Bayreuth Bayreuther Festspiele 2025: Was die „Meistersänger“ schuldig bleiben – die ultimative Kritik
Lustig sollte es wohl sein, die Premiere der „Meistersinger von Nürnberg“ zu Eröffnung der Bayreuther Festspiele 2025. Doch die Inszenierung von Matthias Davids bleibt vieles schuldig. Überraschend waren eher die Parallelen zwischen Bühne und Realität.
Ob Florian Silbereisen weiß, dass er schon mal Teil einer „Meistersinger“-Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen war? 2007 war das; damals hatte Katharina Wagner den Bilderstürmer Walther von Stolzing in einen massenkonformen, blondgelockten Silbereisen-Look-A-Like verwandelt. Oder ob Julia Klöckner wusste, dass ihre grün glänzende Robe sich am Ende der diesjährigen Premiere als doppeltes Merkel-Double auf der Bühne wiederfindet?
Wie findet es die Bayerische Jagdkönigin Diana Merkle, alle möglichen Wein-, Kartoffel-, Kirsch- und sonstwelche Dorfschönheitsköniginnen auf der Bühne zu sehen? Und wie findet Angela Merkel es, sich in doppelter Ausführung auf der Festwiese zu erleben? All das wissen diese Ehrengäste der Bayreuther Festspiele nur selbst. Aber zeigt all das nicht, wie eine Opernpremiere über die Bühne hinaus in die Wirklichkeit reicht?
Wie auch immer: Eine „kolossale Komödie“ hat Regisseur Matthias Davids im Programmheft zur diesjährigen Neuproduktion der Bayreuther Festspiele versprochen. In Bezug auf die Dimensionen der „Meistersinger“ stimmt das schon mal: Viereinhalb Stunden netto zwingt Wagners Oper die Zuschauer ins Gestühl des Festspielhauses. Wer da sein Publikum bei der Stange halten will, muss sich etwas einfallen lassen, und eine rasante Komödie zu inszenieren ist da sicher ein guter Ansatz. Nur sollte der über eine möglichst schrille, möglichst plastikbunte Ausstattung hinausgehen.
Dazu kommt eine weitere Herausforderung: Dem Stück haftet seine Rezeptionsgeschichte an. Richard Wagner buchstabiert in der Figur des Sixtus Beckmesser seinen Antisemitismus mit sarkastischer Freude aus. Dazu leuchtet im dritten Akt vom „Wach‘ auf“-Chor bis zu Hans Sachs‘ Ansprache zur „deutschen Kunst“ und dem „welschen Tand“ ein Nationalismus auf, der wie die Blaupause für die Ideologie der Nationalsozialisten klingt. Ein Regieteam kann das nicht ignorieren, zumal in Bayreuth.
Doch Davids blendet solche Fragen erstmal aus. Die Geschichte beginnt in einem kleinen Bergkirchlein, zu dem eine steile Himmelstreppe führt. Die Meistersinger tagen in einem Halbrund, das dem Bayreuther Festspielhaus nachempfunden ist. Die Gassen von Nürnberg flankiert eine vertikale Stadt aus stilisierten Fachwerkhäusern, die Schusterwerkstatt des Hans Sachs ist ein deprimierend dunkles Loch, und die Festwiese, auf der die Geschichte endet, ist der quietschbunte Albtraum von einer schlechten fränkischen Dorfkirchweih.
Diese Bühne von Andrew D. Edwards steckt voller ironischer Anspielungen und böte genügend Ansatzpunkte, um Antisemitismus und Nationalismus satirisch zu brechen. Nur dringt Davids mit zahlreichen Anspielungen nicht in die Tiefenschichten des Stücks, sondern landet in wolkiger Beliebigkeit. Simon Eichenbergers Choreografien mit dem – aufgrund von Sparzwängen personell ausgedünnten – Festspielchor (Leitung: Thomas Eitler de Lint) und viele Statisten bewegen sich hart an der Grenze zur Albernheit und manchmal jenseits davon. So umzingelt Davids ständig den Witz, der aber nicht so richtig herauskommen will.
Aber wenigstens erhalten die Musik, die Sänger und das Bayreuther Festspielorchester unter der Leitung von Daniele Gatti genügend Raum. Er leuchtet Wagners fein ziselierte Partitur aus, bringt Bühne und Graben gut zusammen, findet zu einer stimmigen Balance aus Komödiendrive und Innigkeit. Das Quintett im dritten Akt vereint nicht nur zwei Liebespaare, denen Hans Sachs das Fundament gibt, sondern wird zum musikalischen Höhepunkt des Abends – Wagner, der genialische Verführer, dem man jede Länge verzeiht.
Auch sängerisch bewegt sich diese Produktion auf hohem, dem Ort angemessenen Niveau. Georg Zeppenfeld singt den Hans Sachs mit zunehmender Intensität seines elegant-markanten Basses, wenngleich er seiner Figur eine ausgewachsene Altersdepression mitgibt und sie ansonsten seltsam ungreifbar bleibt. Michael Spyres setzt seinen warmen, fülligen Tenor überzeugend dem Stimmideal entgegen, das Klaus Florian Vogt mit goldenschlanker Stimme für die Partie des Walther von Stolzing fast zum Standard erhoben hat.
Christina Nilsson steigert sich als Eva immens im Laufe des Abends und dazu passt, wie sie am Ende die Initiative ergreift, um gemeinsam mit Stolzing eine Zukunft ohne Meistersinger-Männerbund zu suchen.
Den Komödienanspruch löst aber allein Michael Nagy ein: Sein Sixtus Beckmesser sucht mit neonleuchtender Herzchen-Laute den Weg zum Starruhm, er muss sich zu Wagners rasanter Prügelfuge am Ende des zweiten Aktes schrecklich vermöbeln lassen, er ist derjenige, der zumindest versucht, der Deutschtümelei von Hans Sachs den Stecker zu ziehen, und das wortwörtlich und mit den Mitteln der Komödienkunst – und mit fein austariertem Bariton und fast als einziger mit klarer Aussprache.
So erreichen diese „Meistersinger“ musikalisch problemlos das Niveau, das Bayreuth aufbieten muss, um sich als Institution in Sachen Wagner zu behaupten. Genau diese Relevanz aber lässt die Inszenierung von Matthias Davids vermissen, und das wird gerade mit dieser Oper in Bayreuth zum Problem.
Katharina Wagner hat in ihren „Meistersingern“ am Ende dem Publikum den Spiegel vorgehalten, Barry Kosky hat die Festwiese in den Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse verlegt – und beide waren sie witzig.
Immerhin: Am Ende arbeitet Davids heraus, dass die Meistersinger-Bruderschaft in eine gesellschaftliche Sackgasse geraten ist. Die Volksmassen bleiben ratlos zurück, die Obermeistersinger Sachs und Beckmesser verlieren sich in selbstreferentiellen Diskursen über die wahre Kunst – und die Zukunft verlässt, in Form von Walther und Eva, die Stadt.
Aber der Weg dahin ist lang und leider auch belanglos. Aber: Das Publikum feiert die Produktion – und vielleicht auch ein bisschen sich selbst. Was man nach viereinhalb Stunden reiner Spielzeit ja auch darf.