Sydney  Australische Marine expandiert: Bekommt Thyssenkrupp den Deal?

Barbara Barkhausen
|
Von Barbara Barkhausen
| 29.07.2025 17:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Australien will massiv in die Marine investieren. Ein deutsches Unternehmen ringt um den Auftrag. Foto: dpa/AAPB/Bianca De Marchi
Australien will massiv in die Marine investieren. Ein deutsches Unternehmen ringt um den Auftrag. Foto: dpa/AAPB/Bianca De Marchi
Artikel teilen:

Australien rüstet seine Marine mit neuen U-Booten und Fregatten auf. Ein Milliardenauftrag steht vor der Entscheidung – Deutschland und Japan buhlen um den Zuschlag.

Entscheidungsträger in Canberra blicken derzeit mit besonderer Aufmerksamkeit ins japanische Nagasaki wie auch in den hohen Norden Deutschlands. Denn die Fregatten, die hier vom Stapel laufen, könnten die australische Verteidigungspolitik in den kommenden Jahren entscheidend beeinflussen.

Australien plant im Rahmen des Projekts SEA3000 für rund zehn Milliarden australische Dollar (5,6 Milliarden Euro) elf neue Mehrzweckfregatten anzuschaffen. Dabei konkurriert die japanische Werft Mitsubishi Heavy Industries (MHI) mit dem deutschen Anbieter Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) um den Zuschlag.

Die Entscheidung soll noch in diesem Jahr fallen, so der „Sydney Morning Herald“. Die erste Lieferung sieht Canberra dann für 2029 vor, wobei die ersten drei Schiffe im Ausland gebaut werden sollen und die restlichen acht in Australien. Ziel ist es, die alternde Anzac-Klasse rasch zu ersetzen und die Zeit bis zur Indienststellung der größeren Hunter-Klasse-Fregatten ab 2032 zu überbrücken.

Japan setzt große Hoffnungen auf dieses Prestigeprojekt. Die Mogami-Klasse von MHI steht für modernste Technologie und großzügig dimensionierte Munitionslager. Hohe Automatisierung ermöglicht eine Besatzung von nur 90 statt der üblichen 120 Personen auf vergleichbaren Fregatten.

Das sogenannte Combat Information Centre (CIC) fungiert als zentrales Nervensystem und übernimmt viele Aufgaben, die früher auf mehrere Teams verteilt waren. Letzteres ist laut Jennifer Parker, Expertin am National Security College der Australian National University, angesichts massiver Nachwuchsprobleme bei der australischen Marine ein wichtiger Faktor.

Allerdings fehlt es Japan bislang an Erfahrung mit Rüstungsexporten. Jahrzehntelang verbot die Verfassung eine Beteiligung an Auslandseinsätzen, militärische Ausfuhren waren tabu. Das ändert sich erst in jüngster Zeit, unterstützt durch neue Agenturen wie die ATLA für Rüstungsbeschaffung und ein engeres Zusammenspiel von Industrie und Regierung.

Tokio plant auch, seine eigenen Verteidigungsausgaben massiv zu erhöhen – bis 2027 sollen sie zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichen. Die geopolitisch verschärfte Lage – mit China, Nordkorea und Russland als potenziellen Bedrohungen in nächster Nähe – hat Japans langjähriger Zurückhaltung nach dem Zweiten Weltkrieg ein Ende gesetzt.

Genau hier setzt die Konkurrenz an. Während Japan noch wenig Erfahrung im Exportgeschäft hat, nutzt Deutschland diese Lücke gezielt. So hat der deutsche Schiffbauer TKMS seine Chancen Ende Mai deutlich verbessert, indem er eine Partnerschaft mit dem schwedischen Unternehmen Saab einging, das das Kampfsystem für die meisten australischen Kriegsschiffe liefert.

Damit sichert sich TKMS einen entscheidenden Vorteil, denn die Royal Australian Navy ist mit Saab-Systemen bestens vertraut – ganz im Gegensatz zu den noch unerprobten japanischen Lösungen (wobei Japan inzwischen ein Upgrade zugesagt hat, auf dem US-Raketen und andere Systeme installiert werden könnten).

