Osnabrück Wie steht es um die Medienvielfalt in Deutschland, Herr Kluge?
Angesichts wachsender Verbreitung zweifelhafter Inhalte im Netz und der Macht digitaler Plattform-Gigangten im KI-Zeitalter bricht Manfred Kluge, Mitbegründer der „Initiative 18“, im Interview eine Lanze für seriösen Journalismus.
Die Widerstandskraft der Gesellschaft gegen die manipulative Kraft von Desinformation zu stärken, das ist das Anliegen von Manfred Kluge. Gemeinsam mit Gleichgesinnten aus der Werbe- und Medienbranche hat der Chairman des Kommunikationsdienstleisters Omnicom Media Group die „Initaitive 18“ für Medienviefalt gegründet. Sie macht sich für seriösen Qualitätsjournalismus als Gegenpol zu Fake News auf Social Media stark.
Warum Unternehmen sich genau überlegen sollten, in welchem Umfeld sie Werbung schalten, und warum Zeitungsabonnements von der Steuer absetzbar sein sollten, erläutert Kluge im Gespräch.
Frage: Herr Kluge, die von Ihnen mitgegründete „Initiative 18“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Vielfalt und Unabhängigkeit der Medien zu bewahren und zu stärken. Warum ist eine solche Initiative in Deutschland nötig?
Antwort: Wir erleben seit Jahren die Verbreitung einer Welle von schädlichen Inhalten primär über soziale Medien, deren Auswirkungen mitunter katastrophal sind, weil sie die Gesellschaft spalten – von gezielter Desinformation über Hetze und Mobbing bis hin zur versuchten Manipulation von Wahlen durch ausländische Bots und Trolle. Anfang des Jahres wurde zum Beispiel aufgedeckt, dass es auf der Plattform „X“ rund 50.000 Fake-Accounts gab, die nichts anderes gemacht haben, als die Regierungsarbeit der Ampel zu diskreditieren. Vor so einem Hintergrund braucht es vertrauenswürdige Medien als Korrektiv, sie sind ein wichtiger Bestandteil einer funktionierenden Demokratie.
Frage: Erweisen sich die Algorithmen und Geschäftspraktiken von Plattformgiganten wie Alphabet, Amazon, Facebook, Google, Meta, Microsoft und X als zunehmend demokratiegefährdend?
Antwort: Ich würde von einer Entdemokratisierung des Netzes sprechen, weil ganz wenige Player sehr, sehr viel der Internetnutzung kontrollieren. Und das hat zwei Auswirkungen. Das eine ist: Vertrauenswürdige journalistische Inhalte sind nicht mehr so gut aufzufinden und im Zweifel weniger stark nachgefragt. Es ist ja kein Geheimnis, dass die Algorithmen intransparent sind und darüber entscheiden, welche Inhalte an die Nutzer ausgespielt werden – und das immer mit der Intention, die Werbeeinnahmen zu maximieren. Wobei wir bei der zweiten Dimension wären: Mittlerweile gehen mehr als die Hälfte aller Werbeaufwendungen von Unternehmen in Deutschland an die Plattform-Giganten. Und damit wird die deutsche Medienlandschaft geschwächt, weil seriöser Journalismus indirekt auch durch Werbeeinnahmen finanziert wird.
Antwort: Also droht eine wichtige Finanzierungsgrundlage für seriösen Journalismus verloren zu gehen?
Antwort: Der Druck ist zumindest enorm und wächst stetig. In den USA sehen wir inzwischen ein massenhaftes Sterben von Lokalzeitungen. Dabei spielt gerade der Lokaljournalismus eine zentrale Rolle für den Erhalt unserer Demokratie. Wenn die Bürger Selbstwirksamkeit erleben, dann doch auf lokaler und regionaler Ebene. Am Ende des Tages dient Lokaljournalismus als Seismograf dafür, was Menschen wirklich bewegt, und hat auch die Reichweite und die Wucht, die Politik darauf aufmerksam zu machen, was relevant für die Menschen ist.
Frage: Sie wollen also Unternehmen stärker in die Pflicht nehmen, dort Werbung zu schalten, wo keine schädlichen Inhalte verbreitet werden – klingt das nicht ein bisschen nach Inhalte-Polizei?
Antwort: Wir maßen uns nicht an, diejenigen zu sein, die über gute oder schlechte Inhalte entscheiden. Es gibt aber doch klare Regeln für einen ethischen Journalismus, der eben unterscheidet zwischen Information und Meinung, der eine saubere Recherche als Grundlage hat. Darauf beziehen wir uns. Und es geht auch nicht darum, dass nur eine Meinung der Mitte transportiert werden darf. Wir glauben daran, dass man das ganze Bild braucht, um sich eine Meinung zu bilden. Wenn es darum geht, nachweisbar darauf hinzuweisen, dass Behauptungen einfach nicht der Wahrheit entsprechen, dann hat das aber nichts mit Zensur zu tun, sondern dient der Orientierung der Mediennutzer
Frage: Fürchten Sie, dass die Gesellschaft im Zeitalter Künstlicher Intelligenz und damit möglicher inhaltlicher Manipulationen die Fähigkeit verliert, Fälschungen von Fakten zu unterscheiden?
