. Dann zog er sich bei einem Unfall einen Trümmerbruch am Finger zu.
Wiesmoor - Ein Unfall hätte fast zunichte gemacht, woran Jonas Baalmann seit 15 Jahren arbeitet. Dem Tätowierer aus Wiesmoor gehört das Studio „Behind the Ink“. Mehrmals die Woche bringt der 29-Jährige Motive unter die Haut. Doch dann verletzt er sich bei einem Unfall an der Hand. Für einen Tätowierer, der täglich mit seinen Händen arbeitet, gibt es wohl kaum etwas Schlimmeres.
Trümmerbruch nach Fahrradunfall
„Ich habe schon alles gestochen“, sagt Baalmann. Noch vor einigen Jahren habe er Tattoos verschiedener Stile unter die Haut gebracht. Heute sticht der Tätowierer nur noch realistische Tattoos. Die Besonderheit: die fotorealistischen Motive und die sehr präzise Schattierung. „Bei realistischen Tattoos ist das Höchste, das man anstreben kann, das Foto“, erklärt Baalmann.
Im Juli 2025 gab es dann einen Umbruch. Baalmann ist leidenschaftlicher Rennradfahrer und ist in einer Kurve mit einem anderen Radfahrer zusammengestoßen. „Ich habe mir den rechten Mittelfinger zertrümmert“, sagt der 29-Jährige. Er sei zwar Linkshänder, seiner Arbeit hätte er trotzdem nicht nachkommen können. Er hätte seinen ganzen rechten Arm zur Stillhaltung des Fingers nicht benutzen können. Knapp vier Wochen war sein Studio in Wiesmoor geschlossen. „Es ist aber bisher kein Kunde abgesprungen“, sagt Baalmann. Das schätze er sehr. Statt Ärger über den verschobenen Termin habe er viel Unterstützung und Mitgefühl erfahren. Bei dem Treffen mit der Redaktion fällt die Verletzung auf den ersten Blick nicht auf. Die Hand schütteln kann Baalmann allerdings noch nicht. Zu unbeweglich ist der Finger.
Porträts und Cover-ups sind die Meisterklasse
Wochenlang nicht zu tätowieren, ist eine Umstellung: Baalmann tätowiert seitdem er 14 Jahre alt ist. „Ich habe mir mit einem Kumpel einen Koffer mit zwei Tattoo-Maschinen bestellt“, sagt er. Nach ein bisschen Übung habe der heute 29-Jährige dann angefangen, seine Kunst auf seinen Freunden zu verewigen. Manche der Motive gibt es heute noch. „Und andere habe ich mittlerweile gecovert“, sagt Baalmann.
Das bedeutet, dass alte Motive durch ein neues Motiv überstochen werden. „Tattoos zu covern, ist einer meiner Schwerpunkte“, sagt der Tätowierer. Das sei neben Porträts, die er auch viel sticht, „die absolute Meisterklasse“. Der Grund: Werden Tattoos überstochen, gibt es nur begrenzte Möglichkeiten. Das alte Motiv soll nicht mehr sichtbar sein. „Wenn ich mir mit einem Cover-Up nicht zu 100 Prozent sicher bin, mache ich es nicht“, sagt Baalmann.
Tätowieren nicht gelernt, sondern selbst beigebracht
Gelernt hat Baalmann sein Handwerk übrigens nicht. Er hat sich seit seiner Jugend alles selbst beigebracht. „Das ist die beste Schule“, ist sich der 29-Jährige sicher. „So konnte ich mich frei entfalten“, sagt er. Lerne man zu viel bei anderen Tätowierern, sei die Gefahr sehr groß, deren Stil zu adaptieren. Das wäre schade, denn in der Tattoo-Szene komme es auch auf Vielfalt an. „Für jeden Lebensstil gibt es den richtigen Tätowierer“, sagt Baalmann. Die meisten Kunden kommen bei Baalmann aus der Umgebung. „Vielleicht noch bis Oldenburg“, sagt er. Von viel weiter würden die Kunden nicht kommen, weil der Tattootermin dann auch mit Übernachtung und Hotelkosten verbunden wäre. „Ich hatte mal einen Kunden aus Berlin, aber das ist die Ausnahme“, sagt der 29-Jährige. Pro Woche hat Baalmann drei bis vier Kunden. Da er keine festen Öffnungszeiten hat, müssen Interessierte die Termine vorab online oder per Telefon vereinbaren. Er versuche dann möglichst schnell einen Termin für die Design-Besprechung zu vereinbaren. „Da nenne ich den Personen dann auch einen festen Preis für das Motiv“, sagt Baalmann. Dass die Terminvereinbarung so läuft, hat einen einfachen Grund: „Ich will keine Laufkundschaft“.
