Wochenglosse  Und zwischen tausend Seiten keine Welt

Karin Lüppen
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Eine Kolumne von Karin Lüppen
| 02.08.2025 07:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
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Das Taschenbuch wurde jüngt 75 Jahre alt. Eine geniale Erfindung. Literatur wurde damit günstig – und wirklich nützlich für den Alltag. Eine Glosse.

Vor 75 Jahren wurde das Taschenbuch erfunden. Dieses Format hat die Literaturgeschichte vermutlich mehr beeinflusst als Goethe und Shakespeare zusammen. Handlich und flexibel ließen sich Romane leichter mitnehmen und lesen als schwer Leinenbände. Selbst literarische Schwergewichte passen in eine Handtasche, seltener jedoch in die Innentasche eines Jackets oder die Pobackentasche einer Jeans. Womit endlich das Rätsel gelöst ist, warum Frauen mehr lesen als Männer. Zwischen das Schlüsselbund, die Reservestrumpfhose, den Regenschirm und den Lippenstift lässt sich „Krieg und Frieden“ im Paperpack bequem hineinzwängen.

Ein Taschenbuch passt überall hin. Man zückt es im Wartezimmer beim Arzt ebenso wie im Zug. Wer seine Mitmenschen als intellektueller Misanthrop beeindrucken möchte, lässt in jedem Café eine fleckige Ausgabe von Beckett oder Kierkegaard liegen. Wer keinen Bock hat, die ganzen Bücher zu lesen, kann inzwischen Dienste beanspruchen, die Bücher maschinell malträtieren, dass sie gelesen aussehen. Da zahlt sich aus, dass Taschenbücher günstig sind. Außerdem sind Exemplare, die man kein zweites Mal lesen möchte, hilfreich im Alltag. Die Seiten kann man leicht herauslösen und Engel daraus falten. Der Grill lässt sich damit anzünden oder man stopft nasse Schuhe mit dem Papier aus. Aber bitte nicht den Flur mit dem „Herrn der Ringe“ tapezieren: Gäste verrenken sich beim Lesen den Hals und sind sauer, wenn die Schlacht um Helms Klamm am entscheidenden Punkt vom Türrahmen überdeckt wird.

Die Autorin erreichen Sie unter k.lueppen@zgo.de

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