Antwort: Diese Gefahr ist real. Schließlich haben sich Versuche etabliert, über diese Art der Technologie Beeinflussungen vorzunehmen und dafür zu sorgen, dass es zu Polarisierung oder gar Spaltung von Gesellschaft kommt. Eine Studie des Weltwirtschaftsforums kam zuletzt zu dem Schluss, dass Desinformation das größte globale Risiko für unseren Planeten darstellt, größer noch als die Klimakatastrophe. Viele Bürger haben ja durchaus das Gefühl, dass Inhalte, die über die sozialen Medien transportiert werden, für unsere Gesellschaft, für unsere Demokratie nicht förderlich sind. Diese Menschen verstehen anscheinend, dass sie Inhalte mit äußerster Vorsicht genießen müssen.
Frage: Klingt das nicht einem recht pauschalen Bashing der digitalen Plattformen?
Antwort: Nein, das ist es nicht. Ich bin sehr dankbar, dass wir heute Möglichkeiten der Kommunikation haben, die es vorher nicht gab. Und dass es auch Inhalte gibt, die durchaus hilfreich sind. Gerade weil die sozialen Medien ihre Inhalte durch Werbung kapitalisieren, tragen sie aber auch eine besondere Verantwortung für diese Inhalte. Dieser werden sie oft nicht gerecht. Dafür möchten wir sensibilisieren. Tatsächlich zeigen Studien, dass viele Menschen seriösen, nationalen Medienhäuser weiterhin deutlich mehr Vertrauen entgegenbringen als den sozialen Medien.
Frage: Sollte der Gesetzgeber Medienvielfalt unterstützen oder sich besser heraushalten?
Antwort: Das Bekenntnis zur Stärkung von Medienvielfalt zur Stärkung des demokratischen Systems hat es in den Koalitionsvertrag der schwarz-roten Bundesregierung geschafft. Und das ist gut so. Es geht explizit darum, gegen Desinformation anzukämpfen. Und dazu gehören Rahmenbedingungen, die Qualitätsmedien im Wettbewerb mit den Plattformen ein gleichberechtigtes Spielfeld garantieren. Das sollte die Regierung durchaus als Arbeitsauftrag verstehen. Den Vorschlag von Kulturstaatsminister Weimer für einen „Plattform Soli“, also eine Abgabe der digitalen Plattformen, für die Stärkung von unabhängigem Journalismus, halte ich für einen guten Ansatz – zumal ja alle wissen, dass die Digitalgiganten in Deutschland so gut wie keine Steuern zahlen.
Frage: Wie stehen Sie zur Debatte, Qualitätsmedien von der Mehrwertsteuer zu befreien?
Antwort: Wenn die dadurch erzielten Einnahmen gezielt in Maßnahmen investiert werden, die dazu führen, dass seriöser Journalismus auch für die Zukunft seine Relevanz behält, dass er sich in die digitale Welt transformiert, unterstütze ich das. Ich möchte vor allem aber noch einen anderen Vorschlag machen: Wie wäre es, wenn jeder Abonnent und jede Abonnentin das Zeitungsabo als eine Art Weiterbildung im Sinne von seriöser Meinungsbildung und Medienkompetenz von der Steuer absetzen könnte? Da hätten wir, glaube ich, einen sehr smarten Anreiz.
Frage: Sehen Sie auch den Journalismus in der Pflicht?
Antwort: Das Vertrauen und die Glaubwürdigkeit von Qualitätsmedien haben in den vergangenen Jahren gelitten, das ist auch dem von Rechtsextremen verbreiteten Narrativ der „Lügenpresse“ geschuldet. Zur Wahrheit gehört indes auch, dass Journalismus sich weiterentwickeln muss. Am Ende hat es immer mit Relevanz zu tun, wofür der Bürger sein Geld ausgeben möchte. Seriöser Journalismus darf sich nicht in der Verstärkung schlechter Nachrichten erschöpfen. Deshalb halte ich einen zuhörenden, lösungsorientierten und unterstützenden Journalismus für unerlässlich, der für Zuversicht steht, der die Themen der Menschen aufgreift, der ihnen Mut macht, etwas bewegen zu können. Da fühle ich mich persönlich als Leser abgeholt. Ein Journalismus, der diesen Merkmalen genügt, wird auch erfolgreich sein.