Sydney  Deutschland geht leer aus: Australien vergibt Fregatten-Deal an Japan

Barbara Barkhausen
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Von Barbara Barkhausen
| 05.08.2025 19:15 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Lange buhlen Thyssenkrupp und Mitsubishi um den Milliardendeal mit Australien. Jetzt hat das Land eine Entscheidung getroffen. Foto: dpa/Bianca De Marchi
Lange buhlen Thyssenkrupp und Mitsubishi um den Milliardendeal mit Australien. Jetzt hat das Land eine Entscheidung getroffen. Foto: dpa/Bianca De Marchi
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Trotz starker Technologie und Industriepartnerschaften geht Deutschland beim australischen Rüstungsdeal leer aus: Australien vergibt den milliardenschweren Auftrag für neue Fregatten an Japan – wohl auch mit Unterstützung aus Washington.

Australien hat seine Wahl getroffen – und Deutschland bleibt erneut außen vor: Der japanische Schiffbauer Mitsubishi Heavy Industries (MHI) erhält den Zuschlag für den milliardenschweren Bau neuer Fregatten der australischen Marine. Damit verliert Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) nach monatelangem Werben erneut einen prestigeträchtigen Rüstungsauftrag im indopazifischen Raum. Für Berlin ist das eine bittere Nachricht – geopolitisch wie industriepolitisch.

Japan erhält den Zuschlag für das Projekt SEA3000, bei dem es um den Bau von elf Mehrzweckfregatten im Gesamtwert von rund zehn Milliarden australischen Dollar (umgerechnet etwa 5,6 Milliarden Euro) geht. Drei der Schiffe sollen in Japan gebaut werden, acht entstehen in Westaustralien. Ziel ist es, die alternde Anzac-Klasse rasch zu ersetzen und die Zeit bis zur Indienststellung der größeren Hunter-Klasse-Fregatten ab 2032 zu überbrücken.

„Das ist ein bedeutender Moment in den bilateralen Beziehungen zwischen Australien und Japan“, sagte der australische Verteidigungsminister Richard Marles. Es sei „die größte verteidigungsindustrielle Vereinbarung“, die jemals zwischen beiden Ländern geschlossen wurde – und einer der größten Rüstungsexporte Japans überhaupt.

Der Entscheidung war ein intensives Werben vorausgegangen. Beide Anbieter – TKMS mit dem deutschen Modell MEKO A-200, MHI mit der Mogami-Klasse – hatten ihre jeweiligen Stärken betont. Während das deutsche Unternehmen mit seiner Exporterfahrung, einem erprobten Partnersystem mit dem schwedischen Rüstungskonzern Saab und lokaler Industriekooperation punktete, setzte Japan auf technologische Innovation und politische Symbolkraft.

Die Mogami-Fregatten gelten als hochmodern: Sie verfügen über ein zentralisiertes Combat Information Centre, das viele Aufgaben automatisiert und die notwendige Besatzung von 120 auf etwa 90 reduziert – ein wichtiger Faktor für die personalgeplagte australische Marine. Zudem hat Tokio zugesagt, Australien prioritären Zugang zu den neuen Schiffen zu gewähren – vor der eigenen Marine. Die ersten Fregatten sollen laut Marles noch Ende dieses Jahrzehnts in Dienst gestellt werden – ein Zeitvorteil gegenüber der deutschen Lösung.

Die deutsche Niederlage überrascht aber insofern, als TKMS in den vergangenen Monaten gezielt Lücken im japanischen Angebot bespielt hatte. Besonders die Partnerschaft mit Saab, das die Kampfsysteme der meisten australischen Kriegsschiffe liefert, galt als taktischer Coup: Sie hätte es der australischen Marine ermöglicht, auf bewährte Technologie zu setzen. Auch der geplante Ausbau von Saab in Perth hätte lokale Arbeitsplätze gesichert – ein politisch gewichtiger Punkt. Doch trotz dieser Vorteile konnte sich TKMS nicht durchsetzen.

Die Entscheidung ist damit weniger ein technologisches, sondern vor allem ein geopolitisches Signal. „Wir haben sehr gute Beziehungen zu Deutschland“, hatte der frühere australische Premier Malcolm Turnbull bereits vor der Entscheidung in einem Briefing vor Journalisten gesagt, „aber Japan liegt natürlich in unserer Region“. Die strategische Beziehung zu Japan sei schlicht enger. Beide Länder arbeiten eng im Rahmen von Quad, AUKUS und anderen multilateralen Formaten zusammen. Auch die USA – ein weiterer Bündnispartner – sollen Japans Angebot laut Informationen des australischen Senders ABC deswegen unterstützt haben.

Auch Analysen politischer Beobachter lassen vermuten, dass Canberra bewusst strategische Loyalität über industrielle Synergien gestellt hat. Die Sicherheitsexperten Euan Graham und Justin Bassi von der Denkfabrik Australian Strategic Policy Institute (ASPI) hatten bereits im Vorfeld gewarnt, eine erneute Ablehnung japanischer Angebote – wie schon beim gescheiterten U-Boot-Deal 2016 – könne das bilaterale Vertrauen schwer beschädigen.

„Australien hat eine Geschichte darin, durch Entscheidungen bei großen Rüstungsprojekten bewährte internationale Partnerschaften zu beschädigen“, so Graham und Bassi. Der einstige Rückzug aus dem französischen U-Boot-Vertrag zugunsten des AUKUS-Pakts mit den USA und Großbritannien hallt bis heute nach. Deswegen warnten die Experten: Ein strategisches Eigentor werde die Geschichte in dieser angespannten Lage nicht verzeihen – und machten damit deutlich, dass langfristige politische Bindungen im Indopazifik mehr zählen als kurzfristige technologische Überlegenheit.

Für Deutschland ist das Ergebnis jedoch mehr als eine wirtschaftliche Enttäuschung – es wirft Fragen zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Rüstungsindustrie auf. Denn bereits 2016 hatte TKMS bei einem australischen Großauftrag für konventionelle U-Boote das Nachsehen gehabt. Und auch diesmal reichten Qualität, Erfahrung und Kooperation mit Saab nicht aus.

Besonders bitter: Während Tokio jahrzehntelang durch eine pazifistische Verfassung außenpolitisch gebunden war und kaum Rüstungsexporte tätigte, hat sich das Bild in den letzten Jahren grundlegend gewandelt. Die geopolitisch verschärfte Lage – mit China, Nordkorea und Russland als potenziellen Bedrohungen in nächster Nähe – hat Japans langjähriger Zurückhaltung nach dem Zweiten Weltkrieg ein Ende gesetzt. Seitdem drängt Tokio mit politischer Rückendeckung, staatlichen Agenturen wie ATLA und steigenden Verteidigungsausgaben zunehmend in internationale Rüstungsmärkte – und hat zumindest in diesem Fall Deutschland trotz seiner geringen Exporterfahrung ausgestochen.

Für Deutschland ist der verlorene Auftrag mehr als eine entgangene Exportchance – er zeigt, dass in sicherheitspolitisch sensiblen Regionen nicht nur Technik, sondern vor allem strategisches Vertrauen entscheidet. Ohne klare politische Flankierung scheint selbst ein starkes Industrieangebot aus Deutschland kaum durchsetzbar.

Diese Einsicht wächst auch in Berlin: „Wirtschafts- und Sicherheitspolitik gehören untrennbar zusammen“, erklärte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) jüngst bei einem Besuch des Rüstungskonzerns KNDS in Kassel – und räumte ein, dass man die Branche „möglicherweise zu wenig beachtet“ habe.

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