Berlin  Würgt „Gas-Ministerin“ Katherina Reiche echt die Energiewende ab?

Tobias Schmidt
|
Von Tobias Schmidt
| 01.08.2025 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
„Die Kosten müssen runter!“, statt: „Die Emissionen müssen runter!“ – Katherina Reiche will die Energiewende neu aufsetzen. Es steht verdammt viel auf dem Spiel. Foto: IMAGO/Metodi Popow
„Die Kosten müssen runter!“, statt: „Die Emissionen müssen runter!“ – Katherina Reiche will die Energiewende neu aufsetzen. Es steht verdammt viel auf dem Spiel. Foto: IMAGO/Metodi Popow
Artikel teilen:

Eine grüne Energie- und Klimapolitik führt zur Deindustrialisierung Deutschlands. Das war der Vorwurf gegen Robert Habeck. Seine Nachfolgerin Katherina Reiche will es anders machen. Fragt sich nur, wie.

Seit knapp drei Monaten ist CDU-Frau Katherina Reiche Wirtschafts- und Energieministerin. Zu ihren drängendsten Aufgaben zählt eine „Korrektur“ der Habeck‘schen Energiewende. Aber die Sorgen wachsen, Reiche schade durch ein „Rollback“ am Ende nicht nur dem Klima, sondern auch dem Standort.

Die Reiche-Devise ist klar. Aus: „Die Emissionen müssen runter!“, wurde: „Die Kosten müssen runter!“ Robert Habecks Masterplan stammte von dem grünen Think-Tank Agora Energiewende. Reiche hat die wirtschaftsnahe Beratungsfirma BET mit einer neuen Analyse beauftragt. Nun hagelt es Attacken von der anderen Seite: Als „Gas-Ministerin“ wird Reiche bezeichnet, die den Klimaschutz über Bord werfe und neue (und teure) Abhängigkeiten schaffe.

Tja, wer hat recht? Wir haben bei Energiewende-Managern und Experten nachgefragt.

Reiche will Gas-Kapazitäten von rund 20 Gigawatt schaffen, fast doppelt so viel wie Habeck. Die ersten Kraftwerke für 5-10 GW sollen noch dieses Jahr ausgeschrieben werden, vor allem für Süddeutschland. Eine verpflichtende Umstellung auf Wasserstoffbetrieb ist nicht vorgesehen.

Dass es neue Gaskraftwerke braucht, um ohne Kohle und Atomkraft Strom zu erzeugen, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht, ist unbestritten. Auch, dass die Zeit drängt.

„Es stellt sich aber die Frage, wie viel Backup-Kapazität langfristig tatsächlich erforderlich ist und welche zusätzlichen Kosten durch die Umstellung auf einen klimaneutralen Betrieb entstehen, wenn diese Anforderungen nicht bereits heute berücksichtigt werden“, sagt Karen Pittel, Energieexpertin vom marktwirtschaftlich orientierten ifo Institut in München. Da klingt große Skepsis durch. Pittels Auftrag an Reiche: Wie teuer das Umrüsten auf Wasserstoff oder aufs Abscheiden und Speichern von CO2 in Gaskraftwerken wird, „muss auf jeden Fall mitgedacht werden“.

Auch Kerstin Andreae, Chefin des Bundesverbandes für Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), hält den zeitnahen Zubau neuer, auf Wasserstoff umrüstbarer Gaskraftwerke für notwendig. Sie nennt aber auch Speicher, Anlagen zur Kraft-Wärme-Kopplung und eine stärkere Ausrichtung des Verbrauchs an der Verfügbarkeit erneuerbarer Energie als Wege.

Und sie fordert: „Ein größerer Teil des vorhandenen Gasnetzes sollte zu Wasserstoffnetzen umgewidmet werden.“ Denn es wachsen die Zweifel, dass in den 30er Jahren genug Wasserstoff produziert und importiert werden kann, um Gas zu ersetzten. „Wir brauchen auch hier entsprechende politische Weichenstellungen.“

„Stromerzeugung aus Erdgas ist aktuell eine der teuersten Optionen. Je weniger sie in normalen Zeiten zum Einsatz kommen muss, desto günstiger der Strompreis“, sagt Karen Pittel vom ifo. „Entsprechend sollte der Ausbau der Erdgaskapazitäten nicht auf Kosten des Ausbaus Erneuerbarer gehen.“

