Osnabrück  Mangel an Testosteron: Was Cola und Süßwaren mit Ihren Hormonen machen

Jörg Zittlau
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Von Jörg Zittlau
| 28.07.2025 13:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ein Glas Cola kann den Hormonhaushalt eines Mannes durcheinander bringen. Doch Mann kann etwas dagegen tun. Foto: dpa/ Hauke-Christian Dittrich
Ein Glas Cola kann den Hormonhaushalt eines Mannes durcheinander bringen. Doch Mann kann etwas dagegen tun. Foto: dpa/ Hauke-Christian Dittrich
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Frauen haben es auch, doch bei Männern spielt es eine viel größere Rolle: Testosteron. Mit ihm steigt und fällt vieles von dem, was als männlich gilt. Doch ausgerechnet dieses Hormon ist schwankungsanfällig. Schon das Glas Cola oder die Tafel Schoko können seinen Wert nach unten drücken.

Täglich 30 Gramm Nüsse und drei Portionen grünes Gemüse, am besten aus ökologischem Anbau, und statt Cornflakes und Wurst sollten Joghurt und Fisch auf den Teller kommen. Der Kohlenhydratkonsum sollte auf höchstens 35 Prozent, raffinierter Zucker am besten komplett heruntergeschraubt werden.

Für viele der 50 durchschnittlich 40 Jahre alten Männer, die an der Studie des Francesco di Assisi Hospitals im italienischen Oliveto citra teilnahmen, war die ihnen für drei Monate auferlegte Diät schon eine Herausforderung. Aber sie hatten ein Problem, das nach einer Lösung verlangte: Es haperte nämlich mit ihrer Fruchtbarkeit, und ihr Testosteron im Blut lag bei 3,2 ng/ml, also unter den 3,5 ng/ml, die als unterer Richtwert gelten. Die Umstellung auf eine mediterrane Kost mit wenig Zucker sollte ihnen nun aus dieser Krise helfen.

Und tatsächlich: Am Ende lag ihr Testosteronwert bei fast 7 ng/ml, er hatte sich also mehr als verdoppelt. Eine Untersuchung ihres Spermas erbrachte außerdem deutlich weniger Erbgutschäden in den Samenzellen. „Beide Faktoren spielen eine Schlüsselrolle für die männliche Fruchtbarkeit“, betont Studienleiter Luigi Montano.

Ob die Probanden nach ihrer Diät erfolgreich Nachwuchs gezeugt haben, weiß der Urologe nicht. Das wurde nicht untersucht. Aber sie waren hormonmäßig in der männlichen Spur, denn Testosteron sorgt für typische „Kerle-Merkmale“ wie Muskulatur, Mut, Libido und eine tiefe Stimme.

Und das laut Montano umso mehr, je erfolgreicher man seine Kohlenhydratzufuhr auf unter 35 Prozent drücken kann. Wobei dies insbesondere für den Einfachzucker gilt, und nicht für die komplexen Kohlenhydrate. Nicht Linsensuppe und Vollkornbrot sind also die Feinde des Mannes, sondern Cola, Süßwaren und Cornflakes.

„Die Beziehung von Kohlenhydraten und Testosteron ist schon eine extrem spannende Geschichte“, findet Hendrik Lehnert, der ehemalige Direktor der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie. Sie habe viele Facetten, es seien aber auch immer noch Fragen offen. Wie etwa, so Lehnert, der aktuell am englischen University Hospital Coventry and Warwick forscht: „Was passiert ad hoc mit dem Testosteron, wenn der Mann sich das Sahneeis oder eine andere Speise mit hohem Zuckeranteil gönnt“.

Die Studienlage gibt zumindest Hinweise darauf, dass bereits kurzfristige Naschattacken an der hormonellen Männlichkeit nagen. Ein Forscherteam des Massachusetts General Hospital in Boston verabreichte 74 Männern ein hochkonzentriertes Süßgetränk, dessen Zuckeranteil mehr als 100 Gramm Vollmilchschokolade entsprach.

Die Blutmessungen vorher und nachher ergaben, dass der Testosteronwert bei den Probanden nach dem Drink um durchschnittlich 25 Prozent absackte. Und das für immerhin 2 Stunden. „Dabei war es irrelevant, ob die Testpersonen gesund waren oder unter Diabetes litten“, betont Studienleiterin Frances Hayes. Bei 15 Prozent fiel der Wert sogar auf unter 3,5 ng/ml, also unterhalb der medizinisch erwünschten Marke.

