Osnabrück  Elena Uhlig übers Altern, Männerwitze und warum sie ihre beste Freundin siezt

Anika Sterna
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Von Anika Sterna
| 08.08.2025 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Elena Uhlig spricht im Interview übers Altern: „Jetzt habe ich die Weisheit mit Löffeln gegessen.“ Foto: IMAGO/Bildagentur Monn
Elena Uhlig spricht im Interview übers Altern: „Jetzt habe ich die Weisheit mit Löffeln gegessen.“ Foto: IMAGO/Bildagentur Monn
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Elena Uhlig findet: Mit 50 hat sie die Weisheit mit Löffeln gegessen. Im Interview spricht die Schauspielerin über Endzeitstimmung in der Menopause und erklärt, wie Fruchtbarkeit mit Sichtbarkeit zusammenhängt und warum sie ihre beste Freundin siezt.

Im Fernsehen war Elena Uhlig TV-Kommissarin, auf Instagram gibt sie sich als gute Freundin, mit der man zusammen Haare färbt und über Falten diskutiert. Jetzt hat sie zu ihrem 50. Geburtstag ein Buch veröffentlicht: „50 ist kein Tempolimit“. Im Interview spricht sie übers Altern in Würde und verrät, warum sie keine 20 mehr sein möchte und trotzdem Angst vorm Altern hat.

Frage: Frau Uhlig, es soll ja Schauspieler geben, die ihr Alter geheim halten – Ihres steht in großen Buchstaben im Titel Ihres neuen Buches. Haben Sie es je bereut, Ihr Alter nicht für sich zu behalten?

Antwort: Nein, ich habe noch nie mein Alter versteckt oder mich jünger gemacht. 

Frage: Haben Sie also keine Angst vorm Älterwerden?

Antwort: Natürlich habe ich Angst vorm Altern. Das Altern kommt ganz plötzlich. Plötzlich stehen Sie da, gucken in den Spiegel und denken: Jetzt sind sie da, die Falten. Jetzt bin ich alt. Dann bemerkt man auf einmal auch seine eigene Vergänglichkeit. Es gibt eine Phase im Leben, in der einfach alles möglich ist. Und dann gibt es eine Phase, in der eben nicht mehr alles möglich ist. Ich habe vier Kinder, ich werde keine Kinder mehr kriegen – aber ich könnte auch nicht mehr, wenn ich noch wollte, weil es körperlich nicht mehr möglich ist. Als Frau in der Menopause verliert man seine Fruchtbarkeit und seine Sichtbarkeit und damit auch einen Teil der Identität. Wenn das alles auf einmal wegfällt, fragt man sich erst mal: Wer bin ich jetzt? Und was bin ich jetzt? Das hat eine gewisse Endzeitstimmung.

Frage: Also denken Sie Fruchtbarkeit und Sichtbarkeit sind miteinander verbunden?

Antwort: Ja. Und ich glaube, wir müssen aufhören, sie miteinander zu verbinden. Sie sehen es im Fernsehen: Wann sind die Hauptrollen die Hauptrollen? In dem Moment, wo sie noch fruchtbar sind, wo man den Prinzen noch treffen kann, noch Kinder kriegen kann – wo das alles, diese vermeintliche Vollendung des Glücks, noch möglich ist. Ich finde es im übrigen auch sehr schade, dass wir immer irgendwie unzufrieden mit unserem Körper sind. Mit 30 Jahren sind Sie in der Blüte Ihres Körpers. Seien Sie nett zu dem und leben Sie den. Irgendwann sind Sie 50, dann ist das nicht mehr so. Mit 50 blickt man sehnsüchtig zurück und fragt sich, warum man so hart mit sich selber war. Aber man muss das Leben vorwärts leben, auch wenn man es erst rückwärts versteht.

Frage: Was hilft gegen diese Endzeitstimmung?

Antwort: Ich glaube, wenn man dem Altern offen entgegentritt und einfach sagt „jetzt ist das halt so“, wird’s einfacher. Ja, mein Körper ist nicht mehr 30, der ist nicht mehr so agil, aber ich kann trotzdem noch lustige Videos machen. Ich hab ja nun auch eine ältere Zielgruppe und ich erlebe immer wieder, dass sich viele unsichtbar fühlen. Viele fühlen sich nicht mehr gesehen, sie haben das Gefühl, dass sie nicht mehr stattfinden. Denen möchte ich sagen: „Doch, du findest noch statt. Guck, welche Stärken du hast, was ein Leben du führst – mit allen Höhen und Tiefen.“ Ich würde nicht nochmal 20 sein wollen – um Gottes willen.