Ausgefallen Termine müssen aufgeholt werden
Wegen des zertrümmerten Mittelfingers und langer Krankheitsphase muss Baalmann in nächster Zeit deutlich mehr Termine wahrnehmen. Alle Termine aus den vergangenen vier Wochen müssen nachgeholt werden. „Ich habe meistens um 11 Uhr einen Termin, der bis 16 Uhr geht, und dann kommt noch ein zweiter Kunde“, sagt Baalmann. Das werde stressig. Normalerweise arbeite er ungerne so lange – um ausreichend Zeit mit seiner Frau und seinem zweieinhalb Jahre alten Sohn zu verbringen. „Da steckt man nicht drin, so einen Trümmerbruch sucht man sich nicht aus“, so der Tätowierer. Irgendwie müsse das Geld aber wieder reinkommen.
„Ich bin selbstständig, wenn ich nicht arbeite, dann nehme ich auch nichts ein“, sagt Baalmann. Die Zeit nach seinem Unfall sei schlimm gewesen. Für ihn und seine kleine Familie. Baalmann sei zwar versichert, aber der Unfall habe ihm die Augen geöffnet, sich noch besser aufzustellen. „Sonst hast du die Arschkarte“, sagt Baalmann.
Erste Stammkundin war schon wieder da
Während des Gesprächs deutet der 29-Jährige auf seine Unterarme. „Schau mal, der rechte Unterarm ist viel schmaler“, sagt er. Der Muskel sei völlig erschlafft, weil Baalmann seinen Arm wegen des verletzten Fingers lange Zeit stillhalten musste. „Das muss jetzt nach und nach aufgebaut werden“, sagt er. Seit Dienstag, 5. August 2025, ist Baalmann wieder in seinem Studio in Wiesmoor. Er greift auch wieder zur Tattoo-Maschine. Das funktioniere ziemlich gut. „Zum Glück habe ich mich an der rechten Hand verletzt“, sagt Baalmann. Er habe zwar noch Probleme mit der Beweglichkeit und könne die einzelnen Module an der Tattoo-Maschine nur schwer wechseln, aber beim Tätowieren habe der Linkshänder keine Probleme.
„Eine Stammkundin war schon da, der habe ich ein weiteres Tattoo auf dem Oberschenkel gestochen“, sagt Baalmann. Ab Ende August geht der 29-Jährige zur Ergotherapie. „Früher ging es nicht, weil es keine Termine gab“, sagt er. Das Ziel sei jetzt, 80 Prozent der vorherigen Beweglichkeit des rechten Mittelfingers wiederzubekommen. Damit auch künftig viele neue Tattoos in Wiesmoor gestochen werden können – und Baalmann ohne Einschränkungen seiner Leidenschaft nachgehen kann.
Volo-Projekt: Ausgesetzt in Wiesmoor
Dieser Artikel ist Teil des Projekts „Ausgesetzt in Wiesmoor“. Vom 3. bis 8. August 2025 waren Nachwuchsjournalisten dieser Zeitung in der Blumenstadt unterwegs. Ihr „Lager“ war der Campingplatz. Ihr Ziel: ganz nah an den Menschen, kreativ im Erzählen und offen für Unerwartetes sein. Täglich stellten sie sich neuen journalistischen Herausforderungen und berichteten multimedial auf allen Kanälen. Fragen oder Feedback gerne an c.hock@zgo.de.