Als Ursache für diese Effekte wird diskutiert, dass der Konsum großer Zuckermengen die Leydig-Zellen hemmt. Diese vom deutschen Zoologen Franz Leydig (1821-1908) entdeckten Zellen befinden sich in den Hoden, wo sie normalerweise 95 Prozent des Testosterons im Männerkörper produzieren. Aber Zucker bremst auch die Hirnanhangsdrüse, das zentrale Steuerungsorgan des Hormonhaushalts. „Die Testosteronausschüttung ist ein überaus komplexer Vorgang“, erläutert Lehnert. Der Zuckerkonsum könne da an mehreren Punkten ansetzen.

Dass er indirekt zum Testosteronmangel führen kann, ist schon länger klar. Nämlich durch Übergewicht und Fettleibigkeit, die bekanntermaßen vom Zucker unserer industriellen Zivilisationskost vorangetrieben werden. „Der Zusammenhang von Übergewicht und Testosteronmangel ist vielfach belegt“, betont Michael Zitzmann vom Uni-Klinikum der Universität Münster. Denn gerade das Bauchfett ist alles andere als nur ein Passivgewebe, das man mit sich herumschleppen muss.

Einige Mediziner bezeichnen es sogar als größtes hormonproduzierendes Organ unseres Körpers. „Es produziert Leptin und Entzündungsbotenstoffe, die sowohl die Hoden als auch die Hirnanhangsdrüse herunterregulieren“, erläutert Zitzmann. Außerdem kursiert im Bauchfett ein Enzym namens Aromatase, durch das Testosteron zu Östrogen umgewandelt wird. Die berüchtigte Wampe erhöht als nicht nur das Risiko für Infarkte und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sie verschiebt auch die hormonelle Balance von der männlichen zur weiblichen Seite.

Das eigentlich Fatale aber ist, dass mit der Testosteronflaute infolge des Bauchfetts die Geschichte nicht beendet ist. Denn wenn das Hormon fehlt, beschleunigt das wiederum umgekehrt die Bildung von Bauchfett. „Das schaukelt sich gegenseitig hoch“, erläutert Lehnert. „Dadurch ist es relativ egal, ob der Hormonmangel oder das Übergewicht zuerst da waren.“ Es läuft am Ende auf das Gleiche hinaus: zu viel Fett und zu wenig Testosteron. Bis zu 40 Prozent der übergewichtigen Männer mit Stoffwechselstörungen haben auch ein Testosterondefizit.

Testosteron reguliert den Fettumsatz und verbessert die Insulinaufnahmefähigkeit der Zellen, so dass sie mehr Zucker aus dem Blut ziehen können. Aus diesen Gründen hat es nicht nur einen großen Einfluss aufs Übergewicht, sondern auch auf die Entstehung und den Verlauf von Stoffwechselstörungen wie Diabetes 2 und dem metabolischen Syndrom. Von daher erscheint es sinnvoll, Testosteron auch in der Behandlung dieser großen Zivilisationserkrankungen unserer Zeit einzusetzen.

Ein Forscherteam um den Bremerhavener Urologen Karim Haider untersuchte 356 Diabetespatienten mit niedrigem Testosteronspiegel, von denen die Hälfte - zusätzlich zu ihren üblichen Medikamenten - ein Testosteronpräparat bekam. Nach 12 Wochen zeigten diese Patienten deutlich niedrigere Blutzuckerwerte, und man konnte auch die Dosis des verabreichten Insulins bei ihnen senken.

Die Blutfettwerte waren ebenfalls besser, und ihr Körpergewicht sank im Durchschnitt von 115 auf 87 Kilogramm, während die Männer ohne Testosteronbehandlung sogar leicht zunahmen. Haider selbst arbeitet schon seit über 15 Jahren mit Testosteron in der Diabetes-Therapie.

Ist also das Geschlechtshormon der kommende Star in der Abspeck-Szene? Für Experten ist es nur angezeigt, wenn ein nachgewiesener Mangel des Hormons besteht. Aber man sollte nicht als generelles Mittel gegen Übergewicht und Diabetes einsetzen. „Denn in diesem Falle könnte sich das verabreichte mit dem körpereigenen Testosteron zu einer gefährlichen Überdosis summieren“, warnt Zitzmann.

Man müsste dann, ergänzt Lehnert, die Therapie doppelt und dreifach überwachen und insbesondere die Prostata und die Fließeigenschaften des Blutes im Auge behalten. „Und dabei dürften“, so der Endokrinologe und Psychologe, „viele Ängste mitschwingen.“

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