Frage: Finden Sie, dass Sie unsichtbar sind?

Antwort: Nein, im Gegenteil. Ich bin so sichtbar wie nie. Da bin ich Social Media unendlich dankbar, weil ich dort meinen eigenen Sender habe. Da kann ich bestimmen, was ich ausstrahle.

Frage: Auf Instagram und auch in Ihrem Buch sprechen Sie über Gewicht, Verdauung, Falten – Themen, die man sonst eher in der Drogerie statt der Literatur erwartet. Was braucht es, damit mehr Frauen darüber sprechen?

Antwort: Die gute Freundin. Und ich sehe mich auch auf Instagram als diese gute Freundin. Gestern hatte ich zum Beispiel Haarzeit – da färbe ich mir live die Haare. Das Schöne ist, dass inzwischen wirklich viele mitmachen. Haarefärben ist ja per se etwas sehr Langweiliges. Aber in Gesellschaft macht alles einfach mehr Spaß. Dann kann man gemeinsam lachen und gemeinsam philosophieren.

Frage: Sie zeigen sich dort mit persönlichen Themen. Was zeigen Sie nicht, weil es zu privat ist?

Antwort: Sie sehen mich persönlich, aber nicht privat. Wenn ich über Gesundheit spreche, ist das etwas Persönliches. Ich habe auch kein Problem damit, Schwächen zu zeigen – das muss auch nicht privat bleiben. Aber meine Wohnung, meine Kinder bleiben privat. Mein Mann – Herr Karl – taucht nur in der Funktion als Schauspieler oder bei Lesungen auf. Den habe ich für meine Reels quasi eingekauft – wird nur sehr schlecht bezahlt (lacht).

Elena Uhlig mit ihrem Mann „Herr Karl“:

Frage: Ihren Mann nennen Sie Herr Karl, Ihre beste Freundin siezen Sie und nennen sie Frau Ü. – woher kommt das?

Antwort: Frau Ü. ist wahnsinnig belesen und wahnsinnig eloquent. Wir haben es auch schon immer geliebt, mit Sprache zu spielen – das haben wir schon immer gemacht. Als wir uns mit Anfang 20 kennenlernten, haben wir schon begonnen, mit alter Sprache zu spielen, uns da herauszufordern und diese gewisse Eloquenz hochzuhalten. Wir haben das kultiviert. Wenn Frau Ü. mich nicht mehr mit „werte Frau Uhlig“ anspricht, sondern „Elena“ sagt und mich duzt, dann weiß ich: Jetzt ist es ernst (lacht). Und mit meinem Mann … das ist einfach unser Humor. Ich finde das schön. 

Frage: Sie haben mal gesagt, bei Film und Fernsehen liebt Deutschland Mord und Krimi mehr als Humor. Was war denn der letzte Film, bei dem Sie von Herzen gelacht haben?

Antwort: Oh. Gute Frage (Pause). Bei den ganzen englischen Filmen wie „Brassed Off – Mit Pauken und Trompeten“. Die Engländer haben einen wahnsinnig tollen Humor. Aber es gibt auch ganz tolle französische Filme. Bei „Ziemlich beste Freunde“ zum Beispiel gab es auch Momente, wo ich in der Traurigkeit, in dem Drama wirklich lachen konnte. Wenn Filme es schaffen, in einem berührenden und ernsten Thema doch den Humor zu behalten … das brauchen wir mehr. Das sehe ich auch als Schauspielerin. Mit Komödien gewinnt man keine Preise, sondern mit Dramen. Aber Dramen sind wahnsinnig anstrengend zu spielen. Komödien tun der Seele gut. Ich finde, etwas zu spielen, was der Seele guttut, ist wichtiger als das große Drama mit Auszeichnungspotenzial.

Frage: Humor also als Schutzmechanismus?

Antwort: Auf jeden Fall. Humor ist eine Haltungssache. Humor rettet uns alle. Wenn ich nicht versuche, das Leben mit Humor zu nehmen, würde ich in Depression verfallen.

Frage: Wo sind die Grenzen?

Antwort: Da, wo es verletzend wird. Über Menschen, die sich wehtun oder bloßgestellt werden, kann ich nicht lachen. Wenn man jemanden hereinlegen will, dann nicht mit Schadenfreude, sondern mit Absurdem. Am 1. April hat meine Mutter mir dieses Jahr erzählt, man müsse pro E-Mail bald drei Cent bezahlen. Das war lustig, weil ich so perplex war. Die Vorstellung war so absurd. Aber Leute bloßstellen finde ich ganz schrecklich. Ich mag keine Pranks.