So sieht es auch Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes (UBA): „Wenn wir jetzt eine Schieflage schaffen, zu viele Gas-Kapazitäten aufbauen und dafür bei Netzen und Speichern bremsen, stellen wir die Weichen auf Rekarbonisierung“, sagt er. „Davor warne ich nicht nur aus Klimaschutzgründen, denn das würde die Energiekosten wegen der absehbar steigenden CO2-Bepreisung mittelfristig in die Höhe treiben.“

Entscheidend ist die optimale Abstimmung. Denn was auch gilt, wie Pittel warnt: Fehlt bei Dunkelflauten Strom aus heimischen Gaskraftwerken, „kann der Strompreis massiv ansteigen“.

Die Kostenfrage stellt sich natürlich auch bei den LNG-Terminals an unseren Küsten. Werden die nicht ausreichend genutzt, „kann das zu überhöhten Kosten führen“, sagt die ifo-Fachfrau. LNG-Importkapazitäten erfüllten aber auch eine Art Versicherungsfunktion, über die der Import von Gas auch möglich ist, wenn beispielsweise Pipelines nicht einsatzfähig sind. „Hier ist die Frage, wie viel wir für diese Option zu zahlen bereit sind.“

BDEW-Chefin Kerstin Andreae stimmt zu: „Auch wenn die Kapazitäten der LNG-Terminals derzeit nicht vollständig ausgeschöpft werden, sind die Terminals ein wichtiger Baustein für eine unabhängige und sichere Energieversorgung in Deutschland und ein Beitrag zur europäischen Solidarität“, sagt sie. „Über diese Terminals können LNG-Mengen auch etwa in Richtung Südosteuropa fließen.“

Katherina Reiche will die Produzenten erneuerbarer Energien an den Kosten für den Netzausbau beteiligen. Das soll die Preise für Industrie und Privatverbraucher senken und verhindern, dass mehr Grünstrom erzeugt als gebraucht wird.

Kerstin Andreae sieht die Reiche-Pläne mit großen Sorgen. Ihr erster Einwand: „Einspeiseentgelte könnten durch die zusätzliche Belastung der Erzeuger den weiteren Ausbau der Erneuerbaren Energien gefährden und würden zu einer Schlechterstellung der inländischen Erzeugung im europäischen Stromhandel führen.“ Ob einmalig zu zahlende Baukostenzuschüsse eine gewünschte Lenkungswirkung erzielt, sei ebenfalls fraglich.

Einwand Nummer zwei: Die Einführung von Einspeiseentgelten für Grünstromproduzenten „würde nur zu einer Umverteilung der Kosten hin zu höheren Strompreisen führen“.

Und auch Ökonomin Pittel mahnt: Zwar gebe es aus volkswirtschaftlicher Sicht durchaus Gründe für eine verstärkte Gleichstellung erneuerbarer Energien mit herkömmlichen Technologien. „Wie überall ist dabei allerdings Augenmaß gefordert, um den notwendigen Ausbau der Erneuerbaren nicht abzuwürgen.“

Stefan Kapferer, CEO des Übertragungsnetzbetreibers 50 Hertz, gibt allerdings Folgendes zu bedenken: „In den ersten Monaten des Jahres 2025 gab es fast 400 Stunden mit negativen Strompreisen, mehr als viermal so viel wie noch vor zwei Jahren“, sagt er.

Die Direktvermarkter von Strom reagierten zwar immer häufiger darauf und regelten insbesondere große PV-Parks ab. Aber das Problem sei weiterhin „der ungebremste Zubau kleinerer Photovoltaikanlagen auf Gebäuden“, für die die Betreiber eine feste Einspeisevergütung erhalten, auch wenn niemand den Strom kaufen will und der Preis ins Minus rutscht. „Das verursachte auf dem EEG-Konto in diesem Jahr bereits 130 Millionen Euro Verlust, für die die Allgemeinheit über den Bundeshaushalt haftet.“

Der Manager zieht diese Schlussfolgerung: „Der Ausbau der Photovoltaik sollte entschleunigt und mit dem Ausbau der Windkraft, der Übertragungs- und Verteilnetze sowie von flexiblen Lasten wie Batteriespeichern synchronisiert werden.“

Deutschland ist zwar keine Planwirtschaft. Aber für die richtigen Weichenstellungen bei der Energiewende braucht es möglichst korrekte Annahmen, wie viel Strom in Zukunft tatsächlich gebraucht wird. Und genau diese soll der Monitoring-Bericht liefern, an dem die Beratungsfirma BET mit Unterstützung des Energiewirtschaftlichen Instituts der Uni Köln (EWI) gerade sitzt.

