Hamburg  Therapiebedürftigen bleibt nur ChatGPT oder angedrohter Suizid – das darf nicht sein!

Julia Falkenbach
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Von Julia Falkenbach
| 27.07.2025 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Wer schnell einen Therapieplatz braucht, wird im gegenwärtigen System erst nach langer Wartezeit fündig – das kann mitunter fatale Folgen haben. Foto: dpa/Fabian Sommer
Wer schnell einen Therapieplatz braucht, wird im gegenwärtigen System erst nach langer Wartezeit fündig – das kann mitunter fatale Folgen haben. Foto: dpa/Fabian Sommer
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Fast ein halbes Jahr müssen psychisch kranke Menschen auf einen Therapieplatz warten. Ein Vorschlag der gesetzlichen Kassen soll den Prozess beschleunigen. Kann das gelingen?

In 142 Tagen kann viel passieren. Ein Fötus kann auf die Größe eines Kohlrabis anwachsen, ein Weltenbummler von Amsterdam nach Peking wandern – oder ein psychisch kranker Mensch zu dem Schluss kommen, dass er nicht mehr Teil dieser Welt sein möchte. 142 Tage beträgt die durchschnittliche Wartezeit vom Erstgespräch bei einem Psychotherapeuten bis zum Beginn der Therapie.

Wie lang sich 142 Tage anfühlen können, musste ich miterleben, als eine Freundin krank wurde. So krank, dass die ambulante Therapie nur als Überbrückung bis zum mehrmonatigen stationären Therapieplatz gedacht war. Doch sie bekam keinen Platz. Nur wenn eine konkrete Eigen- oder Fremdgefährdung nicht ausgeschlossen werden könne, dann könne sie sofort aufgenommen werden. Angedrohter Suizid als einziger Weg, um schnell Hilfe in psychischen Ausnahmesituationen zu bekommen?

Man stelle sich vor, ein Krebspatient müsste mit einer auf den eigenen Kopf gerichteten Pistole zum Arzt gehen, um Chemotherapie zu bekommen. Ich wollte ihr nicht raten, einfach zu lügen und eine Eigengefährdung vorzutäuschen, um endlich Hilfe zu bekommen; zu groß war meine Angst, sie auf Gedanken zu bringen. 

Diese Geschichte ist einige Jahre her. Ihr geht es besser, wie ich gehört habe. Unsere Freundschaft war an all dem zerbrochen. Manchmal frage ich mich, ob die Geschichte anders ausgegangen wäre, wäre sie dieses Jahr passiert. Schneller an einen Therapieplatz wäre sie mutmaßlich nicht gekommen – doch hätte ChatGPT ihr besser helfen können als ich? Das legt zumindest eine US-Studie von Anfang des Jahres nahe. Darin bewerteten Probanden die Antworten der KI gar als hilfreicher als die Aussagen echter Therapeuten. Warum? Unter anderem, weil diese mehr Substantive und Adjektive enthielten.

Denn darauf kommt es natürlich an. Doch ich will und werde niemanden verurteilen, der sich in einer Ausnahmesituation verzweifelt und ratsuchend an eine scheinbar allwissende und immer verfügbare Instanz wendet; und da Gott nicht unmittelbar antwortet, springt eben ChatGPT ein. Das Problem ist niemals der Hilfesuchende, sondern immer das System, das ihm die Hilfe verwehrt. 

Es tut mir leid, aber die langen Wartezeiten für Psychotherapieplätze sind einer der größten Skandale unseres Gesundheitssystems. Nicht nur, weil Psychotherapie in vielen Kreisen immer noch als Zeichen der Schwäche interpretiert wird statt als die schiere Notwendigkeit, die sie nun einmal ist.

Sondern auch, weil spätestens beim nächsten Suizid eines Prominenten oder beim nächsten Messerangriff öffentlich gefragt werden wird, warum diese Personen nicht rechtzeitig psychotherapeutische Hilfe in Anspruch genommen haben oder gar angeboten bekommen haben. Denn nur in diesen Fällen werden die Folgen unbehandelter psychischer Erkrankungen für den Einzelnen oder die Gesellschaft ernst genommen.

Insofern ist es ein erster Schritt, dass die gesetzlichen Krankenkassen nun eine Meldepflicht für freie Behandlungskapazitäten und eine zentrale Vergabe der Termine anregen. Ob es wirklich stimmt, dass es „keinen Mangel an Psychotherapieplätzen” gibt und es lediglich ein Verteilungsproblem gibt, wie sich die Kassen sicher sind, würde ich mit einem Fragezeichen versehen.

Nach Einschätzung der Bundespsychotherapeutenkammer fehlen 7000 Kassensitze für Psychotherapeuten. Aber wenn Hilfesuchende sich nicht mehr von 30 Therapeuten anhören müssen „Sorry, wir nehmen aktuell keine neuen (Kassen-)Patienten”, dann wäre diese zentrale Vergabe eine gute Sache.

Hilfe für an Depression Erkrankte: Bitte holen Sie sich Hilfe, wenn Sie sich in einer Krise befinden. Anlaufstationen listet die Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention auf ihrer Website auf, unter anderem das Hilfetelefon Depression: 0800 3344533, kostenlos, Mo, Di, Do von 13 bis 17 Uhr und Mi, Fr von 8.30 bis 12.30 Uhr.

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