Frage: Sie wurden als junge Schauspielerin selber Opfer eines solchen Pranks …

Antwort: Das war 2001 für „Verstehen Sie Spaß“. Ich hatte ein Drehangebot für die ARD-Serie „In aller Freundschaft.“ Geplant war auch eine Bettszene mit Holger Daemgen, der Dr. Kreutzer spielte. Ich war Anfängerin, hatte so eine Szene noch nie gespielt und war schrecklich nervös. Aber mir wurde versichert, ich müsste keine nackten Brüste zeigen. Und Holger war auch ein sehr netter und rücksichtsvoller Kollege. Aber sobald ich am Set war, rief der Regisseur mir zu, das Hemd müsse aber aus und ich solle mich nicht so anstellen, ich hätte doch einen vorzeigbaren Körper und „sex sells“. Ich war am Rande eines Nervenzusammenbruchs, weinte, meine Knie zitterten …

Frage: Der Witz sollte sein, dass eine Art Übergriff auf Sie inszeniert wurde und Sie waren nicht mal eingeweiht?

Antwort: Genau. Hereingelegt werden sollte Holger Daemgen, aber vorgeführt wurde ich. Ich sage mal so: Das ist ein Prank, den sich keine Frau ausgedacht hat. 

Frage: Sie berichten von verschiedenen solcher Situationen – da war zum Beispiel der Mann, der sagte, sein Hund gehorche besser als seine Frau. Haben Sie inzwischen für solche Fälle Sprüche parat, mit denen Sie kontern können?

Antwort: Ich war vor vielen Jahren mit meiner Mutter unterwegs, als uns genau das Gleiche passierte. Ein älterer Mann, der sagte, sein Hund gehorche besser als seine Frau. Meine Mutter sagte damals „Die Macht der Schwänze hat ihre Grenze“. Das hätte ich, als mir das kürzlich erneut passierte, auch sagen sollen. Aber ich verliere in solchen Momenten immer noch die Sprache. Man muss das ja auch erst mal verarbeiten. Viele Männer machen gerne so komische, chauvinistische, übergriffige Witze, die wirklich gar nicht witzig sind. So was habe ich mit Frauen wirklich noch nie erlebt. 

Frage: Was bedeutet für Sie weibliche Solidarität?

Antwort: Sehr viel. Ich bin mit meiner Mutter und Großmutter aufgewachsen, meine Freundinnen waren wie Schwestern für mich. Man braucht keinen Mann, um ein gutes Leben zu führen, aber man braucht andere Frauen. Ich komme aus einem Frauenhaushalt von Frauen, die gesagt haben, „Ich lasse mir nicht alles bieten“. Und das zu einer Zeit, wo es die #MeToo-Bewegung noch nicht gab. Das hat mich zu der Frau gemacht, die ich heute bin. Wenn man sagt, Frauen seien das schwächere Geschlecht, dann stimmt das nur rein körperlich. Aber deshalb müssen Frauen sich auch anders schützen – indem sie nachts zum Beispiel nicht zu Fuß allein nach Hause gehen, sondern mit dem Taxi fahren. 

Frage: Sie sind durch und durch Feministin …

Antwort: Ja (lacht).

Frage: … aber Hand aufs Herz, Frau Uhlig: Gibt es nicht trotzdem Momente, wo Sie lieber einfach die Prinzessin gewesen wären – mit Pferd und Prinz, Happy End und ganz viel Glitzer?

Antwort: Immer! Ich liebe „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ oder „Dirty Dancing“. Mein Baby gehört zu mir, ich tanze immer den letzten Tanz. Das hat schon immer in meiner Brust geschwelt: auf der einen Seite die feministische Seite. Die „Ich muss mir nicht sagen lassen“- und „Ich gehe meinen eigenen Weg“-Seite. Und auf der anderen Seite, die Prinzessin, die erobert werden will, mit Prinz und Schimmel und Pretty Woman. Ich habe das lange versteckt, aber ich glaube, wir müssen uns diese Widersprüche erlauben – man kann und darf beides sein. Jeder Mensch hat so viele Facetten. Wenn wir aufhören uns zu verbiegen, dann kommen wir weiter. Und dann können wir auch alle in Ruhe 50 werden.

Frage: Worauf kann man sich denn freuen beim Älterwerden?

Antwort: Sie werden wahnsinnig weise werden! (lacht) Ich hab mich schon mit 18 gern reden gehört, aber jetzt finde ich, dass es so fundiert ist. Jetzt habe ich die Weisheit mit Löffeln gegessen. (lacht)

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