Der Verdacht, der im Raum steht: BET und EWI sollen einen geringeren Strombedarf ermitteln, damit beim Ausbau von Wind- und Sonnenkraft gebremst und beim Ausbau der Netze gespart werden kann.

„Das Szenario“, so ifo-Ökonomin Karen Pittel, „könnte nicht nur den Strompreis erhöhen, sondern auch die Erreichung der Klimaziele bis Mitte des Jahrhunderts gefährden.“ Um solchen Diskussionen vorzubeugen, wäre es sinnvoll gewesen, zwei Institutionen mit den Modellrechnungen und Prognosen zu beauftragen, sagt Pittel. „Die verwendeten Modelle weisen durchaus Unterschiede auf, was die Ergebnisse variieren lassen kann.“ Und die Ergebnisse sind kritisch für den weiteren Verlauf der Energiewende.

Dessen ungeachtet erwartet die Spezialistin, dass die BET-EWI-Prognose „zumindest in der kurzen und mittleren Frist niedriger ausfallen wird“. Tatsächlich ist der Strombedarf über die letzten Jahre hinweg wider Erwarten leicht gesunken, unter anderem, weil die Leute weniger E-Autos kaufen und Wärmepumpen einbauen als von der Politik erhofft. In der langen Frist gibt es noch mehr Unsicherheiten, beispielsweise über die Entwicklung des Industriestandorts und die Energieeffizienz.

Pittel sagt: „Die Aktualisierung der Szenarien kann zwar helfen, in den kommenden Jahren Einsparungen zu realisieren und auch die benötigten Kapazitäten an Gaskraftwerken besser abzuschätzen. Dabei sollte allerdings mit Augenmaß vorgegangen werden, damit der Umbau des Energiesektor am Ende nicht die Transformation anderer Sektoren verzögert.“

Auch hier hört sich Manager Stefan Kapferer ganz anders an: „50 Hertz hat im vergangenen Jahr eine Studie mit alternativen Stromverbrauchsszenarien bei e.venture in Auftrag gegeben, in der eine langsamere Elektrifizierung im Verkehrswesen und in der Gebäudewirtschaft auf Basis realer Entwicklungen angenommen wurde als in den Szenarien des Netzentwicklungsplans“, berichtet er.

Und weiter: „E.venture hat damals Kosteneinsparungen in der Größenordnung 66 bis 76 Mrd. Euro bis 2045 für möglich gehalten.“ Und da es weder bei E-Autos noch bei Wärmepumpen noch bei der industriellen Stromnachfrage seither eine Trendwende gegeben habe, erscheine dieses Szenario immer realistischer. Seine Vermutung: „Die Berechnungen von e.venture werden sicherlich im BET-EWI-Bericht berücksichtigt.“

Dass es neue Gaskraftwerke UND eine Neujustierung beim Ausbau der erneuerbaren Energien und der Netze braucht, da sind sich eigentlich befragten Experten einig. Mit welchem Tempo und zu welchem Anteil grüner Strom Deutschlands Energiehunger stillen kann, darüber wird wieder erbittert gerungen.

Und ob Katherina Reiche wirklich auf die besten Lösungen setzen wird, daran gibt es Zweifel. Ein Gas-Revival und Verzögerungen beim Umbau der Energieversorgung könnten Deutschland am Ende jedenfalls teu(r)er zu stehen kommen. Im September wird das Ergebnis der neuen Strombedarfs-Prognose erwartet. Dann wird die Diskussion hochkochen. Im Herbst müssen Entscheidungen fallen.

Das Schlusswort hat BDEW-Chefin Kerstin Andreae. „Unternehmen investieren nur dann nachhaltig in neue Technologien, Infrastruktur und Geschäftsmodelle, wenn politische Ziele klar formuliert, langfristig verlässlich und mit geeigneten regulatorischen Instrumenten unterlegt sind“, sagte sie, und appelliert an die Politik, „für diese Klarheit und Stabilität zu sorgen“. Denn, so Andreae: „‚Energiewende‘ heißt nicht ‚Energie‘ und ‚immer-wieder-Wende‘.“

Ähnliche Artikel