Das in Sydney unterzeichnete Memorandum of Understanding zwischen TKMS und Saab deckt ausdrücklich das SEA3000-Programm ab und soll die Integration des Saab-AusCMS-Systems ermöglichen, das Sensoren, Waffen und Besatzung vernetzt. Saab baut zudem seine Präsenz in Westaustralien aus, was lokale Arbeitsplätze sichern könnte.

Allerdings hat TKMS in Australien schon einmal eine bittere Niederlage erlebt: 2016 entschied sich Canberra im Rahmen eines milliardenschweren U-Boot-Programms für zwölf konventionelle Boote des französischen Konzerns Naval Group, um die Collins-Klasse zu ersetzen und ließ den deutschen Anbieter außen vor.

Nur wenige Jahre später wurde jedoch auch dieser französische Vertrag durch den AUKUS-Pakt gekippt, über den Australien nun stattdessen Atom-U-Boote aus Großbritannien und den USA beziehen soll. Dieses Hin und Her zeigt, wie unberechenbar große Rüstungsentscheidungen in Australien sein können und wie schwierig es für internationale Anbieter ist, langfristig zu planen.

Auch die Japaner hatten damals mitgeboten und waren wie auch die Deutschen leer ausgegangen. Japans Regierung versucht jedoch, aus den Fehlern früherer Bieterverfahren zu lernen. Diesmal sollen australische Ingenieure frühzeitig nach Japan entsandt werden, um Know-how zu erwerben, das später den Aufbau einer nachhaltigen Werftindustrie in Westaustralien unterstützt. Auch sollen Wartung und Upgrades während der gesamten 40-jährigen Lebensdauer der Mogami-Klasse sichergestellt werden.

All diese Bemühungen bleiben nicht unbeachtet. In einer Analyse warnen die Experten Euan Graham und Justin Bassi vom australischen Think Tank ASPI (Australian Strategic Policy Institute) dann auch davor, dass eine zweite Ablehnung japanischer Angebote nach dem verlorenen U-Boot-Deal von 2016 das Vertrauen Tokios, einem engen strategischen Partner Canberras, massiv erschüttern könnte.

„Australien hat eine Geschichte darin, durch Entscheidungen bei großen Rüstungsprojekten bewährte internationale Partnerschaften zu beschädigen“, schreiben sie. Zudem sei der geopolitische Kontext heute noch angespannter als damals. „Der mögliche Schlag für das Vertrauen und die Dynamik in der bilateralen Beziehung wiegt heute viel schwerer als 2016, als die Bedrohung durch China noch nicht so scharf gesehen wurde wie jetzt“, so Graham und Bassi weiter.

Von japanischer Seite pocht man ebenfalls auf die geopolitische Dimension. Major-General Yuki Sakata, Sprecher der japanischen Streitkräfte, erklärte gegenüber dem „Sydney Morning Herald“, eine Entscheidung für die Mogami hätte eine „sehr symbolische und bedeutende Wirkung“ auf andere Länder der Region, insbesondere in Südostasien. Denn sollte Australien erneut ein Angebot aus Japan ausschlagen, könnte Tokio die Zusagen zur strategischen Partnerschaft als leere Versprechen interpretieren.

Canberra hat bereits nach dem gescheiterten U-Boot-Deal 2016 viel Vertrauen wieder aufbauen müssen. Japan stehe Australien heute so nahe wie kaum ein anderer Partner ohne formellen Vertrag – so Graham und Bassi – auch weil beide Länder in multilateralen Partnerschaften wie dem Quad oder dem Aukus-Pakt eng mit den USA zusammenarbeiten.

Australiens früherer Premierminister Malcolm Turnbull betonte kürzlich ebenfalls die Bedeutung der Partnerschaft mit Japan: „Wir haben sehr gute Beziehungen zu Deutschland, aber Japan liegt natürlich in unserer Region“, so Turnbull.

Die strategische Beziehung zu Japan sei schlicht „enger“. Graham und Bassi warnten deswegen auch, dass Australien sehr sorgfältig abwägen müsse, ob kurzfristige technische Vorteile tatsächlich mehr wert seien als die langfristige politische Bindung zu Japan, die für die Sicherheit im Indopazifik entscheidend sei. Ein strategisches Eigentor werde die Geschichte in dieser sensiblen Lage nicht verzeihen.

Ähnliche Artikel