Hamburg Todeszone Landstraße: „Mehr Überwachung würde einiges bewirken“
Die Landstraße ist der gefährlichste Verkehrsweg in Deutschland. Im Schnitt sterben dort vier Menschen pro Tag. Unfallforscher Markus Egelhaaf über die Ursachen und Lösungen.
Oft steht nur noch ein Kreuz am Straßenrand, das auch Jahre nach einem Unfall an den Menschen erinnert, der hier sein Leben verloren hat. An der Landstraße sieht man es besonders oft, denn es ist der Verkehrsweg, der beim Anteil der Verkehrstoten mit 58 Prozent an einsamer Spitze liegt. I
Im Jahr 2024 sind im deutschen Straßenverkehr laut Statistischem Bundesamt 2.770 Menschen ums Leben gekommen. Davon 915 innerorts, 1.571 außerorts ohne Autobahn und 284 auf Autobahnen.
Doch warum scheint man die vielen tödlichen Verkehrsunfälle Jahr für Jahr einfach hinzunehmen? Markus Egelhaaf ist Unfallforscher bei der Automobil-Prüfgesellschaft DEKRA und weiß, warum es auf der Landstraße besonders häufig kracht – und wie man es verhindern könnte.
Frage: Herr Egelhaaf, laut Unfallstatistik passieren mehr tödliche Unfälle auf Landstraßen als auf Autobahnen und in Städten zusammen. Was macht die Landstraße so gefährlich?
Antwort: Auf der Landstraße kommen viele Aspekte zusammen. Zum Teil herrscht ein dichtes Verkehrsaufkommen, es sind hohe Geschwindigkeiten mit bis zu 100 km/h erlaubt und Trennungen zum Gegenverkehr fehlen. Weitere Gefahren sind Einmündungen und Kreuzungsbereiche, in denen nur selten eine nennenswert reduzierte Geschwindigkeit vorgeschrieben ist. Oftmals gibt es Sichthindernisse, Kurven sind eng und direkt am Fahrbahnrand stehen Hindernisse wie Bäume. Zudem sind auf der Landstraße vom Motorradfahrer über landwirtschaftliche Maschinen bis hin zum Radfahrer verschiedene Verkehrsteilnehmer mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten unterwegs.
Frage: Für den einen oder anderen Autofahrer gilt: „Freie Fahrt auf freier Strecke.“ Wie stark spielt das menschliche Fehlverhalten bei schweren Landstraßenunfällen eine Rolle?
Antwort: Es kommt häufig zu riskanten Überholmanövern. Viele wissen zum Beispiel gar nicht, dass ein Lkw außerorts nur 60 km/h fahren darf, werden ungeduldig und überholen. Wer dabei von der Straße in den meist unbefestigten Seitenbereich abkommt, gerät schnell ins Schleudern. Auch nicht angepasste Geschwindigkeiten spielen häufig eine Rolle.
Frage: Welche Entwicklungen oder Trends beobachten Sie aktuell bei Unfällen auf Landstraßen – gibt es etwa bestimmte Altersgruppen, die häufiger betroffen sind?
Antwort: Grundsätzlich sind alle Altersgruppen beteiligt, allerdings stechen die jungen Fahranfänger zwischen 18 und 25 Jahren hervor. Ebenso steigen die Unfallzahlen bei den älteren Verkehrsteilnehmern ab 55 Jahren wieder an. Männer verunglücken häufiger schwer als Frauen. Die Zahl der verunglückten Fahrradfahrer auf Landstraßen steigt ebenfalls an, weil aber auch mehr Rad gefahren wird.
Frage: Was sind die Unfallursachen bei den jungen Autofahrern?
Antwort: Fahranfänger konnten noch nicht ausreichend Erfahrungen sammeln, sie überschätzen sich häufig selbst und reagieren bei kritischen Situationen oftmals falsch. Auch das zu schnelle Fahren ist ein Riesenthema. Alkohol als Unfallursache ist deutlich zurückgegangen, aber weiterhin ein Problem.
Frage: Gibt es konkrete Gründe für den Rückgang beim Alkohol am Steuer?
Antwort: Der Führerschein auf Probe, für den eine Null-Promille-Grenze gilt, hat viel gebracht, genauso wie das begleitete Fahren ab 17 Jahren. Außerdem gibt es eine höhere Akzeptanz unter jungen Menschen, wenn jemand nichts trinkt. Wir müssen allerdings künftig beobachten, wie sich das Thema Cannabis auf die Unfallzahlen auswirken wird – das betrachten wir mit Sorge. Belastbare Daten liegen aber noch nicht vor.
Frage: Gib es Aspekte in der Führerscheinausbildung, die besser werden müssen, damit die Unfallzahlen auf Landstraßen sinken?
Antwort: Es muss natürlich viel Landstraße gefahren werden. Wer in der Stadt lebt, hat nur wenig Praxis und die Landstraße ist entsprechend Neuland. Ein wichtiger Aspekt ist aber die Vorbildfunktion. Haben Eltern ein riskantes Fahrverhalten, gucken die Kinder sich das ab. Dasselbe gilt für den Freundeskreis, aber eigentlich für jeden Autofahrer. Wer hinter einem Fahranfänger fährt und drängelt, verunsichert diesen extrem.
Frage: Welche präventiven Maßnahmen müssen noch ergriffen werden, um die Unfallzahlen auf Außerortsstraßen zu mindern?
Antwort: Es gibt viele verschiedene Ansatzpunkte. Zum einen Infrastrukturmaßnahmen wie fehlerverzeihende Landstraßen. Diese müssen so ausgebaut sein, dass der Autofahrer weiß, wo er hinfährt und nicht plötzlich von einer scharfen Kurve überrascht wird. Kommt er doch von der Straße ab, müssen die Seitenräume so gestaltet sein, dass er nicht gleich an einem Baum zerschellt. Nicht selten prallen Motorradfahrer gegen den Richtungspfosten in der Kurve und die eigentliche Sicherheitseinrichtung wird zur Todesfalle. Auf viel befahrenen Landstraßen sind „Zwei zu eins“-Lösungen sinnvoll, also Streckenabschnitte, auf denen abwechselnd Überholmöglichkeiten geboten werden. Ein vorab herrschendes Überholverbot wird dann auch besser akzeptiert.
Frage: Wie sieht es mit einem Tempolimit auf Landstraßen aus?
Antwort: Die Landstraßen müssen besser klassifiziert werden, oft gibt der Straßenzustand die Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h nicht her. Da sollte dann einfacher 80, 70 oder auch nur 60 km/h angeordnet werden können.
Frage: Wird das Einhalten der Geschwindigkeit oder eines Überholverbots auf den Landstraßen aus Ihrer Sicht ausreichend kontrolliert und geahndet?
Antwort: Der Schrei nach mehr Überwachung wird nie gern gehört, aber das würde einiges bewirken. Die Bußgelder sind im Vergleich mit anderen europäischen Ländern relativ gering. Natürlich kann es auch teuer werden, aber die Wahrscheinlichkeit beim Drängeln, Rasen oder gefährlichem Überholen erwischt zu werden, ist gering. Die Polizeidichte im ländlichen Raum ist vergleichsweise niedrig und wo kein Kläger, da kein Richter. Der Druck, der erforderlich ist, um etwas zu bewegen, ist einfach nicht da.
Frage: Wie müsste sich der öffentliche Diskurs verändern, damit die Landstraße als Gefahr ernst genommen wird?
Antwort: Es muss sich im Bewusstsein der Menschen verankern, dass man nicht nur die Verantwortung trägt, selbst gut und sicher mit dem Auto nach Hause zu kommen, sondern auch anderen die Chance geben muss, gesund anzukommen. Die Folgen eines Verkehrsunfalls müssen jedem klar sein: Wenn jemand im Straßenverkehr stirbt, sind die Auswirkungen für die Angehörigen, den Freundeskreis aber auch den Verursacher selbst immens.